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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-29 · Heft 5 (29.1.1892) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 dieselbe, welche ehemals Mosenthal bewohnte, dessen Büste ans einemder Oefcn steht. Sie liegt etwas hoch, im vierten Stock, und manchem Besucher wird das Treppensteigen schwerer fallen als dem alten Frankl selbst; aber ist man erst oben angelangt, so fühlt man sich reich belohnt. Wendet man den Blick durch die hell gelegenen Fenster hinaus, so schweift er über den reizendsten Theil der Kaiserstadt, über stolze Palaste und malerische Ufer und weite Gürten bis zum Kahlengebirge hinüber. Tritt man in die Zimmer zurück, so glaubt mau sich in eine seltsame Welt versetzt. Da sind die sonderbarsten Figuren und Bilder und Teppiche — ein wirkliches Museum, in dem jedes Stück ein reges Jntereste beanspruchen darf, wo an Allein kleine und größere Geschichten, flüchtige Erinnerungen oder gewaltige Tragödien, liebliche Idyllen oder verwickelte Romane haften. Da sind reizende Erinnerungen au des Dichters Reisen in Italien, Aegypten, Syrien nnd Palästina. Reben harmlosen Stöcken berühmter Personen aus allen Zonen hängen drohend funkelnde Schwerter, und unter ihnen jenes Ehrenschwert, welches Frankl im Jahre 48 von den Polytechnikern erhielt; war er doch der Dichter des ersten censurfreien Blattes in Oesterreich! Auf dem Schwert befinden sich als Inschrift einige Lerse von ihm selbst: „Daß es Gott wollt, dieses Schwert schon wär das letzte dieser Welt." Ein merkwürdiges Unikum ist ein eisernes Siegel aus jener Zeit mit der Inschrift: „Besonnener Rath, entschlossene That." Ebenfalls aus dem 48er Jahr stammen Säbel und Porträt des Kommandanten der Nationalgarde, Nainens Pamcasch, und drei Bilder aus der Geschichte der Menschheit, welche — Metternich bestellt hatte, aber am selben Tag, da der Maler dieser Bilder sie dem Besteller abliefer» wollte, mußte Metternich die Residenz als Flüchtling verlassen . . . Künstler und Schriftsteller sind in diesem „Museum" selbstredend am stärksten vertreten. In einem schlichten Rähmchen ist eine Locke von Grillparzer, welche kurz nach dem Tode des Dichters abgeschnitten uwrde, pietätvoll ansbewahrt. Auch von Schiller besitzt Frankl eine Locke, welche ihm von der Enkelin Schillers, der Frau von Gleichen- Rußwurm, in einer goldenen Lyra eingefaßt, als Dank für seine Bemühungen um das Zustandekommen des Wiener Schillerdenkmals übersandte. An den Wänden befinden sich zahlreiche interessante Porträts und Büsten. Da sehen wir Bilder von Oehlenschläger, Castelli und eins von Raimund, welches Schilcher sechs Wochen vor dem Tod des Dichters gemalt. Viele Stücke stammen von Amerling, dessen Hand in Gypsabdruck auf rothem Peluche als Briefbeschwerer dient. Teil gleichen Zweck erfüllt ein Stück Stein aus der Tempelmauer von Jerusaleiii. Auf einem netten Spiegeltischchen steht eine kleine Gypsgruppe, welche drei Mädchengestalten in alterthümelnder Tracht darstellt: es ist ein Werk des Hans Gasser nnd die Figiiren sind Porträts von drei Töchtern des Malers Schnorr von Carolsfeld; in die jüngste war Gasser verliebt, aber sie starb früh, und der Bildner wollte ihr mit diesem Gruppenbild ein Grabdenkmal setzen; er führte aber seine Absicht nicht aus. Ein farbiges, schlicht eingerahmtes Blatt von Ranftl ist eine malerische Satire auf einen Schriftsteller: es stellt einen klaffenden Köter dar, welcher in ein Zimmer eindringen möchte, aber durch einen Wachhund zurückgetrieben wird. Der Köter hat die Züge eines Schriftstellers, welcher aus einem Schriftstellerverbande ausgewiesen wurde. Von Rahl sehen wir einen lebensgroßen Mohrenkopf; es ist das Bildniß eines Sklaven, den Frankl einmal in Aegypten losgekauft hat, um ihn nach Wien zu bringen. Erinnerungen an Frankls Orientreisen wecken noch manche andere Gegenstände, besonders aber ein orientalisches Tintenfaß aus Silber, ivelches der Dichter von Abd-el-Kader erhalten hat. Eine Glaskuppel birgt eine wunderthütige Steinnelke vom Berge Karmel. An den Wänden wechseln Waffeii und Cigarrenspitzen, zwei Blumenbilder von — Anastasius Grün, Büsten von Grün, Lenau uud Hebbel, verschiedene Porträts von Frankl; namentlich beachtenswert!) sind zwei Porträts von Leiiau; das eine ist lebensgroß in Oel, mit lang herabhängendem wüsten dunklen Haar und wahnwitzigen Augen; das andere stammt von Schwind, ist nur eine flüchtige Skizze, aber meisterhaft, vom Maler ausgenommen, als Lenau seinen Freunden Schwind, Grillparzer, Bauernfeld, Zedlitz, Hammer - Purgstall und Frankl den „Faust" vorlas. Während der Dichter las iind die Anderen lauschten, nahm Schwind den Stift zur Hand und zeichnete das Antlitz des Poeten. Es ließe sich noch Manches von dem reizenden Dichterheim am Opernring erzählen — inan könnte eigentlich kein Ende finde». Jedes Stück ruft eine Erinneruiig wach. Wir wandeln durch ein Meer von ilngeschriebenen Geschichten. Und uns zur Seite geht der alte achtzigjährige Dichter, der all diese Geschichten miterlebt hat. Uud er ist noch so jlmg und lebensfrisch und geistig kraftvoll, daß wir einen Jüngling vor uns zu haben glauben; lebhaft fließt seine Rede nnd guter Witz erfüllt sie. Möchte dem jungen alten Poeten Oesterreichs noch manches frohe Jahr beschieden sein! ♦ Fittürarische Mittheiirmgen. Die jüdische Litteratur seit Abschluß des Kanons. Eine prosaische und poetische 'Anthologie mit biographischen und litterargeschichtliehen Einleitungen, unter Mitwirkung hervorragender Gelehrten heransgegeben von I. Winter, Rabbiner Dr., und' Aug. Wünsche, Prof. Dr. theol. u. phil. 1. u. 2. Lief. Trier, Siegmnnd'Mayer, 1891. Das Erscheinen dieses großartigen, auf ungefähr 18 sechswöchentliche Lieferungen (in Lexikon-Oktav :> Mk. 1,59) berechneten Werkes muß jeden Freund der jüdischen Litteratur mit aufrichtiger Freude erfüllen. Wie viel gebildete Israeliten, die eine rege Vorstellung oder 'Ahnung vom Gesammtwerthe der gediegenen Schätze ihrer Nationallitteratur haben, fiub in der Lage, sich ein eigenes Urtheil über die bedeutendstell Schriften llnd Persollen dieser Litteratur zil bilden? Eine Geschichte der Juden oder des jüdischen Schriftthlllns kann die wichtigsten, geschichtlich bedeutellden Werke nur erwähnen uud würdigen; sie selbst zu studireu, ist den meisten Juden nicht möglich, weil dazu vor 'Allem eine gründliche Kenntnis; des Hebräischen gehört. Wie Wenige selbst von den Lehrern, die unsere Litteratur in den llnteren und mittleren Schulell zu lehren berufen sind, befinden sich in der Lage, sie selbst allseitig nnd in allen Epochen ihres zweitallsendjährigen (nachbiblischen) Bestehens aus den Quellen kennen zu lernen? Gehört doch dazu nicht blos eine Kenntniß der Mischna des jerusalemischen und des babylonischen Talmuds, sondern auch die des hellenischen und targumistischen Schrift thums, der Tosephta, des Sifre und Sifra, alter Midrasch-Werke, ferner des Schriftthlllns der Geollilll und Karäer, der spanisch-arabischen llnd französischen Koryphäen, der Massorethen, Grammatiker und Lexikographen, der Exegeten der synagogalen Dichter, der Kabbalisten und Philosophen; endlich der Litteratur der Decisoren und Prediger, der Historiker ulld Geographen, der profanen Dichter, der Mendelssohnschen Zeit und des 19. Jahrhunderts! Das Werk von Winter ilnd Wünsche wird nim zum ersten Mal eine von den berühmtesten Kennern der jüdischen Litteratur aus allell Gebieten derselben zusammengestellte, wohlgeordnete, lnit Einleitungen und Biographien versehene Anthologie in drei stattlichen Bünden darbieten. Bürgten schon die Namen der Herausgeber für die Gediegenheit ilnd wissenschaftliche Zuverlässigkeit des Inhalts — es war ein glücklicher Gedanke, daß ein angesehener jüdischer Rabbiner und ein durch gründliche Kenntniß der jüdischen Litteratilr rühmlichst bekanllter christlicher Professor sich zur Redaktion des Werkes vereinigten — so freut es lrns, als Mitarbeiter an biefent verdienstlichen Werke die klangvollsten Namen, darunter Gelehrte erstell Ranges, genannt 51t finden; es erscheint unter Mitwirkung von Prof. Dr W. Bacher (Budapest), Dr. Sam. Bäck (Lissa), Dr. PH. Bloch (Posen), Dr. D. Cassel «Berlin), Dr. I. Hamburger (Strelitz), Dr. A. Kamiuka (Berlin), Dr. Ad. Lew in (Freiburg), Dr.'A. Sulzbach (Frankfurt a. M.) n. A. Ein solches Werk sollte in keiner jüdischen Familie fehlen; es ist ebensowohl ein wissenschaftliches Nachschlagebuch wie ein Schatz gediegenster Lektüre für die Jugend, ein Quellenwerk und ein Buch der Unterhaltung für Groß und Klein. Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin Verantwortlich für bte RedaktionMax Bauchwitz in Berlin.

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