Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
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44 FEUILLETON G Eine Blume. Von Elise Orzeszko. «Fortsetzung.» Was vor dem mit Miniatnrscheiben verschcncn, einzigen kleinen, in halb gebrochenem, halb vcrfanltem Holzrahmen cingefiigten Fcnsterchen sich befindet, kann am allerwenigsten als Gäßchen angesehen werben. Das Hänschen steht inmitten einer Unmasse von Vorhäfen, und ein mit der Ortschaft Unbekannter würde sich schwerlich orientiren tonnen. Dnrch löcherige, links nnd rechts zn Bode» sich neigende, hölzerne, thcilweise durchbrochene Zäune abgetheilt, verbinden sich nach allen Richtungen die kleinen, schmalen, langgedrehten, den Vorhäfen ähnliche» Gebäude, hier gnadratmäßig, dort rund, mit kleinen Handlungen, Kammern und Scheunen versehen, nnd inmitten hochgethürmte Misthaufen neben Aachen und Pfützen, über die einige Klötze und Bretter von der anstoßenden Breiterniederlage liegen, des Tages den Kindern zum Schaukeln dienend, des Nachtsvon den Windstößen auf- und »icderklappernd und schwirrend. Zuweilen geschieht es, daß Chaimchen seiner Großmutter zuvorkommt und von seinen Ausflügen früher in die Wohnung tritt. Als ein besonnenes, kluges Kind sucht er vorsichtig im Dunkeln die Zündhölzchen und brennt ein kleines Lämpchen an, welches er an das Fenster stellt, damit die Großmutter durch das Haufengewirre ohne zu stolpern heinikehrt. Er verrichtet seine Arbeit mit großer Würde, langsam, und hält dann in seinem Zimmer geographische Ilutersuchnngen. Zuerst in der Richtung des Ofens, wo er die angcsammelten Papierstücke vorsichtig zertheilt und dnrchwirft, dann hinter den Tisch schleichend, wendet er sich zuin Bette, wo er die.Kissen und Bettdecke der Großmutter durchforscht und blickt schließlich hinter seine eigene, am Fußboden im Winkel ausbewahrte Jederdecke. Zuweilen sind solche Untersuchungen erfolglos, meist jedoch findet Chaimchen ein verdorrtes Stück Semmel, Kipfel, Brotrinde oder hartes Stück Käse. Tann, sich in einen Winkel des Zimmers setzend, verzehrt er seine Beute mit großem Appetit, singt stille vor sich hin, oder in Erinnerung der Tagesereignisse laut vor sich hinlachend, erlvartet er die Ankunft der Großinntter. Bald hört er hinter dem Fenster ein Klappern auf den spitzen Steinen, das sind die harten Lederabfälle seiner Großmutter; die Thüre öffnet sich, zuerst erscheint der im gelben Tuche eingewickelte Kopf, dann ihre eingedrückten Schultern nnd schließlich der Niesenkorb, angefüllt mit buntfarbigen Fetze» und abgerissenen Kleidungsstücken. Chaimchen springt ihr entgegen, er Hilst ihr die Last abnehmen und hält ihr mit dem Händchen den Rest seines Mahles, ein Stück Rinde oder Käse, entgegen und ruft: „Iß, Großmutter". Zuweilen ninnnt sie das Targebotene, meist jedoch ist sie so ermattet, daß sie mit lautem Seufzer sich neben ihren Korb ans den Fußboden setzt und die Hände sinken läßt. Chaimchen nimmt das Lämpchen vom Fenster, stellt es gleichfalls auf den Fußboden, und selbst gegenüber von Chaita Platz nehmend, wühlt er begierig mit seinen Händchen im Innern des Korbes. Welche Freude! Wie viele Ausrufungen des Entzückens! Nach der Reihe erscheint eine Herrlichkeit hinter der anderen. Ta zieht er ein großes, langes, lilienfarbiges Musselinkleid mit vielen Falten hervor; was kümmert's ihn, daß es voller Flecken und Löcher, er ergötzt sich an der schönen Lilienfarbe ujib den vielen Zweigen des Tessins. Nun kommt ei» Strohhut zum Vorschein, zwar schrecklich zerknittert, mit halbem Rand und durchlöchertem Boden, aber noch geziert mit einer großen Rose und dem Reste eines rothen Bandes. Chaimchen packt sich sogar beim Anblicke der Rose voll Entzücken am Kopfe, dann, um den Gegenstand noch eingehender in Augenschein nehmen zu können, bekleidet er damit das Haupt der Großmutter. Chaita wehrt cs nicht; im Gegentheil, ihre Augen blinken freudig unter dem Hute hervor, der ihre vergilbte Stirn beschattet, und Chaimchen, ihr gegenüber sich keck aufstellend, ruft, sein Köpfchen bald nach rechts, bald nach links wiegend: „Ah, schöne Großmutter, wie schön, Großmutter!" Nach dem Hute zieht Chaimchen kleine zerrissene Kinderschuhe hervor, die voll Kvth sind, aber aus rothem, dünnem Leder; Chaita kaufte sie nicht, sondern hob sic unter den Fenstern eines schönen Wohngebäudes auf. Im Nu sind die rothen Schuhe an Chaimchen« Füßen, er springt in denselben im Zimmer umher, oft stillhaltend : und voll Würde und außerordentlicher Bewunderung seine Füße; betrachtend. Chaita, das glückliche Kind betrachtend, ruht vergnügt ans;? dann fragt sic ihn mit etwas zitternder Stimme und unruhigem l Blicke: „Chaimchen, hast Tn heute in der Stadt nichts bekommen?" j Wenn Chaimchen crwiedert, daß er nichts erhielt, murrt sie etwas i» sich hinein, schüttelt das Haupt und seufzt; wenn er jedoch in die Tasche greifend ein Kupferstnck oder kleine Silbermünze hervorzieht, reißt sie cs ihm ans der Hand, ivirft es zu Boden und wird sehr j wüthend. | „Hast wieder gebettelt!" ruft sie, ihre schlotterigen Arme drohend gegen das Kind hebend, welches ängstlich zurücktritt. „Sagte ich Tic nicht, daß Betteln eine Schande und eine Sünde sei? Dil werft Schlüge bekommen dafür." Chaimchen flüchtet dann furchtsam hinter seine Federdecke und läßt nun die rothen Schiihe sichtbar werdeii, mit seinen schwarzen Aeuglein einen bald pfiffigen, bald scheuen Blick auf die Großmutter iverfend. Chaita hält noch eine lange Predigt von der Schande und Sünde des Betteliis und ruft zuletzt ärgerlich: „Herunter mit den Schuhen, die ich nicht für Dich brachte." „Großmutter," ruft mit gedämpfter Stimme das Kind. — „Aber augenblicklich die Schuhe ab!" — „Laß mich, lieb Großmütterchen, nur eine Nacht in denselben schlafen." Seine Stimme hatte diesmal einen so durchdringend flehentlichen Ton, daß Chaita mit zustimmeiider Handbewegung ihn anrnft: „Nu, mein goldnes Fischlein," und ihrem Bette zuschreitet. Wie des Morgens Chaiinchen erwacht und der Sonnenstrahl dnrch die schmutzigeil Scheibeii dringt, bemerkt man die zusamniengcbückte Gestalt Chaita's, die ihre langen, mageren Hände ohne Aerinel aus dem blauen Kaftan zum Himmel gehobeii hält lind in kurzen, schnellen Bücklingen betet: „Gelobt seist Du, Herr der Welten der die Gebeugten anfrichtet; gelobt seist Du, Herr der Welten, der .Kraft giebt dem Ermatteten; gelobt seist Du, der ben Schlummer von den Augen verscheuchte." Alich Chaimchen kriecht aus seiner Federdecke hervor, und im grauen Hemdchcn nnd rother Beschuhung hinter der Großmutter sich aufstellend, neigt er sich gleich derselben nach vor- und rückwärts und betet: „Gelobt seist Tu, Herr der Welt, daß Du mich nicht ziiin Gefangenen »iid nicht zum Götzendiener geschaffen hast. — Gelobt seist Du, daß Du mich zum Manne geschaffen hast." Und so spricht er sein Morgengebet, welches ihii der gelehrte Simson, der Vater seines kleinen Jugendfreundes Mendel, aus Mitleid für das arme verwahrloste Chaimchen lehrte. Die Großinntter hatte ihn in nichts unterrichten können, da sie nicht nur den ganzen Tag vom Hause entfernt war, sondern auch selbst nichts verstand. Ihre Brüder lernten viele iveise Dinge, doch sie konnte nicht einmal leseii. Aber sie wußte wohl, daß die Kenntnisse, welche ihre Brüder, ihr Mann und ihr Schwiegersohn, der Vater des Chaimchen, besaßen, auch diesem durchaus nöthig waren. Es waren dies arme Leute, die sich von schwerer Arbeit ernähren mußten, aber hebräisch lesen nnd die vielen Vorschriften des israelitischen Glaubensgesetzes lnttcn fit I»'sitzen, nie schmi haita d ne fand k> sind im ' uKschäst glich 111 ivenn der noßer V Nack mr, satt .»it einer md in O it seim an den louse, l Aigen d ßuwelieri gipfeln a reckte so den rede s „trel er Bede Kuder s nur un Voulevar gelehrten grauen 8 »vn einig litcitb, ff Offenbar H'ömmia nter de cnoß. k lese We cgelmäß!.>ar so b >ef und ollem A mi weli ärgernd, it, die i ■iier nnc Steifheit Chai uif dessei raufen! nir und liefen w ft?" A nenig, ii: nisriefen och beste äwne G oo er t Gementa gelangte, Lüsten u em Eno