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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-02-05 · Heft 6 (5.2.1892) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 6 (5.2.1892)
Date
1892-02-05
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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Wie ging es zu, daß ich in Eure Hönde kam?" „O," seufzte Iwan. „Es ist schon eine lange Zeit, laßt mich einen Augenblick besinnen, daß ich mir das, was ich damals erlebt, ms Gedächtniß zurückrufe." „Hier ist ei» Sessel," sprach Eva. „Setze Dich, Iwan, und überlege." Der Alte setzte sich auf den Sessel, das Haupt abwärts neigend; wie Jemand, der an eine ferne Zeit zurückdenkt, begann er: „Es sind nun schon bald dreiunddreißig Jahre. Der heilige Herr, dem Ihre Majestät die Kaiserin oft wichtige geheime Aufträge ertheilte, wohnte in St. Petersburg. Damals lebte noch Zar Peter Hl. Eines Nachts weckte die Kammerfrau der Kaiserin Anna Jwanowna Den „heiligen Herrn" und mich und befahl meinem Herrn und mir, rasch ins Winterpalais zu kommen. Die Kaiserin sähe einer Niederkunft entgegen. Das Kind aber, welches sie zur Welt bringen werde, müsse sie vor den Augen des Zaren verbergen. — „Ihr sollt es verbergen," sprach Jwanowna, „Eure Frau soll» groß ziehen, bis die Kaiserin Herrin ihres Schicksals sein wird." Iwan machte eine Panse, sann eine Weile nach und fuhr dann wieder fort. „Der Prophet fragte sein Weib, ob sie damit einverstanden sei, ein fremdes Kind bei sich aufzunehmen, und erklärte sich dann bereit, dem',Befchl der Kaiserin zu willfahren. Wir machten uns auf den Weg. Es war eine entsetzliche Winternacht. Ein schneidender Ostwind sauste durch die Straßen, der einem fast den Hauch im Munde erstarren machte. Hu, es war schrecklich," rief Iwan. „Noch erfaßt mich Angst, wenn ich an jene Winternacht gedenke. Der Schlitte», den Anna Jwanowna mitgebracht hatte, fuhr rasch, aber uns schien die halbe Stunde, welche die Fahrt bis zum Winterpalais dauerte, eine Ewigkeit zu sein." Der Alte besann sich wieder. Eva, die ihm mit höchster Spannung zuhörte, unterdrückte ihre Ungeduld. „In denr durchwärmten Pallast erholten wir uns wieder schnell. Anna Jwanowna führte uns vor die zu Bette liegende Kaiserin, bei der wir die Wehmutter antrafen. Wir mußten versichern, daß wir auf das Kind Bedacht nehmen wollte», und die Kaiserin versprach dein heiligen Herrn reichliche Geldunterstützungen. „Zehntausend Dukaten," sprach sie, „habe ich für Euch auf die kaiserliche Kasse auweisen lassen." Während sie sprach, hörte man draußen unter dem Hauptportal die Wache ins Gewehr rufen und Trommeln wirbeln. „Macht schleunigst, daß Ihr aus dein Zimmer kommt, das ist der Zar," sprach sie. Anna Jwanowna verbarg uns in einem Seitenkabinet, die Wehmutter in einein andereii. Es dauerte nicht lange und wir hörten die Stimme des Zaren. Er sprach undeutlich, gebrochen, oft lallte er nur. Er war betrunken. Scherzend unterhielt sich die Kaiserin mit ihm." „Himinel, sei uns gnädig, wie bringen wir den Zaren weg," sprach Anna Jwanowna. „Ich fahre nach Hause," sprach ihr Mann, der kaiserlicher Leibdiener war, „ich stecke unser Haus in Brand. Der Zar fehlt bei feinem Feuerlärm, er wird schleunigst nach dem Ort der Feuersbrunst eilen." „Iwan wohnte in Wassili Osterowo, einem der entferntesten Sladttheile. Man hörte drinnen die kreischenden Töne des Zaren, während die Stimme der Kaiserin zu ermatten schien. Die Kaiserin machte öfter Pansen und jeden Augenblick fürchteten wir, daß das Geheimnis; an den Tag käme. Mit einem Male hörten wir den schrillen Ton der Sturmglocke von der St. Paulskirche. Andere Glocken antworteten, Trommeln rasselten in den Straßen, „Feuer, Feuer!" schrie es allerwärts, mit jedem Augenblick wuchs der Tumult. „Ein Brand," rief der Zar. „Leb' wohl, Katharina, meine Pflicht ruft mich." „O, gehen Sie nicht hinaus in die kalte Winternacht," sprach die Zarin, „bewahren Sie sich Ihrem Lande, dessen Heil und Segen Sie sind." „Ein großer Fürst sucht die Gefahr," antwortete der Zar pathetisch, „niemals nstrd er ihr aus dem Wege gehen. Leben Sie wohl." Der Zar ging und kaum hatte er das Zimmer verlassen, als die Wehmnttcr cintrat. Unten hörte man noch die Kommandorufe des Zaren, als im Zimmer nebenan die Entbindung vor sich ging. Der Pope wurde gerufen und wir durften bei der Taufe gegenwärtig sein. Ich sehe heute noch das liebe Kindchen mit den schwarzen Haaren auf dem Köpfchen und den klugen Aeuglein vor mir. Als die Tauffeierlichkeit vorüber war, hing Euch die Zarin die Kette mit vem Medaillon um den Hals. Die Krone auf dem Medaillon ist die russische Kaiserkrone. Das E. bedeutet Euren Vornamen Eva und R. ist Euer Familienname Romauowna. Die Zarin küßte und herzte Euch lange, und erst als das Aufhören des Feuerlärms die Rückkehr des Zaren befiirchten ließ, befahl sie uns, Euch mit hinweg zu nehmen. — „Leb' wohl, Kind," sprach die Zarin, „Gott schütze Dich!" Eva war ergriffen von der Erzählung des Alten. Ein Strom von Thrünen ergoß sich über ihre Wangen. Iwan schwieg. Nachdem sich Eva wieder gefaßt hatte, ermunterte sie ihn, fortzufahren. Er sprach: „In der eisigen Winternacht fuhren wir auf einem Schlitten in eiliger Flucht nach Hause. DaS kleine Kind war schon halb erstarrt, obwohl es in warme Pelze gehüllt war. Nach und nach erholte es sich. Es schlummerte sanft im warmen Zimmer, und als es erwachte, war schon die Amme für es zur Hand. So bist Du aufgewachsen. Wenige Monate nach diesem Ereigniß, im Frühjahr 1762, reiste der „heilige Herr" mit Dir und seiner Frau nach Nicopol in der Türkei, wo die Gläubigen nach ihm verlangten. Ich blieb noch in St. Petersburg zurück. Da kam die Revolution, die Katharina auf den Thron erhob und Zar- Peter III. stürzte. O, sie war schön diese Revolution. Der Zar wollte Katharina in Haft nehmen lassen, aber diese kam ihm zuvor. Heimlich verließ sie Nachts Schloß Peterhof und langte um 7 Uhrfrüh in der Kaserne des Jsmailofs'schen Regiments an. „Soldaten," rief die Zarin, „der Kaiser will mich tobten lassen, wollt Ihr mich schützen?" — „Es lebe die Kaiserin!" rief das Regiment. Die Soldaten huldigten rind auf das Kruzifix leisteten sie der Kaiserin den Eid. Das Gleiche thaten die Simonski'schen und Preobraschenskischen Garden. Alles rief: „Hoch die Kaiserin!" und mit Hurrah gings nach Oranienbaum, wo der Kaiser residirte. Peter verlor den

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