Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1892)
- Date
- 1892-01-29
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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Einem, der stets Gutes gewollt imb Ersprießliches geleistet gelten diese Zeilen. Dem Dichter Ludwig August Frankl, nnserm! verehrten Glaubensgenossen, welcher am 3. Februar in beueideuSwerther Frische seinen 83. Geburtstag feiert. Man ist gewohnt, ihn z als'einen Alten, aus oer Mode Gekommenen zuFbetrachten, und be-! sonders drallsten im großen deutschen Reiche ist die Zahl Derer, die! ihn als Dichter kennen, nicht bedeutend. Unb doch verdient Frankl mehr als so mancher litterarische Löwe des Tages Anerkennung unb Verehrung. Er ist einer von den wenigen hervorragenden Dichtern, welche jetzt noch auf dem österreichischen Parnaß Stand halten. Wie j er körperlich frisch und jung geblieben ist, zeigt er sich auch geistig j noch so unermüdet, daß ihn Jüngere beneiden könnten. Hat doch der! „Greis" vor Kilrzem erstfeine Verehrer durch einen Band so lräf-! tiger und schöner Gedichte („Episches unb Lyrisches", Stuttgart bq! Bonz) überrascht, daß man oft nicht glauben rnöchte, sie [eien meist j erst in jüngster Zeit entstanden. Dieselben finb so frisch und warm j und farbig, daß es ordentlich wohl thllt, sie zu lesen, und man freut I sich über die geistige Klarheit und Reinheit und Reife, über die seltene Leichtigkeit der Versbilduug, den schwungvollen Rhythmus, die ungesuchten Reime, die Plastik der dargestellten Szenerien unb Figuren. Die Naturbilder sind ganz reizend. Er schildert die Natur alls seinem tiefsten Herzen heraus unb vereinigt seine innersten Gefühle mit ihren Stimmungen. Er versteht unb fühlt mit die Klange, die ihm entgegentöneu aus dem Rauschen des Wildbachs lllld Tosen des Bergwalds, er versteht den leisen Hauch, der dllrch die nächtliche Stille zieht, wie den Sturz der kattunen und das Grollen des Donners, er versteht das Funkeln der Sonnenstrahlen auf den grünenden Thalern und das Lächeln der Blumen und das Blinken der Sterne. Er kennt die Sprache der Natur, und nichts bleibt seinem dichterischen Gemüth verschlossen, alle Stiuunungen erfaßt er und giebt sie treffend wieder. Er malt die Natur, und seine Bilder üben einen berückenden Reiz aus. Unter den epischen Stücken findet sich ebenfalls viel Beachtenswertes. Einen solchen Dichter so wenig zu beachten oder gar nicht zu beachten, ist ungerecht. Ludwig August Frankl blickt auf ein reiches Leben zurück. Am 3. Februar 1810 wurde er 511 Ehrast bei Ehrudim in Böhmen als Sohn wohlhabender Eltern geboren, und es schien ihm eine glatte Lebensbahn beschieden. Allein ein früher Tod raffte seinen Vater im Jahre 1825 hinweg, und dem fünfzehnjährigen Knaben war nun, da er unerwarteter Weise nichts ererbte, ein hartes, leideusvotles Schicksal bestimmt. Er hatte bisher das Piaristen - Gymnasium in Prag sorglos besucht und nur den Studien gelebt. Jetzt aber trat die Sorge um das tägliche Brod heran, und unter größten Muhen und Entbehrungen mußte er sich fortzubringen suchen. Er verlor indes; den Muth nicht und kämpfte tapfer gegen die schlimmsten Widerwärtigkeiten. lind in jenen bitteren Zeiten erwachte um ihm lebhaft ein Gefühl, das schon in seinem früheste Kindheitsalter sich leise geregt hatte, — die Liebe zur Poesie. Mächtig erfüllte sie die Brust des Jünglings und machte ihn sein Leid vergessen. Er dachte nicht mehr an Noth, Elend, Hunger und Durst, wenn er in seinem kalten, engen Kämmerchen an dem gebrechlichen Tischlein saß und Verse, Verse, Verse schrieb. Freilich, das Meiste, was damals entstand, war nicht bedeutend und nichts alls jener Zeit ist veröffentlicht. Aber es war doch die erste Regung seilles Talents. Neben der Poesie regte sich in bent Herzell des Jünglings bald eine zweite Neigung — dte zilin Reisen. Bald gelang es ihm, diese zu befriedigen, wenn auch mir allmälig. Zuerst durchzog er das Salzkanlmergut unb Italien, wo er in Padua den Dottortitel erlvarb, dann ging er nach deul Morgenlande, wo er später mehrere Male weilte. Im Jahre 1838 ließ er sich in Wien nieder und nahul hier die Stelle eines Sekretärs unb Archivars der israelitischen Kliktusgemeinde an, in weleheul Amt er über vierzig Jahre blieb. Er hatte Muße genug zu litterarischer Thätigkeit, und lyrische Gedichte, Balladen, Epen, morgenlündische Sageil, Reisebilder unb allerlei prosaische Schriften verfaßte er in rascher Folge. Eine große Wirkllllg erzielte er mit der erzählenden Dichtung „Eolombo", für welche ihm von Genua, der Vaterstadt des Seefahrers, ein prachtvolles Ehrendiplom überreicht wurde. Noch bedelltenderes Aufsehen erregte der „Ton Juan de Allstria"; Anastasills Grlin besoilders sprach dem Dichter in einem äußerst liebenswürdigen Brief vollste Bewunderung über dies Wert aus. Von Frankls anderen Werkeil [eien hier noch erwähnt: Das Habslnirglied, Balladen, Wiell 1832; Dichtungen, Wien 1833; Sagen alls beni Morgenlande, Leipzig 1831; Gedichte, Leipzig 1810; Rahel. biblisches Gedicht. Wien 1812; Ein Magyarenkönig, Gedicht, Leipzig 1850; Gusle, serbische Nationalgesäilge, Wiell 1853; Hippokrates uud die moderne Medizin, Satire, Wien 1853; Tie Cholera, Satire, Wiell 1853; Die Charlatane, Satire, Wien 1851; Nach der Zerstörullg, Elegien, Wien 1800; Heldenunb Liederbuch, Prag 1801; Der Priulator, chronikalische Gedichte, Prag 1802; Ahnenbilder, Wien 1801; Tragische Könige, Wien 1870; Andreas Hofer im Liede, Innsbruck 1881; Nach Jerlisalem, Reisebuch, Leipzig 1858; Alis Aegypten, Reise, Wien 1800; Biographieen von Lenau, Raimund, Grillparzer, Hebbel, Therese von Paradies;, (Gottfried Schmelkes, Amerling u. A. Unter der Feder hat Frankl eine Lebensbeschreibung Grülls, Memoiren u. s. tu. Hand iil Hand mit Frankls litterarisehem Wirken ging stets sein Bestreben, aus allen Gebieten menschlicher Thätigkeit möglichst viel Gutes zu stiften. Das grallitne Denkmal Glllcks in Wien wurde durch ihn ills Leben gerllfeu, ebenso das erste Mollllmelll Beethovens in Oesterreich, welches sich in Helligenstadt bei Wien befindet. Auf feine Veranlassung wurden die Medaillen allf HaulNler-Purgstall, Meyerbeer unb Anastasius Grün geprägt. Wichtig und besoilders bemerkenswerth ist fein energisches Wirken für Errichtung des Wiener Schiller-Monuments und neuestens sein von Erfolg gekröntes Bestrebeil, den Diosküreu Grüu-Lenau ein würdiges Denkmal zu schaffen. Dlirch feine Bemühungen erhielt das Wiener Musik- Konservatorilnn, das sich früher voll schwachen Eiukünftell mühsam fristen mußte, voll der Stadt unb vom Kaiser bedeutende Zuschüsse. Ten Reichsrath bewog er zil hohen jährlicheil Stipendiell für Künstler, Dichter lllld Musiker. Sein größtes Verdienst aber ist die Grülldllllg des Blillden-Jilstituts auf der Hohen Warte bei Wiell, wozll er ein Grundkapital voll 310,000 Glilden auftrieb. So zeigt sich uns Frankl als ein durch und durch tüchtiger, braver Mallli, welcher fein ganzes Leben lang ibealen Zielen zustrebte, ohne darüber zu vergessen, daß er allch Anderen in praktischer Weise nach bestem Können llütze. Und noch jetzt ist er immerfort bestrebt, die poetische Thätigkeit in Harmollie mit der edelsten Humanität zu erhalten. Frankl ist, wie schon gesagt, trotz seiner 82 Jahre, doch noch ällßerst lebhaft lind jugendsrisch. Besucher, welche eillfach lllld schlicht zll ihm tonunen, finden ihn freundlich unb gesprächsfreudig. Gern erzählt er da aus seinem Lebell, das all Erfahrungen aller Art überreich gewesen. Er ist mit beit größten unb interessantesten Männern der letzten sechs Jahrzehnte in Berührung gekommen, und sein Dichterheim am Opernrillg, welches er mit Souvenirs aus Ländern uud Städtem, die er in seinem Wanderleben kennen gelernt, mit' Erinnerungell au Personen, zu denen er je Beziehungen gepflegt, reich gefüllt hat, ist gleichsam ein kleines Museum. Schon die Wohnung hat ein einigermaßen literarhistorisches Interesse.