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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-22 · Heft 4 (22.1.1892) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 4 (22.1.1892)
Date
1892-01-22
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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Tie Lehrmeister, „Mekiin<liin“ und im Allgemeinen interessirte Leute, und Chaita erwarb bei ihrem Bescherst durchschnittlich so viel, daß sie für sich und ihren Knaben iglich nur 20 Groschen, d. i. 10 Kopejken, verausgaben konnte, und wenn der Monat 31 Tage hatte, war sic am letzten Tage schon in iroßer Verlegenheit. Nachdem Chaimchen sich am Schilde, wo der Riese aufgemalt nar, sattgesehen hatte, ging er nach der Richtung des Platzes, welcher litt einer niedrigen Ilnizüunnng nnd elenden Bäumchen verziert war md in Ongrod den blendenden Namen „Boulevard" trügt. Ehaimchen, nit seinem mit ein Jahr jüngeren Freunde Mendelchen, sprachen oit den kolossalen Armen des Riesen nnd seiner großartigen, rothen Blonse, hielten vor einigen Handlnngsanslagen stille, bald mit großen lugen die Juwelen und Schmuckgegenstände am Schaufenster eines ,Juweliers bewundernd, bald an der Pyrannde aus Semmeln und 'lipfeln am Schaufenster eines Bäckers die Augen weidend. Mendelchen ececkte sogar seine weißen Händchen denselben entgegen, aber Ehnimtien redete ihm de» Appetit weg, daß solche gar nicht eßbar seien, ls „treffe“, mtb da er selbst nur einen sehr unklaren Begriff von ter Bedeutung des Wortes ,,treffe“ hatte, möchte er den neunjährigen Bruder Mendelchens, Enoch, befragen, welcher schon seit fünf Jahren erne und sehr gelehrt und fromm sei. In solchen Gesprächen am ooulevard angelaugt, trafen sie eben dort Enoch, den Sohn des gelehrten Sinison, ans einer Bank sitzend. Er war in einem langen >iraum Rocke nnd tief über die Stirn gezogener Mütze, umgebe» non einigen Knaben ungefähr gleichen Alters, die, miteinander dispnlircnd, sich stets an ihn, wie an einen Richter oder Meister, wandten. Offenbar erfreute sich Enoch durch seine frühe Gelehrsamkeit nnd Frömmigkeit eines gleichen Rufes wie sein Vater Simsel, welcher nter den erwachsenen Männern große Achtung und Bewunderung tenoß. Bei seinen jungen Jahren, sollte man glauben, daß ihm ans lese Weise eine glänzende Zukunft bevorstehe. Das längliche, in cgelmäßigen Linien umschlossene, herrliche Gesicht des kleinen Weisen >ar so bleich und hager, seine großen, schwarze» Augen waren so >cf und blickten ans die Welt mit so ernstem, wunderlich schmerzollem Ansdrucke. Es schien, als ob die große Summe des Wissens on welcher sein Ruf erglänzte, einmal in seinem Kopfe sich einürgernd, all' sein Blut in sich saugte, und daß jene große Frömmig, eit, die ihn schon so frühe anszeichnete, seine Gestalt mit dem Schatten iner unaussprechlichen Traurigkeit, seine Glieder mit unbeweglicher Steifheit umfassen möchte. Chaimchen stellte sich Enoch gegenüber, und seinen Ellenbogen uif dessen Knie gestützt, wandte er zu ihm sein kleines, rundes, von 'raufen Locken umschattetes pfiffiges Gesichtchen: „Enoch, sage Du mir und Mendelchen, was bedeutet „treffe“ und „koscher“, warum Biesen wir nicht das Gebäck essen, welches beim Bäcker ausgestellt it?" Als Enoch diese Frage hörte, erheiterte sich sein Gesicht ein mutig, und er wollte eben erwiedern, als die ihn umgebenden Knaben nsriefen, es sei ihnen das zur Genüge bekannt, und Enoch möchte noch besser ein schönes Geschichtchen erzählen. Enoch kannte sehr viele iuiölte Geschichtchen. Ec lernte solche in der Knabenschule „Clieder“, mo er die fünf Bücher Moses perfekt durchstudierte und zu den lKementarlehren des Talmud und den Erläuterungen des „Hascht“ gelangte, welche sein Vater, der gelehrte Simson, seiner Frau, seinen '"asten und an Mangel von Zuhörern sich selbst vorerzählte. Nachein Enoch in kurzen Worten an Chaimchen die Erklärung über ,Iroffe“ und „koscher“ abgegeben halle, begann et mit ernster Miene, mit lebhaften Gestikulationen über de» Auszug Israels aus der Gefangenschaft nnd von den ägyptische» Plagen zu erzähle». Das war eine schreckliche Geschichte, ivie sie Enoch herschilderte; die fürchterlichen Plagen reihten sich schaudererregend aneinander, und als Enoch von der schweren Finsternis; berichtete, welche über Aegypten herrschte, hoben einige Knaben ihre Augen gen Himmel, um sich zu überzeugen, ob der Himmel noch rein und die warme Frühliugssoune noch glänze. Weniger interessant waren den Knaben die über Aegypten herfalleuden Heuschrecken, sie konnten sich von denselben keinen klaren Begriff machen, da die massenhaften Insekten in den Zimmern ihrer Eltern ihnen keinen Abscheu erweckte». Moses Wunderstab, der sich in eine Schlange verwandelte, fesselte besonders! ihre Phantasie. Wenn Jeder so die Gegenstände nach seinem Wunsche i umwandeln könnte! — Mendelchen würde sofort den zu seinen! Füßen liegenden Stein in einen schönen, volle», gelben Sabbatkuchen verwandeln, und Ehaimchen würde seiner in der Hand befindlichen Weidenrnthe befehlen, daß sie eine schöne Rose würde, gleich jener, die den alten Hut aus dem Korbe der Großmutter einst zierte. Während der Erzählungen des Enoch kamen verschiedene Episoden vor, so zum Beispiel stieß der schroffe, dumnie Mordche, der Sohn des Schneiders Gerson, um dem Erzählenden näher zu stehen, Mendelchen so stark mit dem Ellenbogen, daß dieser über die »iederhängendeu Svckenschuüre stolperte und laut weinend niederstürzte. Ehaimchen, darüber aufgebracht, schlägt, indem seine Aenglein funkeln, einigemal mit der Faust über den Rücken des Mordche, dann hebt er Mendelchen auf, küßt ihm die saudbedeckte Stirn und streichelt sei» thränenfenchtes Gesichtchen. Dieser Zwischenfall rief eine Bewegung hervor, die jedoch Enoch nicht im Geringsten berührte, und wiewohl nur ein Theil ihm noch zuhörte, erzählte er immer eifriger nnd lebhafter weiter. Diese Standhaftigkeit war, wie stets, von Erfolg gekrönt, denn als seine Erzählung den Knlininntionspnitkt, das Anssterben aller Erstgeborenen in Aegypten schildernd, erreichte, waren wieder Alle mit größter Spannung gegen ihn gewendet. Ter gleichzeitige Tod aller Erstgeborenen bewirkte allgemein Schrecken, und sie lauschten mit offenem Munde voll Angst nnd tiefem Mitleid. Offenbar machten die Kleinen noch keinen Unterschied zwischen de» Nationen dieser Welt nnd wußten nicht, wie sehr eine die andere haßt und an Anderer Unglück sich freuen könne. Noch erreichte ihre Weisheit nicht jene Stufe, die Haß und Rache lehren. Sie bedauerten die Erstgeborenen Aegyptens mit gleichem schmerzlichen Mitgefühle, als wären sie ans dem Stantme Israels. Nur Enoch halte bereits die ersten Stufen jener Weisheit erreicht mtb er fühlte keine Spur von Mitleid über die Hingeinordeten. Er erzählte eben mit blitzenden Augen und scharfen Handbewegnngen von dem Weinen und Jainmern, welches »ach jenem unglückseligen Ereignisse in den Familien Aegyptens herrschte, als Plötzlich — „Seht, seht!" riefen Alle, nach einer Richtung mit den Fingern zeigend, und Chaimchen erzitterte fast^vor Freude. Am Bottlevard schritt in einem feinen, weißen Ueberwtirfe, wie in eine leichte Wolke gehüllt, eine sehr schön geschmückte Damengestalt, das liebliche Gesicht mit schwarzseidenen Haarflechten umrahmt, mit einem großen Bouquet der buntfarbigsten Blumen in der Hand. Zn ihren beiden Seiten gingen hübsche, schön gekleidete Männer. Enoch blieb allein auf der Bank sitzen und richtete gar keine Aufmerksamkeit darauf, daß ihn alle seine Zuhörer verlassen hatten. Er erzählte mit immer größerem Eifer — den beiden Bäumen, deren abgelebte Zweige melancholisch uiederhingen, wie Moses die Kinder Israels drirch das Rothe Meer führte. Die schöne Dame mit den herrlichen Blumen hatte für ihn nicht das geringste Interesse, längst

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