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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-29 · Heft 5 (29.1.1892) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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meiner Mutter, meines Vaters, meines Mannes, meines Bruders, meiner beiden Söhne und meiner geliebten Tochter Malta. Und was werde ich meiner Malta sagen, wenn sie auf der andern Welt mich fragen wird: „Was hast du gemacht, Mutter, mit meinem kleinen Söhnchen, mit meinem Chaimchen? Hast du gelassen Jemanden bei ihm, welcher legen wird Liebes in seinen Mund und Weisheit in sein Haupt?" Wenn sie mich so fragen wird, nicht werd ich können aufheben die Augen, und ich werde nur Thränen haben, genn gelassen habe ich ihren lieben Sohn — ihr Chaimchen — auf dieser Welt allein. Seine Händchen sind klein, und nichts wird er sich erwerben können, sein Verstand ist schwach, und er wird gehen auf schlechten Wegen, die zu großem Unglücke fuhren. — Oj! ich Arme, ich Unglückselige!" So überlegte und sprach Chaita. Sie dachte an den Tod, da ihr finster und traurig war auf der Welt, und die Winde heulten Ihre Glieder schmerzten, und das mit dem gelben Tuche umwickelte Haupt glühte, und sie fühlte ein so tiefes Weh im Herzen, daß sie glaubte, mit jedem Seufzer fliege ein Theil ihrer Seele aus dem Körper. Seit einigen Tagen hatte sie starken Kummer. Sei es, daß es ihr au Kraft zu ihren eifrigen Bemühungen fehlte, sei es, das; Jenta, ihre Rivalin, welche kräftiger war, im Handeln und am Misthaufen mit Erfolg konkurrirte — seit einer Woche hatte sie fast gar nichts verdient. Sie war bereits gezwungen, ihrem Chaimchen zu wiederholen: „Nun, Du mußt schon zum reichen Manne Dich begeben nud ein paar Groschen Dir erbitten — sonst wirst Du nichts haben z» essen," und wenn er Abends einige erbettelte Groschen nach Hause brachte, zürnte sie nicht und schimpfte nicht mehr, wie früher, und die Drohworte: „Ich werde Dich bestrafen," sprach sie aus Gewohnheit mit erstickter, leiser Stimme, daß sie Chaimchen kaum hören konnte. Es war schon spät in der Nacht und längst Zeit zum Schlafengehen, als noch die Großmutter auf ihrem Bette angekleidet saß und, den schlafenden Enkel betrachtend, mit sich selbst Gespräche hielt. Dann hob sie sich mühsam empor, warf über Haupt nnd Schultern das löcherige Tuch und verließ ungeachtet der Fiusteruiß, des Sturmes und Regens ihr Zimmer. Gebückt, die Hände vorwärts haltend, schlich sie, während der heftige Regen ihr ins Gesicht schlug und ihr defektes Gewand ganz drrrchuäßte, durch die gekrümmten Vorhöfe und enge» Straßen, langsam und vorsichtig, und ob sic auch oft auf spitze Steine stieß und in tiefen Lachen watete — sie erreichte doch ihr Ziel. Vor einem niedrigen Häuschen, durch ein finsteres Vorhaus sich schiebend, gelangte sie tappend an eine Thür, an die sie pochte. „Wer ist da?" frug von Innen eine männliche Stimme. Chaita nannte leise ihren Namen. „Tritt ein." Das Zimmer, in welches Chaita eintrat, ivar ziemlich geräumig, aber arm. In der Tiefe vor dem Tische, auf tvelcheni ein großes, geöffnetes Buch lag, saß auf hölzernem Stlihle ein Mann in langem, schwarzem, fadenscheinigem Talare, das dunkle Gesicht fast vollständig mit dichtem, schwarzem Haar bewachsen. Dieser Mann studirte offenbar in dem großen Buche mit der äußersten geistigen Anstrengung, denn als seine Blicke zu der Eintreteuden sich erhoben hatten, waren seine Pripillen umnebelt, als hingen sie noch an dem Gegenstände, welcher sie mit Spannung bisher gefesselt hielt. Doch zürnte er nicht, daß er in seiner Arbeit gestört tvurde und frug mit sanfter Stimme: „Warum kommst Du so spät zu mir? Hat sich ein Unglück ereignet?" „Seitdem ich mein Elternhaus verlassen habe, war das Unglück die Gesellschafterin meiner Tage," lautete die stille Antwort. „Also mußte es der Wille des Allmächtigen sein, unser Glaube verbietet, dagegen zu klagen," gab er mit ziemlich schroffem Tone zurück und frug: „Was nütlst Du von mir?" Chaita bückte sich, und seine dunkle, hagere Hand ergreifend, legte sie ihren Mund an dieselbe. „Rabbi," sprach sie, „ich bin gekommen, um für meinen kleinen, unschuldigen Enkel zu bitten, welcher sehr unglücklich werden kann, wenn Du Dich nicht seiner erbarmst." Hier erzählte sie die Sorgen und Befürchtungen, welche sie wegen dessen künftigen Looses erfüllten. „Rabbi," schloß sie, „mein Herz habe ich Dir geöffnet, eine große Sünde habe ich begangen, daß ich selbst das Kind lehrte betteln. Rabbi, möge Dein Auge nicht mit Zorn und Verachtung auf mich blicken, mir ist schwer zu leben, eine große Furcht erfaßt mich wegen des Kindes; Betteln ist eine schlechte Lehre, wehe mir, sie kann dazu führen, daß er wird stehlen! Aj, Aj, Rabbi, das will ich nicht, das will ich nicht, und ich iürchte mich sehr." Und in der That begann ihr Körper heftig zu zittern, als hätte sie das Fieber. „Rabbi, nicht eine Sünde habe ich auf meinem Gewissen. Oft ist es geschehen, daß ich einen ganz werthloseu Lumpen für einen gute» verkauft habe, und oft habe ich eine gute Sache gekauft und dafür bezahlt wie für einen werthlosen Fetzen. Es hat sich oft ereignet, daß ich den menschlichen Augen meine Maare nur von der Seite zeigte, Ivo sie ganz und schön war, und die häßliche, durchlöcherte Seite habe ich möglichst zu verhüllen gesucht! Es hat sich ereignet, daß ich gegen Jenta, die ebenfalls mit Lumpeln handelt, einen gewissen Haß und Neid im Herzen trug und mit ihr zankte und mich herumschlug wegen eines elenden Erwerbes. Du siehst, Rabbi, daß ich Dir mein ganzes Herz ausschütte; aber blicke nicht auf mich mit Zorn und Verachtung, denn es ist mir so schwer zu leben. Rabbi, ich will nicht, daß mein Enkel so sündigen soll wie ich! Ich fürchte mich davor sehr. Habe Mitleid mit dem kleinen, unschuldigen Kinde, cs ist so schön, so vernünftig, so unschuldig nnd rathlos. Nimm es, Rabbi, unter Deine Fürsorge, wie Du schon viele arme Kinder zu Dir genommen hast. Mache so, daß es soll lernen können, daß Verstand in sein Haupt dringe, und wenn sich meine Seele vom Körper trennt, daß der Bissen Brod seinem Munde nicht fehle. Guter Rabbi, der immer mit den Armen Mitleid hat, Deine große Weisheit und Deine Barmherzigkeit die Welt überströmt, laß auch mich Gnade finden vor Deinen Augen und Mitleid vor Deinem Herzen." (3ci>iufe foiiito 9 Ber heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Dreiundzwanzigstes Kapitel. Das Gebäude bricht zusammen. Die Flucht Josepha's hatte die Gläubigen in ungewöhnliche Aufregung versetzt. Besonders der Prophet und Salomon Schor, der Mächtigste nach ihm, zeigten sich erbittert. Ällerwärts forschte man der unglücklichen Josepha nach, und auf einem Gange durch die Stadt gelang es einigen Frankisten, ihrer habhast zu werden. Man schleppte sie vor den Propheten, der befahl, sie in ein Gemach des Schloffes eiiizusperren und ihr auf unbestimmte Zeit die Nahrung zu entziehen. Vom Hunger gefoltert, bat das arme Mädchen um eine Unterredung mit Eva. Eva gewährte dieselbe.

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