Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227936--48555-3269196- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
43 gelten. „Es mag vielleicht gut fein, sich in ihrer yitcratur ein wenig | umzusehen," meinte er, „aber man darf sich darin nicht zu tief ein- - lassen. Dieses Volk ist das niederträchtigste und ungeberdigste, und! das kannst Du mir glauben, wenn seine Litteratur zu uns eindringt, j wird sie Alles verderben. Und dann erst ihre Aerzte! Sie haben! ja geschworen, mit ihren Arzneien alle „Barbaren" zu tobten, und j sie lassen sich ihre Behandlung bezahlen, um ihre böse Absicht nicht! zu verrathen. Und uns nennen diese Leute Barbaren!" Es fehlte! nicht viel, das; er die Griechen beschuldigte, das; sie die Brunnen j vergiften. j Dieser selbe Cato, dieser „antike Charakter", empfahl seinem j Sohne, die Sklaven 31t verkaufen, wenn sie alt oder krank werden und erklärte den für den rühmenswerthesten göttlichsten Menschen > welcher ans seinen Geschäftsbüchern allsweisen kann, das; er sein! ererbtes Vermögen ansehnlich vergrößert hat. j Wie er seine Sklaven mißhandelte und ausbeutete, kann man j in seiner Biographie bei Plutarch Nachlesen. Die Behandlung,! welche die Sklaven bei den Römern überhaupt zu erleiden hatten erscheint doppelt grausam, wenn man sie mit der milden jüdischen Gesetzgebung in Bezug auf die Sklaven vergleicht. Noch unter Kaiser August wurde wiederholt (anno 4 und 8 n. Ehr.) das Recht der Eigeuthümer zur Freilassung ihrer Sklaven durch Gesetze beschränkt. Es burftc nicht mehr als ein bestimmter Prozentsatz, jedenfalls nicht mehr als ein Hundert Sklaven freigelasse;; werden, u. s. w.') Ein eben solcher Griechen-Feind wie Cato war Marius, der es eines Römers unwürdig erklärte, sich der Sprache des unterworfenen Griechen-Volkes zu bedienen. Kamen in späterer Zeit Griechen durch ihre Bildung, Geschäftstüchtigkeit und Gewandtheit 311 Ansehen und Einfluß in Rom, gelang es ihnen gar, so große Reichthnmer anzuhäufen wie römische ritterliche Wucherer, Steuerpächter und Advokaten, so betrachtete es der geborne Römer geradezu als etwas Ungeheuerliches und Unerträgliches und ergoß über diese reich und mächtig gewordenen „Freigelassenen" die volle Schale seines giftigen Zornes und Neides. Diese Leute waren ja Griechen, Fremde, manche als Sklaven geboren und daher jeder Ehre unwürdig. Sie waren doppelt strafbar, wenn sie den gebornen Römer;;, welche das Monopol der Weltausbeulung hatten, in der Beraubung der Provinzen, in dem Mißbrauch der Regierungsgewalt Konkurrenz machten. Daher in der römische;; Litteratur, deren große und kleine Sterne ineistens von der Gunst und Gnade der Großen abhingen, dieses ewige Geschimpfe über die Freigelassenen im Dienste der Kaiser. Freilich war man dabei so vorsichtig, diesen Gefühlen keinen lauten Ausdruck zu geben, so lange der Freigelassene die Gunst des Kaisers besaß; denn wenn es ihn; Vortheil brachte, konnte der hochmüthigste Römer selbst den; Sklaven eines Großen die Hand küssen. War aber der Günstling endlich gestürzt, so konnte man offen und furchtlos über ihr; schi;npfen. liegen arme und abhängige Griechen, überhaupt gegen alle Fremden, konnte man jederzeck seine Verachtung bezeigen. So giebt Juvenal in seiner dritten Satire folgende Schilderung von den Griechen: „Dieser verläßt die Höhen von Sycion, Amydon jener, Andros und Samos der, Alabanda jener und Traktes. Nach den Esquilien geht's und dem Berg, der nach Weiden benannt ist. Nistet sich ein, wo vornehm das Haus, und wird der Gebieter, Schwindelgeist von verzweifelter Frechheit, hat er ein loses Maulwerk, strömender noch als Jsäus. O sage, was glaubst du. Ist er? Wozu du nur willst, stellt solcher sich uns zum Gebrauche; Rhetor, Grammatiker, Messer des Feldes und Bader und Maler, Arzt, Seiltänzer, Prophet und Magier. Alles versteht ein Hungriges Griechlein; steiget, wenn man ihn heißt, in den Himmel." (Nach der Uebersetzung von A. Berg.) ') Schiller, Geschichte der römischen Kaiserzeit I, 246. Auch in der zehnten Satire spricht Jrwenal von den; „lügenden Griechen-Bolke". Ebenso wurden der Svrer, der Jude, der Aegypter vor; den römischen Litteraten geschmäht und verächtlich gemacht, die Juden noch besonders wegen ihrer Arinuth verspottet. Eine solche maßlose Beschimpfung und Herabsetzung aller andere;; Völker finden wir bei den Juden nicht; Römer und Griechen gebrauchen für alle andere;; Völker den herab'etzend beleidigenden Rainen „Barbaren". Eine ähnliche Bezeichnung kannten die Inden nicht; denn das Wort „Gojim", mit welchen; Manche heutzutage eine herabwürdigende Bedeutung verbinden, bedeutet nichts Anderes als „Völker", und dessen einfache Zahl „Goi", Volk, wird in der Bibel oft auf die Juden angewendct. Ich will von vielen derartigen Stellen hier nur Genesis XII 2, XLVI :'>, Deuteron. IV 24, Psalm XXXIII 12, CVI 5, Jesaia XXVI 2 erwähnen. Die Juden hielten sich zwar für das auserwählte Volk, für die Knechte Gottes, aber wenn sie seine Befehle mißachteten, wenn sie anderen Göttern dienten, wurden sie hart bestraft. Sie nannten sich selbst ein hartnäckiges, widerspenstiges Volk, das nur zu oft die Gnade Gottes mißbrauchte. Andere Völker konnten dagegen mächtig, reich und glücklich sein trotz ihres Götzendienstes. „Denn als Gott die Thora geben wollte," heißt es in jüdischen Legenden, „nahmen sie von allen Völkern nur die Kinder Israels an. Gleich einem Gutsbesitzer, der viele Arbeiter aufforderte, sein Feld zu bearbeiten und von allen abgewiesen wurde. Nur einer versprach die Arbeit zu übernehmen, ging aber dann fort und lies; das Feld brach liegen. Ans wen wird nun der Herr zürnen? Nicht ans die, welche von vorn hinein die Arbeit verweigerten, sondern auf den, welcher versprach und nichts leistete. Tarn;;; ist Gott in; Recht, wenn er fordert, daß die Juden inehr als andere Völker ihn; gehorchen sollen, denn sie haben an; Berg Sinai gesagt: „Wir wollen thun und gehorchen"?) Die Juden haben also ihren Kontrakt sozial mit Gott geschloffen und werden gestraft, wenn sie ihn nicht hatten, während die andern Völker thun dürfen, was sie wollen. Nur wenn sie das Volk Gottes antasteten, mußten sie empfindlich büßen. Dabei wurden aber auch die Vorzüge anderer Nationen von den Inden anerkannt. „Griechenland," heißt es im homiletischen .Kommentar zur Genesis (Beresdhith üabba 10), „hat drei Vorzüge vor den; bösen römischen Reiche: seine Gesetze, seine Sprache und seine Litteratur." Dagegen heißt es iin Talmud: „Bein; jüngsten Gerichte werden die Römer vor Gott erscheinen und auf seine Frage: „Womit habt Ihr Euch beschäftigt?" antworten: „Herr der Welt! Wir haben viele Fora erbaut, viele Bäder angelegt, viel Gold und Silber angesammelt, und Alles haben \m nur der Inden wegen gethan, bannt sie ungestört sich mit den; Gesetze (der Thora) beschäftigen können." Darauf antwortete ihnen Gott: „Thoren! Alles, was Ihr gethan, habt Ihr nur für Euch selbst gethan; Ihr habt Fora erbaut, um unzüchtige Frauen nnterznbringen, Bäder angelegt für Euer;; eigenen Genuß, und was das Gold und Silber betrisst, so gehören sie nur allein.')" iFrrtsetzung folgt.) 0 Midrasch Schernot Rabba zu Kap. 26, 1. Dagegen wenden einige Rabbinen ein, Gott habe die Israeliten durch Drohungen zur Annahme des Gesetzes gezwungen. (Siehe Talmud bab. Traktat Abodah Sarah f. 2 und Sabbath f. 66.» -) Traktat Abodah Sarah f. 2.