Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Sage kurz: Bist Du zlücklich?" „Nein," antwortete Eva mit vernehmlicher Bewegung. „Um Himmelswillen, was ist mit Dir vorgegangen?" „Stanislaus," sprach Eva ruhig und sauft. „Dringe nicht in mich, ich bin namenlos unglücklich, aber ich must mein Unglück allein ragen!" „So sage mir wenigstens, wie kam es, daß Tu aus unserem Jause flohst, wie kam es, daß Tu wieder in die Hönde dessen geiethst, aus dessen Gewalt ich Dich befreite?" „O laß das," sprach Eva. „Du schlägst meinem Herzen neue Wunden. Meine eigene Thorheit war an Allem Schuld. Die neue Umgebung, in welche Tn mich versetztest, war ich nicht gewöhnt. Bur schwer gewöhnt sieh der, der sein Lebelang im Kerker zubrachte, m den Glanz des Sonnenlichts. In Aberglauben und Finsterniß aar ich aufgewachsen. Nur so lange fühlte ich mich sicher in der neuen Umgebung, als ich unter Deiner Führung stand. Du verließest mich und haltlos stand ich in der neuen Welt." „Ja, ich glaube es Dir," antwortete Stanislaus, „denn Du sprachst von jeher wahr. Du bist treu, aufrichtig und wahrhaftig!" Eva senkte den Blick zu Boden. „Eva, sage mir," fuhr Stanislaus fort, „giebt es feinen Ausweg, nee Dir wieder Deine Unabhängigkeit giebt?" „Ich weiß keinen," antwortete sie. „Ich vertraue nur noch auf ie Barmherzigkeit Gottes." „Armes Kind," sprach Stanislaus. „Aber weißt Du auch, bei mein Du Dich befindest?" „Ja." „Aber weißt Du auch Alles? Weißt Du, daß der, den man Vier den Messias nennt, ein gemeiner, gerichtlich verurtheilter Betrüger ist?" „Damals, als ich ihm folgte," sprach Eva, „wußte ich es nicht, aber Dir muß ich es glanbell." „Ja, nur der Gnade unseres guten Königs Stanislaus August 'chulbet er sein Leben, und er dankte es dadurch, daß er diejenige verlockte, welche der König in seinem Testament als Erbin einsetzte. „Wie?" fragte Eva erstaunt. „Ja, so ist es," antwortete Stanislaus. „So wisse, Eva, der stönig zeigte eine uns Allen immer unerklärliche Zuneigung für Dich. Später erfuhr ich von ihm, Du glichest seiner Jugendliebe, einer erhabenen Fürstin, welche ihn einst mit ihrer Gunst beglückte. Dieses, iowie der Umstand, daß ich Dich liebte, die gemeinsame Zuneigung, welche er zu Dir und mir empfand, bestimmten ihn, Dich und mich, wenn wir uns die Hand reichen sollten, zu Erben einznsetzen. Sein Testament befindet sich im königlichen Archiv zu Dresden. Der Schurke, in dessen Hände Du gerathell bist, hat ihn um diese Hoffnung betrogen, als er Dich in seine Netze lockte. Bon den Nüssen aus seinem Kerker in Czeustochau befreit, dankte Frank die Gnade ves Königs dadurch, daß er die Haupttriebfeder der gegen ihn gerichteten Verschwörungen wurde und mich um meine Liebe betrog." „Entsetzlich, schändlich!" rief Eva.! „Ja, cs ist entsetzlich," sprach Stanislaus. „Dein Bild trug ich! während der Jahre unverändert im Herzen. Ich suchte im Getümmel! der Schlacht den Tod, um es zu vergessen, und fand ihn nicht. Tu > schienst vor mir her zu schweben und schützend die Hand über mich auszubreiten; unsere Leute glaubten, ich sei gefeit gegen die Kugeln." „O Himmel, schütze mich!" rief Eva weinend aus. „Eva," sprach Stanislaus, „hast Du ebenso das Gedächtnis; an frühere Stunden bewahrt?" „Stanislaus, zweifelst Du daran?" antwortete Eva. „Einmal habe ich gefehlt, als ich mich von dem Versucher verlocken ließ. Das war mein schrecklichster Fehler. Ein mystischer Zauber umfing mich, aus dem ich nur allzubald mit Entsetzen erwachte. Dann erfaßte mich tiefe Reue. Vor mir stand Deine edle Gestalt, vorwurfsvoll und strafend, und kein Tag verging, uw ich nicht voll tiefen Kummers meine thörichte Flucht bereute. Als ich Dir heute begegnete, war es mir, als sähe ich einen Engel des Gerichts, der da erscheint, um zu strafen unb zu rächen." „Arme Eva, nicht zu strafen und zu rächen komme ich," antwortete Stanislaus. „Strafe ich Dich, so strafe ich mich ja mit. Ich null nur versuchen, ob das klebet nicht gut gemacht werden und kein Weg gefunden werden kann, um Dir nub mir den Frieden wiederzugeben. Sinne nach, weißt Du kein Mittel?" „Ich weiß keines!" „Wae keins?" „Gar keins." „Kannst Tu nicht mit mir leben? Komm, nur ziehen nach unserer Heimath, oder, wenn Du willst, nach Paris, wo wir ein neues Leben beginnen. Machen nur einen Strich durch das Vergangene. Vergessen wir's. Reich mir die Hand und sei wieder mein!" i „Ich bin Deiner nicht mehr würdig." t; Stanislaus senkte das Haupt, dumpf brütete er vor sich fyn. j „So laß uns zusammen sterben, der Tod übt eine läuternde! Kraft, und mit denn Ideal meiner Jugendtraume fliege ich auf zu der lichten Aetherhöhe!" sprach Stanislaus. „Ich bin auch nicht würdig, mit Dir zu sterben. Mir ist nicht zu helfen. Ich habe schwer gefehlt, aber ich bin auch schwer dafür bestraft worden. Was ich thun soll, weiß ich nicht. Vielleicht kommt noch Hilfe. Aber vorläufig kann ich nichts thun, denn weilte Schuld Oist noch nicht gesühnt." „Nun gut," sprach Stanislaus, „so überlassen wir die Hilfe dem Himmel." Eva blieb stumm. „Leb wohl, Eva." Stanislaus reichte ihr die Hand und wandte sich zum (Geheut. Eva fittg bitterlich all zu weinell. „Ich verstehe, warum Du weinst," sprach Stanislaus. „Dll denkst, der Abschied sei so kalt. Du crinuevft Dich au frühere Tage. Auch ich denke darall. Komm. Eva, nehmen wir herzlichen Abschied."! „Nein, nein," schrie Eva, „geh und rühr' mich llicht an." Und! sie wendete das Gesicht ab unb machte ihm eine Geberde, durch die z sie ihlll zu verstehen gab, er ntöge den Abschied abkürzen.! Stanislaus verstand und ging. Mit Thränen in beit Augen sah er die herrliche, auch geknickt noch schöne Blume, oie einst seine Jugendliebe gewesen lvar. Noch einen Blick warf er ihr zu, als sie weiltend auf bem Sopha lag, auch sie kehrte sich tun und sah ihm wehmüthig nach. Schwermütbig lind trällmerisch schritt Stanislaus dahin. Die, welche ihin begegneten, faßten eilt unwillkürliches Mitgefühl für den schönen träunlerijchen Mann, der einsam unther wandelte ttttb vergeblich in der fremden Stadt nach Ruhe suchte. (Fortsetzung folgt.)