Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1892)
- Date
- 1892-01-29
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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nicht," rief sic, und ein Schatte» flog über ihr holdes Gesicht. — Dann sprach sie sanftmülhig »nd etwas scherzend: „Sprich Kleiner, ,gieb ein Blümchen!'" Chaiinchen inerkte, daß sie ihn ganz unbekannte Worte aussprechen lehrte. — Seine Auffassungskrast und Achtsamkeit machten die größten Anstrengungen, und dies leuchtete aus den sich immer erweiternden, großen Angen. „Gieb ein Blümchen," wiederholte immerfort lächelnd die Dame. Chaimchen stammelte und stotterte anfangs ganz Unverständliches aber nach einigen Bemühungen brachte er den für ihn schwierigen Ausdruck, etwas kindlich variirend, hervor und rief freudig und laut: „Gieb ein Blümchen." Die Dame im weißen Kleide blickte ihm vergnügt und eigenartig ins Auge, und aus ihrem Bonglict eine Anzahl Blumen nehmend, reichte sie solche dem Kinde. — „Ein herrliches Kind," sprach sie, sich aufrichtend, zu ihren Gesellschaftern »nd wollte wcitergehen, als Chaimchen ihre Hand erfaßte und mit leidenschaftlichen Küssen überhttnfte. Eine Minute darauf lief er nach dem Indenviertel, die Blumen in der einen Hand hochhaltend, mit der anderen sich Bahn brechend. Er hörte nicht die ihm nachstürzendcn Knaben, und gegen die, die ihn einholten, lvehrte er sich mit Hände» und Füßen. Sv rannte er durch schmale Nebenstraßen und durch eine Unmasse von Vorhöfen in die Wohnung der Großmutter. Ter Sonnenuntergang lies; eben noch einige Strahlen durch die kleinen Scheiben des mit morschem Holze umrahmten Fensterchens in das Zimmer dringen. O, sei gesegnet, Sonne, welche die schwarzen Mauern solcher niederen, elenden Wohnungen vergoldet, die mit spielenden Scharlachstreifen solch mißgeformten, zerfallende», lehmigen Ofen freundlich »mgürtct und ihren warmen Kuß drückt ans die runzelige, vergilbte Stirn der verlassenen, ermatteten, eingcschrumpften, alten Lumpen sammlerin! Im Glanze dieser Abendsonnenstrahlen stand der müde Knabe hoch die Blumen in der Hand schwingend, vor seiner Großmutter die mit zitternder Hand in de» Fetzen wühlte. Schneeige Lilien hnndertblätterige Rosen, himmelblaue Bergißmeinnicht, und hohe, silberrandige Gräser spielten im Sonncnglanze, wie ein vom Himmel abgebrochenes Stuck Regenbogen, — ihre kräftigen, betäubenden Düfte erfüllten ganz das Zimmerchcn, von der schwarzen Decke bis zum lehmigen, verkrümmten, mit Fetzen bedeckten Fußboden. Chaita klatschte sogar in die Hände, indem sie Mund und Angen voller Verwunderung weit öffnete. „Chaimchen," rief sie, „aj, aj, Chaimchen, wo hast Tn solche Schönheiten hergenommen? — wo hast Dn gefunden solche Brillanten? Gieb sie mir daher, — las; mich sie gut ansehen. — Aj, welch feiner Geruch!" Das Gefühl unsäglicher Behaglichkeit sprach aus dem Gesicht Chaita's, als sie die schönen Blumen aus der Hand ihres Enkels nahm, bald fern, bald nahe sie betrachtend, ihre mit der großen Brille betvaffnete Nase fast ganz in den Kelch der Lilien versenkte und die hohen silberrandige» Gräser mit ihrer Hand streichelte, als wären es ihre liehen Kinder; dabei rief sie fortwährend: „Aj, aj, wie das riecht, wie das glänzt, wie sammctiveich!" Wohl wäre es schwierig, zu unterscheiden, welches von de» beiden Wesen — das Kind oder die Großmutter — sich leidenschaftlicher an diesen Meisterwerken der Natur ergötzte, die plötzlich ihre dumpfe, mit erstickender j Atmosphäre gefüllte Zelle mit hellem Glanze verschwenderisch dnrchrauschtcn, die Dämmerung, die man Elend nennt, durchstrahlten. Beide freuten sich voller Naivetüt unverhohlen, aber die Freude des Kindes dauerte langer. Nach kaum einer Viertelstunde schüttelte Chaita traurig den Kopf und seufzte. „Als ich jung war," flüsterte sie, „habe ich gesehen solche schöne Blumen im Schloßgarten — dann habe ich niemals mehr Blumen gesehen." — Chaimchen sas; im Winkel auf seiner kleinen Bettdecke, und ihr von der schönen Dame und der Art, wie er die Blumen erhalten, erzählend , küßte er von Zeit zu Zeit die Rosen oder Lilien. Die Großmutter jedoch war nach dein Freudenräusche ganz trübe geworden, und bei den letzten Strahlen der Abendsonne irgend einen alten Spenzer flickend, murrte sie beständig vor sich hin, von der elterlichen Schänke, vom Schloßgarten, von den Zweigen der Trauerweide, die im Wasser spiegelten — von ihrem späteren Leben, ihrer Armnth, hren Sorgen, ihren vielen Qualen. — Des Nachts erwachte sie häufig und seufzte schwer und hörte, wie aus dem finsteren Winkel die Stimme des Kindes in flehentlichem, silberreincm, lächelndem Tone erklang: „Gieb ein Blümchen." Chaiinchen träumte von der weißgekleideten Frau mit den blauen, hellglänzenden Augen, und von den Blumen, deren Wohlgerüche er in sich saugte. Ein zweiter Heliogabal, schlief er diese Nacht auf Blumen. Aus Furcht, daß er sie irgendwie verlieren könnte, legte er sie unter sein Kopfkissen, unter das kleine, armselige, mit einem rohen, grauen, schmutzigen Leinen umhüllte Kopfkissen. Schmerzliches Erwachen! Als des anderen Niorgens Chaita beim Sonnenaufgang ihre Gebete hersagte, hörte sie hinter sich ein lautes, fast krampfhaftes Schluchzen. Sie wandte sich um, und welch ein Bild! — Auf dem Bündchen Stroh, welches halb mit der dünnen Federdecke belegt war, saß Chaimchen mit zerzausten Haaren, und seine mit dem grauen Hemdchen bedeckten Knie und kleinen, nackten Füßchen waren mit Blumenleichcn überschüttet. Als er nur vom Schlafe erwacht war, griff er gleich unter das Kopfkissen und zog seine Schätze hervor — aber in welchem Zustande? Die Atlasblätter der weißen Lilien waren^dürr'unv abgerissen; die Rosen, theilweise von ihren Kronen geschieden, hingen am verdorrten Stengel; die hohen Gräser waren nicht mehr zu erkennen, — das waren keine Blumen mehr, sondern kaum noch Erinnerung derselben. Chaiinchen blickte ans sie mit herabhängendcn Armen und weinte und schluchzte aut aus voller Brust. Vergebens suchte ihn die Großmutter mit zärtlichen Worten aufzumuntern, oder, wenn es irichts half, ihn anzuschreien und ihm mit der Ruthe zu drohen. Chaimchen hörte nichts und sah nichts. Große, reichliche Thränen strömten unaufhörlich aus seinen Augen und auf die verdorrten Blumen nieder — wie allzustarke Thautropfeu. Nur ein Zweiglein von Vergißmeinnicht hatte »och etwas Frische und Farbe bewahrt — diese reinen, himmelfarbigen Sternchen mit goldenen Aeuglcin schienen den weinenden Knaben traurig und wehmüthig anzublicken, und gewiß, >vcun sie sprechen könnten, oder wenn Chaimchen ihren Namen gewußt hätte, er würde das Wörtchen „Gedenke" wohl gehört haben. Doch weiß ich nicht, ob die Lehren des Rabbi Nochein, bei wel- : chem Chaimchen seit einigen Ntonaten das Glück hat, Unterricht zu j nehmen, die süße Erinnerung an die blauen Blümchen nicht ver- > wischte. j Einst, an einem traurigen Herbstabende, während mit klagendem I Pfeifen die Winde vor dem Feusterchen Chaita's vorüberjagten rmd i nur zuweilen von dem niederrauschenden Regen in seinen Lauten gestört wurde, lag Chaita ans ihrem Bette, ächzend und seufzend. „O, Tu mein armes, unglückliches Kind," sprach sie halblaut, indem sie auf das neben ihr schlafende Chaimchen blickte, „was wird; aus Dir werden, wenn meine Seele von meinem Körper Abschied nimmt? Was wird aris Dir werden, »venu der Ewige meine Seele , rufen wird, daß sie in seinem Lichte sich vereinige mit den Seelen