Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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Wenn Herr Jabal sich weigert, diesen großen Denkern zu folgen, so werden frömmere Gemnther als er diesen Beispielen folgen, und ich erkläre mich außer Stande, zur Zeit einen einzige» Inden, ob arm oder reich, zu finden, welcher durch denfestenGlauben an den einzigen Gott nicht auch zur Anerkennung der Fortdauer der Seele geführt wurde. Er würde sogar erstaunt sein über die Frage und den Zweifel! Wenden Sie mir ein, daß das Wort nicht im Pentateuch steht, so ist das möglich. Moses wollte nicht, wie unser Orientalist j M. Mnnck und unser Philosoph Franck cs erklären, die Unsterblichj feit der Seele zu einem religiösen Dogma machen, weil er wohl wußte," daß sein Monotheismus göttlichen Ursprungs ist und den Tod überdauert. Die Lehre von Moses ist ein Gesetz, d. h. eine Reihe von scharf begrenzten Geboten; aber cs ist ein Gesetz und nicht eine Abhandlung über Metaphysik. Das Gesetz entspringt einzig dem Glauben und wendet sich mehr a» das Herz, als an den Geist; es wirkt ans das Gemüth, denn cs fürchtet die Extravaganzen der Einbildungskraft und sucht selbst alle Art von Aberglauben auszurotte» aus seinem Volke, das, so schlecht es übrigens vorbereitet ist für die Diskussion eines Dogmas, sich dennoch willig fügte den göttlichen Gesetzen, wofern man sie ihm einfach, 'würdig und praktisch zeigt. Das große Buch, wofern wir zwischen den Zeilen lesen und mit ein wenig richtigem Urtheil, erscheint uns heute mit all' seinen moralischen Konsequenzen als ein Muster wunderbarer Einfachheit. Der Scharfblick im Urtheil, und besonders die Unerschütterlichkeit der Ueberzeugung, welche ihm entströme», sind der herrschende Charakterzug bei den Jude», den wahren oder getauften Kindern Israels. Es giebt in der That eine Krankheit, gegen welche die Inden im Allgemeinen gefeit sind — ich habe sie hinreichend stndirt in meiner langjährigen medizinischen Laufbahn. Herr Javal hat mit großem Geschick uns erzählt von Astigmatismus, von der Myopie (Kurzsichtigkeit), vom Strabismus (Schielen) der Augen bei den Juden, aber er sagt uns nichts von ihrem intellektuellen Strabismus, welcher doch so häufig in der Praxis ist. Die Juden sind ihm nicht verfallen; mit dem Gehirn sehen sie grade so gut, so scharf, wie sie schlecht mit dem Auge sehen. Sie konnten sich daher ein Urtheil bilden über die w'ahre Moral derBibel, »nd sie sind davon so sehr überzeugt,^daß sie vielleicht auch heute noch den Märtyrertod der Taufe vorziehcn würden. Man wird es nach dieser auf thatsächlichen und historischen Beweismitteln beruhenden Pud jeden oberflächlichen Einwurf widerlegenden Auseinandersetzung leicht begreifen, warum ich die Schlußsokgerunge» des Herrn Javal über den egoistischen Hang der Inden zu epikuräischer und sybaritischer Lebensweise zurückweisen muß. Und gerade im Hinblick auf den Epiknräer, welcher der Prediger (Salomo) heißt, und lvelcher in allen Weisen spricht, daß Alles eitel ist in dieser Welt, sagt unser großer Denker Renan: „Der Mensch ivird niemals zur Ueberzeugung gelangen, daß seine Bestimmung gleich der des Thieres sei, »nd sollte ihm der Beweis erbracht sein.Uo wird?er nicht daran glauben. Die Menschheit wird uns nur in dem Maße Gehör schenken, als unsere Systeme übercinftimmeu werde» mit ihrer Pflicht und ihrem Instinkt." Dieser schöne Gedanke gilt für alle Religionen, Inden wie Christen, und wird immer wirken gegen die Erniedrigung und für die Hebung menschlicher Würde." Herr Worms kann schließlich versichern, daß er während seiner elfjährigen Thätigkeit als dirigirender Arzt im jüdischen Krankenhaus zu Paris auf Grund einer umfangreichen Erfahrung zu ganz anderen statistischen Resultaten gelangt ist, als die Herren Javal und Lagnean. Die Prozentzahl jüdischer Epileptiker ist sicher nicht größer, eher kleiner, als die christlicher. Römer und Juden. Von Dr. Marcus Landau. Es mag wohl paradox klingen, wenn man die Römer mit den Inden in Parallele bringt, das mächtigste Volk des AlterthumsHnit dem schwächsten, das kriegslustigste mit dem friedliebendsten, das polytheistischeste mit dem eifrigst monotheistischen; aber wenn wir beide Völker näher kennen lernen, mehr als ihre Thaten deren Motive, ihre Weltanschauung, ihr Verhültniß zu einander und die Meinung, die sie von sich und andern halten, in Betracht ziehen, so werden mir neben den interessantesten Kontrasten auch auffallende Aehnlichkeiten finden, welche die Rivalität und den gegenseitigen mit einer getoissen Bewnndernng gemischten Haß erklären. Wie die einzelnen Menschen haben auch die einzelnen Völker eben so scharfe Augen für ihre eigenen Vorziige als für die Fehler der anderen, während sie die Vorzüge der Nachbarn und ihre eigenen Fehler wie durch ein Verkleinernngsglas sehen. Am ausfallendsten tritt diese Eigenthümlichkeit des Sehorganes bei den alten Römern hervor. Sic begnügten sich nicht damit, sich für das erste, tapferste und von den Göttern geliebteste, zur Beherrschung der Welt bestimmte Volk z» halten »nd die anderen Völker zu unterdrücke» und auszubenten, sondern suchten diese auch in aller Weise herabznsetzen und verächtlich zn machen. Sic rühmten sich gern ihrer Treue, Ehrlichkeit »nd Gewissenhaftigkeit auch gegen Feinde, aber gerade, daß sie von dem Edelmnth des Fabrieius, der dem König Pyrrhus den Arzt auslieferte, der ihn vergiften wollte, so viel Aufhebens machten, beweist, wie selten solch ehrenhaftes Benehmen bei ihnen war. Wie viel Fälle von Unehrlichkcit, Berrath und Treulosigkeit römischer Staatsmänner und Feldherren ließen sich nicht dagegen aufzähle»! Mutius Cordns (Seaevola) geht mit Zustimmung des Senats sich als Ueberlänfer ausgebcnd, in das Lager des Porsena, um ihn zu ermorden, und als der Meuchelmord mißlingt und der großnüithige König von Clusium ihm das Leben schenkt, belohnen die Römer de» Meuchelmörder und errichten ihm ein Denkmal.') Mit der größten Treulosigkeit »nd Unehrlichkeit hatte» sich die Römer im dritten punischen Kriege gegen die Karthager benommen; trotzdem hörten sie nicht auf, ihre eigene Ehrlichkeit und Großmuth zn rühmen und über die „punische Unehrlichkeit" zu schimpfen. Als Hannibal, der so oft die Römer geschlagen hatte, sich nach der Eroberung Karthagos zum König Prusias von Bithynien flüchtete, ließ ihn Flaminius, der als Gesandter Roms dahin gekommen war, vergifte»?) ') Livius II 12, 13; Sextus Aurelius Vieler, De viris illustrihus urbis Romae cap. 12. s) Appian, Römisch-syrische Geschichte S, 11; Plntarch, Leben des Fla- »linins, am Ende.