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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-02-05 · Heft 6 (5.2.1892) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 6 (5.2.1892)
Date
1892-02-05
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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Himmel will ich aufsteigen, über den Sternen Gottes meinen Thron erheben .... dem Höchsten mich gleichstellen; doch in die Unterwelt ivardst du geschleudert, in die Tiefe der Gruft", so wurde es auch an ihm fast buchstäblich erfüllt, wie überhaupt das ganze Kapitel oorbildlich auf ihn geweissagt scheint (vergl. Jerem. 50 u. 51, ähnlich auch Ezech. 27, 28 u. ff.). Und tvas spricht lauter und verständlicher als die französische Revolution vor einem Jahrhundert gegen Bereicherung und Wohlleben der oberen Stände aus Kosten der niedere»? Lassen sich aber trotz der, die ganze bestehende Gesellschaftsordnung umzustürzen drohenden Bestrebungen der letzteren wohl Junker, Agrarier rc. unserer Tage durch die mit Blut geschriebene Flammcnschrift jener Epoche vor hartnäckiger Verfolgung ihrer eigensüchtigen Klasseninteressen warnen? Am schwersten und nachhaltigsten von Allen hatte aber die israelitische Nation unter solcher Vergeblichleit der Menschen und Völker zu leiden, ja, sie schlägt ihr tiefste Wunden noch bis in die Gegenwart. Pharao und die Aegypter tvurden um ihrer Bedrückung willen init den schwersten Strafgerichten heimgesucht; an Assyrien und Babylon gingen die Drohungen der Propheten furchtbar in Erfüllung, Haman und Antiochns Epiphanes beschworen durch die gegeir sie ersonnenen teuflischen Pläne das - schrecklichste Verhängniß auf sich selbst herab; doch diese unverkennbaren Warnnngsrnfe von oben verhallten wirkungslos vor den Ohren der Völker und ihrer Häupter. Ein einzig in der Weltgeschichte dastehendes, durch Jahrtausende sich hindurchziehendes Martyrium des Offenbarungsvolkes war die entsetzliche Folge davon, und die erbarmungslose Austreibung der Hunderttausende von durch Betriebsamkeit, Gelchrsainkeit, und viele andere Vorzüge den leiblichen und geistigen Wohlstand ihrer Länder am meisten fördernden altausässigen jüdischen Staatsbürgern aus Spanien rmd Portugal vor vier Jahrhunderten setzte der tausendjährigen Willkür und Grausamkeit der Völker gegen sie nur die Krone auf, strafte sich selbst aber schwer damit, das; beide Staaten ihrer bis dahin machtgebietenden Stellung im Konvent der europäischen Reiche immer mehr verlustig gingen und jetzt kaum noch die dritte Geige darin spielen. Solch augenfällige Vorgänge, die man als wahre Gottesgerichte anseheu muß, sollten doch, möchte mau meinen, typisch sein und, wenn nicht schon ob gestärkten Rechtssinnes, doch aus Furcht vor gleichem Schicksal, auf die kommenden Geschlechter abschreckend wirken, so daß eine Wiederholung homogener Unthaten undenkbar wäre. Doch weit gefehlt! Das Unbegreifliche, hier wird's zur That. Nach vier Jahrhunderten — deren letztes besonders eine Unsumme von staatlichen, soziale», gewerblichen und wissenschaftlichen Fortschritten, ja Umwälzungen zu Tage gefördert, so daß in der Gesellschaft Bildung und Gesittung immer allgemeiner herrschend geworden, in den Staaten und Gemeinwesen konstitutionelle Regiermigsforni, Selbstverwaltung, Gleichheit vor dem Gesetz und Aufhebung der Klassenunterschiede sich immer fester einbürgerten — nach alledem traten in dessen letztem Viertel nicht nur die Reaktion und der mit ihr verschwisterte Antisemitismus mit seinen Errungenschaften in heftigen und leidenschaftlichen Kontrast, sondern bringt das laufende erste Jahr seines letzten Jahrzehnts als Krönung dieses edlen (!) Werkes eine, das Original der spanisch-portugiesischen Vertreibung noch übertreffende Kopie einer solchen aus den russischen Landen, die den darin seit Jahrhunderten angesiedelten Israeliten zur, wenngleich immer stiefmütterlichen, Heimath geworden waren. Daß es keine Uebertreibung sei, wenn hier die Kopie als über das Original noch hinausgehend bezeichnet wird, geht schon daraus evident hervor, daß den jetzt Ausgewiesenen nicht wie dort eine viermonatliche Frist zur Ordnung ihrer Familien- und Vermögens-Angelegenheiten vergönnt wird, sondern sie meist binnen wenigen Tagen nach Zustellung der Ordre, auch von sehr subalterner Stelle her, Heiniath und Vaterland den Rücken wenden, Haus, Geschäft und alle Habseligkeiten im Stiche lasse» oder für kaum den zehnten Theil des Werthes verschleudern und mit Frau und Kind so gut wie aller Mittel bar in weite Ferne ivandern müssen, so daß, tvenn nicht die Barmherzigkeit von Tausenden mildthätiger Herzen und Hände sich für sie regte, diese Hunderttausende 'unschuldig Verfolgter unausbleiblich größtentheils ihrem Elende erliegen müßten. Doch von der Humanität, die ob solcher Barbarei trauernd das Haupt verhüllt, abgesehen, wird ja durch diese —- wie freilich immer da, wo Leidenschaft und Bosheit das Scepter führen — dem nüchternen Verstände und besonders der Staatsklugheit unüberlegt ins Gesicht geschlagen, und wird darum schon nach so kurzer Zeit, wie aus mannigfachen Berichten ersichtlich,, die Abwesenheit der Juden an vielen Orten, wie Moskau, Kiew u. A., recht fühlbar durch Stocken der Geschäftsthätigkeit, Herabgehen der Preise vieler Prodlikte und Fabrikate, sotvie selbst des Haus- und Grundbesitzes, den zu erhalten beim Mangel des Geldes und der Vermittelung Jener seinen Eigenthümern in Stadt und Land oft genug schwer oder gar unmöglich werden dürfte.') Geht das so weiter — und es ist unabwendbar — tvird dann nicht die Nemesis der Geschichte, wie auf der pyrenäischen Halbinsel, ihr Werk der Lahmlegung oder Selbstvernichtung des Volkswohlstandes bis zu Ende vollbringen? Und ist ingleichen die Einbuße an Intelligenz, Steuerkraft, Kriegsleuten u. s. w., zu welchen alleil die jüdische Bevölkerung ein doch wahrlich nicht zu verachtendes Kontingent stellt, etwa gering anzuschlagen? „Jminer", lautet ein Ausspruch der Rabbiner, „gehöre der Mensch zu den Verfolgteil lind Geschwächten, aber nicht zu den Verfolgern uild Schwächer»"; ist darum auch den unglücklichen Vertriebenen wehe, sehr wehe, das größte Unheil fügen sich ihre Peiniger selbst zu, und es ist wahrhaft unbegreiflich und nur durch die Verblendung zu erklären, in welche der Fanatismus die Geister der Menschen versetzt, daß die Staatsleuker die unheilvollen Konsequenzen ihrer Maßnahmen nicht voraussehen und so die in den Tafeln der Geschichte flammend eingegrabeuen Lehren imb Warnungen leichtfertig in den Wind schlagen, ihrer „vergessen und gar nicht mehr gedenken." Nun wohlan! „Der die Welt richtet nach Gerechtigkeit uild die Nationen mit Billigkeit" (Ps. 98, 9», er lvird auch hier Recht und Gnade, jedes an feinem Orte, walten lassen und alles zum guten Ziele führen; wir aber wollen helfen, mit vollcil Händen, mit Rath und That, damit, was die Menschen „zum Bösen ersonnen, der Höchste zum Heile lverden lasse" < Genesis 5<>, 20). U Zum 50jährigen Jubiläum der jüdischen Urform-Gemeinde in London. Von Benas Levn. Am 27. Somtar cv. waren 50 Jahre vergangen, seitdem die jüdische Reform-Gemeinde in London besteht und ihren ersten Gottesdienst abgehalten hat. Zur Feier dieses Jubiläums fand in der Synagoge der betr. Gemeinde in Upper Berkeley Street am Mittwoch 27. Januar ein Gottesdienst statt, zu dem fast alle Vorsteher der verschiedenen Synagogen Londons, u. A. auch Lord 0 Der unlängst verstorbene Odessaer Rabbiner Dr. Schwabacher har auf Grund langjähriger sorgsamer Beobachtung in seinen gegeir den Antisemitismus verfaßten Schriften „Ueber das Kahal", „Von Heliopolis nach Berlin" :e. die hohe Bedeutung der jüdischen Emsigkeit uub Findigkeit in alten jenen Beziehungen einleuchtend, doch leider ohne den gewünschten Erfolg dargelegt.

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