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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-22 · Heft 4 (22.1.1892) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 4 (22.1.1892)
Date
1892-01-22
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
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42 Plutarch, der den Flaminius tadelt, hebt dagegen die Großmuth und Ritterlichkeit des Scipio hervor. Aber mit welcher Perfidie ging nicht dieser edle Römer gegen seine eigenen Soldaten vruW) Man müßte einen großen Theil der Geschichte der Römer abschreiben, wenn man alle von ihnen gegen andere Völker begangenen Unehrlichkeiten und Berräthereieu aufzählen roollte. Deshalb seien hier nur ganz kurz Luculls Perfidie gegen! die Caukäer, des Titus Didius verrätherische Metzelei in Colenda, die verrütherische Gefangennahme des gallischen Königs Bituitns durch den Prokonsul Domitius Ahenobarbus, die Ermordung des Atrebatenkönigs Comm biivd) Volusinus Quadratus im Aufträge von Labienns, dem Legaten Caesars in Gallien, erwähnt.') Die Juden lernten wiederholt die römische Ehrlichkeit kennen, unter Andern! bei der Einnahme von Tarichea, lvo Bespasian die Einwohner, nachdem er ihnen freien Abzug bewilligt hatte, überfallen und theils niedermetzeln ließ, theils als Sklaven verkaufte. „Gegen die Juden sei Alles erlaubt und man nüisse das Nützliche dem Anständigen vorziehen, wenn sich beide nicht verbinden lassen", wurde im Rathe des rörnischen Feldherrn entschieden.^) Wie die unehrlichsten und korruptesten der modernen Antisemiten anl lautesten über die Ausbeutung durch die Juden lärmen, so machten es auch die altrömischen gegen alle andern Völker, inochten sie nun Semiten oder Arier sein. Wenn Cicero als Advokat einen Römer anklagte, so begnügte er sich, diesen allein so schwarz als möglich zu malen; war aber sein Gegner ein Nichtrömer, so tvnrde gleich dessen Volk von dem großen Redner als nichtsnutziges Gesindel dargestellt. Die Sardinier hatten den Prätor Aemilius Scaurus wegen seiner Bedrückungen und Erpressungen angeklagt, und da mußten sie gleich von dessen Vertheidiger Cicero hören: „Diese ganze Nation versteht unter Freiheit nur das Recht zu lügen. . . . Es ist ja allbekannt und historisch erwiesen, daß die Phönizier das lügenhafteste und unehrlichste Volk sind. Die von ihnen abstauuneuden Karthager haben durch wiederholte Treubrüche bewiesen, daß sie ihre würdigen Nachkommen sind. Die Sardinier aber sind der Ausnmrf und Abschaum von Karthago und Afrika." Hat der große Redner, Philosoph und Staatsmann den Fontejus gegen gallische Ankläger zu vertheidigen, so wirft er ihnen vor, daß (es waren freilich schon mehr als zwei Jahrhunderte seitdem verflossen) Gallier den Apollo-Tempel in Delphi zu plündern versucht hatten, ja daß sie sogar so frech waren, das römische Kapitol (vor dreihundert Jahren!) zu belagern. „Das Kapitol mit dem Tempel des Jupiter, bei dein wir schwören. (Hier riefen die Freunde des Fontejus wahrscheinlich: Hört! Hört!) Was kann also Eid und Zeugnis; solcher Leute für einen Werth haben, und wie kann man einem Volke trauen, welches so verschieden von allen anderen Völkern ist und selbst gegen die Götter.Krieg führt? Und wenn die Gallier einmal die Götter ehren oder versöhnen wollen, so bringen sie ihnen Menschenopfer dar!" Hier scheint Cicero die Menschenopfer der Römer ganz vergessen zu haben. Kaum zwei Jahrhunderte später unirden den Christen von! frommen Römern ähnliche Vorwürfe geinacht, 1111b des Tacitus „odio luimani goncris convicti", das er den Christen entgegenr) Limas XXVIIL c. LU—LU; Appian, römisch-spanische Geschichte. VI. 34—30. 2) Appian 1. c. VI 52, 100; Florus 111 c. 2, Caesar Bell. gall. VIII 23; A. Thierry, Histoire des Gaulois, Bruxelles 1842, II 180—88, III 184, a) Josephus, Jüdischer Krieg 111 Kap. 10 § 10. schleudert, klingt fast wie ein Plagiat von Cicero's Ausspruch iibc die Gallier: „a caeterarmn i»eulimu morn ar nalura disseuliunl". In der Vertheidigung des Flaccus spricht Cicero zuerst allen Griechen die Wahrheitsliebe ab, daun unterscheidet er zwischen europäischen und kleinasiatischen Griechen. Erstere hatten zu Gunsten seines Klienten Zeugnis; abgelegt und sind daher höchst ehrenwerthe hochgebildete, von der ganzen Welt bewunderte Leute; aber di« j Kleinasiaten, seine Ankläger, sind Diebs- und Spitzbubengesindel erbitterte Feinde der Römer. „Sagt nicht ein asiatisches Sprüchwort j daß man einen Phrygier nur durch Schläge bessern kann? Und? lautet nicht ein anderes Sprüchwort: „Willst du dich in Gefahr be j geben, so gehe nach Karien?" Und gilt es nicht in Griechenland! für den größten Schimpf, wenn man von Jemand sagt, er sei der l gemeinste Mysicr? Und was soll ich noch von Lydien sagen? Kommt! nicht in jeder griechischen Komödie ein lydischer Sklave vor?" ' Nach den Griechen kommen in derselben Rede auch die Juden! an die Reihe. „Der Ankläger", sagt Cicero, „hat deswegen gerade diesen Platz gewählt, wo immer eine Menge Juden versammelt! sind, um mich einzuschüchtern. Ich will daher leise sprechen, damit! man mich nicht hören soll, denn es fehlt ja nicht an Leuten, welche j sie gegen mich und alle Rechtschaffenen aufhetzen. Man muß sich | aber diesem barbarischen Aberglauben init Strenge widersetzen und die laut schreienden Juden verachten.Jeder Staat hat feine Religion, auch der unsrige. Daß die jüdische mit dem Glanze unseres Reiches, mit der Würde unseres Namens, mit den Einrichtungen unserer Vorfahren sich nicht vereinigen lasse, das umßte man schon, als Jerusalem noch im alten Zustande war und das jüdische Volk mit uns in Frieden lebte, wie viel mehr gilt dies jetzt, da dieses Volk sich uns feindlich gezeigt nnd seine Unterjochung bewiesen hat, wie lvenig die unsterblichen Götter es lieben." Innerhalb weniger Minuten hat sich der große Redner hier widersprochen, denn wenn die Juden so gedrückt und den Göttern verhaßt waren, so brauchte man sich ja vor ihrem Geschrei in Rom nicht zu fürchten. „Eine Schenkung gilt überall als sehr lobenswerth, in Rom aber erscheint sie ganz wunderbar, da dort kein Mensch je einem andern etwas freiwillig schenkt," sagt Polybins.-) Dem Cicero erschien es aber schon höchst nöthig, den Pompejus zu entschuldigen, daß er den Tempel zu Jerusalem — wo er doch als Alliirter einer Partei unter den Juden einzog — nicht ausgeplündert hat. „Er unterließ es," sagt er, „nicht aus Rücksicht auf die Religion der Juden, sondern um in einer so argwöhnischen nnd schmähsüchtigen Stadt keinen Anlaß zu böser Nachrede zu geben." Treffend bemerkt dazu der berühmte Manzoni: „Argwöhnisch — wenn sie gesehen hätten, daß man das Gold ans dem Tempel nimmt, hätten sie gar argwöhnen können, das; man es auch wirklich wegnehme; schmähsüchtig — sie hätten am Ende das Plündern für nicht ganz anständig erklären können." I Auf Juden und Griechen schimpfend hatte Cicero doch noch einigen Respekt vor griechischer Bildung. Er bewunderte die Kunst und Litteratur der Griechen und streute gern griechische Brocken in seine Briefe ein; aber der ältere Cato, der Wucherer und Sklavenhändler, den man gewöhnlich den Censor nennt, ließ auch diese nicht 0 Bernays «Gesanun. Abhandlungen II 300) will hier als parodirenden Zusatz eines Juden oder Christen lesen: quam Del cara qnod servala, was mir aber als zu kühne Konjektur erscheint. 0 Exeerpla ex Polybii libro XXXI ed. Wien 1805, III, S. 118. 3) Op er e inedite i rare di Alessandro Manzoni, Mailand 1885, 11, 247. Tie scharfsinnigen Anmerkungen des großen Dichters zur römischen Geschichte sind allen Bewunderern antik römischer Größe.zu empfehlen.

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