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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-29 · Heft 5 (29.1.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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56. Jahrgang, ttr. 5. Utf Itt^f Berlin. 29. Januar 1892, Weitcrge gur „Attgemeinen Zeitung des IrröenLHrrrns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 25. Januar. Die Repräsentanten-Versammlung beschäftigte sich in ihrer gestriger: Sitzung nach Entgegennahme eitriger geschäftlicher Mittheilungen des Vorsitzenden ausschließlich mit der Berathung des Gemeindeetats für die Zeit vom 1. April 1892 bis dahin 1895. Die Einnahmen wurden drrrchberathen und gelangterr zur Anrrahme. Sie betrugen für das Jahr 1892 die Summe von 1,041,232 M., wovon 838,419 M. durch Steuern aufzubringen sind, für 1893 1,036,638 M., wovon 920,438 V!. Steuereinnahmen, urrd 1894 1,019,912 M., wovon 904,975 M. Steuereinnahmen. Bei der Berathung der Ausgaben gelangte die Versannnlung bis zu dem Etat der Schulen, nach welchem die weitere Verhandlung auf den nächsten Sonntag vertagt wurde. Genauere Angaben über die wichtig'.er: Posten des Ausgabeetats behalten wir uns bis nach der errdgiltigerr Beschlußfassung vor. - Berlin, 20. Januar. Wenn man die hiesigen antisemitischer: Blätter, wie „Kreuzzeitung" und „Staatsbürgerzeitung" in der letzten Zeit gelesen hat, dann mußte rnan über die Kühnheit staunen, mit welcher dieselben sich in die Untersuchung über die Affaire in kanten einruischen. Das erstere Blatt greift die Oberstaatsanwälte und selbst der: Rath des Justizministeriums in der heftigsten Weise an, das andere richtet seine Angriffe gegen Vertheidiger und Untersuchungsrichter, sowie geger: der: ersten Staatsaruvalt in Eleve. Ur:d das Alles ist so aufreizend geschrieben, so voll von feindseliger Gesinnung. Bisher galt es allgemein als Usus, daß die Zeitungen über einen Fall mit ihrem Urtheil so lange zurückhielten, bis die Untersuchung abgeschlossen war. Die antisemitischen Blätter scheiuer: nun einer:: anderer: Modus zu huldigen, wenigstens wer::: es sich um Inder: handelt. Wie sehr aber unter einem solcher: Treiben die Würde des Rechts, der Respekt vor derr: Gesetz leider: müssen, das sicht sie, die sich mit Vorliebe als die Hüter des Rechts aufspielen, in diesem Falle gar nicht arr. Trotz aller bischöflicher: Versicherungen rvetteifert auch das Organ der Centrumspartei, die „Germania", mit der: antisemitischen Blätter::, den 3i a u te r: e r K n a b en rr: o r d zur Schürung des Hasses geger: die Juden auszubeuten. Trotz der Unsinnigkeit der Behauptung wird immer und imrner wieder das Märcher: vom „ritueller: Mord" den gläubiger: Lesern aufgetischt. Das wird dein: endlich auch der sonst nicht gerade judenfreurrdlichen „.Külrrischer: Zeitung" zu bunt, rrrrd sie fertigt die Hetzer mit folgender: Bemerkurrgen ab: „In einzelner: konservativen Parteikreiser:, vor Allem in gewissen Blätter::, rrracht sich seit einiger Zeit eine höchst bedenkliche Strömung geltend, die Unparteilichkeit urrd Gerechtigkeit urrseres Richterstandes und urrserer Gerichte anzuzweifelr: und somit in weitern Volkskreiser: zu untergraben. Arr: schlimmster: tritt das jetzt bei dem Fall Buschof in Xanten zu Tage, der: gewisse konservative Blätter zu einer:: Ritnalmord zu stempeln a n - scheinend Interesse haben. Es genügt, darauf hinzuweisen daß in diesem wie in jedem andern Falle die Voruntersuchung geheim zu führe:: ist, daß über die Aussage:: in dieser Voruntersuchung also selbstverständlieh nur durchaus unzuverlässige Nachrichten irr die Oeffentlichkeit dringe:: können, die bei einern ehrlichen und unbefangener: Beurtheiler unmöglich als geeignete Grundlage aufgerwrnmen werden kör:r:er:, sich eir: Bild der Sachlage zu schaffen. Nicht blos ist ein besonders tüchtiger Polizei-Inspektor mit der Ermittlung der Wahrheit neben den Gerichtsbehörden beauftragt rvorder:, r:euerdir:gs hat sich sogar irr: Aufträge des Justrzruiinsters der aus langjähriger richterlicher Thätigkeit in der Rheinprovinz mit der: rheinischen Verhältnissen wohlvertraute Geh. Justizrath Bietsch, Vortragender Rath irr: Justizministerium, mit den: Oberstaatsanwalt Hamm an Ort und Stelle begeben, urn weitere Ermittelr:r:ger: vorzunehrnen. Daß angesichts dieser Thatsachen konservative Blätter sich dazu hergeben können, entgegen der bisheriger: Ansicht der mit der Untersuchung befaßt gewesenen Gerichtsbehörde:: einen bestimmten Menscher: als Mörder zu bezeichne:: und die rnündliche Verhandlrrng geger: denselben zu verlange::, beweist nur, wie blir:d Leidenschaften rrnd Parteitaktik die Menschen machen könne::. Wern: Staatsanwalt und Untersuchungsrichter der übereir:stimn:er:der: Ansicht sind, das bisher erurittelte Beweismaterial sei nicht geeignet, den Verdächtigen zu Überführer:, so würde doch nothwendig aus einer überstürzter: mündlichen Verhandlung sich die Wahrscheirllichkeit feiner endgiltigen Freisprechung und damit die Möglichkeit ergeben, daß der Verbrecher bei späterer ausreichender Ergänzung des Beweismaterials straffrei ausgehen würde Unseres Erachtens hat die konservative Partei ein dringendes Interesse daran, daß sie nicht ferner eine solche systematische Untergrab::ng des Ansehens und der Unparteilichkeit unserer Gerichte duldet. Mit lebhaftem Bedauerr: haben wir wahrrrehmen müsse::, daß bisher nicht ein einziger der konservativen Parteigenossen der: Muth gehabt hat, gegen die neuliche Beharrptung des frühen: Hofpredigers Stöcker Stellung zu nehrnen, daß „man überall das Gefühl habe, daß etwas wackele, wein: Juden vor Gericht stehen." - Berlin, 26. Januar. Einer: seiner schlimrrrster: Freunde, zugleich einen der lautester: antisemitischer: Schreier, nämlich Herrn Max Berver, hat Fürst Bismarck endlich vor: seinen Rockschößen abgeschüttelt, inbem er eine autoritative Stirnrne erkläre:: ließ, „daß er mit Herrr: Bender in keinerlei Beziehungen stände, er mache auch keir: Hehl daraus, daß ihr:: desser: Schreibereien im höchster: Grade unangenehm seien." Berlin, 20. Januar. Die Leser erinrrern sich, daß Rektor Ah l war dt seine mannigfachen Beschuldigung?:: geger: die verschiedenster: Persönlichkeiten stets mit dem Wunsche schloß, rnan möge ihr: vor Gericht stellen ur:d ihr: so ir: Stand setzen, die Wahrheit seiner Anklage zu erhärten. Wie wir hören, wird diesem 'Agitator jetzt dazu Gelegenheit gegeben werden. Im Namen des Staatsrr: in ist er in ms soll Ministerpräsident Graf Caprivi ''Anklage geger: der: Rektor Ahlrvardt erhoben haben, und die Oeffentlichkeit wird nur: ir: der Lage sein, selbst zu urtheilen. Berlin, 25 Januar. Während es sonst der Grundsatz der 'Antisemitei: ist, die getauften Juden noch bis ins dritte und vierte Geschlecht zu verfolgen, denn „Jnd' bleibt Jud'," wird bei Herrn Christoph de Jonge ein anderes Prinzip verfolgt. Dieser edle Kämpfer für höchste Familientugenden scheint nach seinen: Geistes- und Moral-Zustand so vollstärrdig der Marn: der Deutsch-Sozialer: zu sei::, daß sie ihn, alle Rassentheorie vergessend, schleunigst zum Agitator ernannt haben. Der bekannte Antisemit Dr. .König schreibt ir: der „Wests. Reform": „Dr- M. de Jonge.... hat sich aus meine Einladung bereit erklärt, im Februar ir: Westfalen und Rheinland eine Reihe von öffentlichen Vorträgen zu halten, Alle Vereine und Orte, welche auf einer: solcher: Vortrag reflektireu, bitte ich, sich baldigst bei rnir zu melden." — Run soll's ur:s rücht wundern, wenn wir bald vor: der „Verjudung des Antisemitismus" reden Hörer:. Berlin, 23. Januar. Unsere Leser erinnern sich wohl noch des Lärms, den die hiesige Antisemitenpresse schlug, als vor einiger Zeit ein jüdischer Agent, angeblich wegen Uebervortheilung eines Mitglieds des hoher: Adels, verhaftet wurde. Nachdem nurunehr die Verhandlungen vor Gericht über den fraglicher: Fall begormen haben, ist die „Freis. Ztg." in der Lage, über das arme „Opfer jüdischer: Wuchers" folgender: Bericht zu erstatten: „Graf Gersdorff ist Reichsritter des Johanniter-Ordens- Karrrruerherr, Besitzer vor: zrvei Majoraten, freikonservativer Abgeordneter für Rothenburg-Hoyerswerda und war dazu noch bis zum Herbst vorigen Jahres Landrath von Hoyerswerda. Er führt den besonderen Titel als Landältester und ist auch Mitglied des Provinzial-Landtages für Schlesier:. Aus den bisherigen Prozeßverhandlungen ist schon klargestellt, daß selbiger Graf Gersdorff die Herrschaft Driesen-Steinbruch für 5 Millionen Mark gekauft hat, ohne selbst dazu einen Pferrnig verfügbares Geld zu besitzen.

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