Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1892)
- Date
- 1892-01-22
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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39 Geschick nicht tief unser Herz ergreifende Und stünden sie in Bildung und Gesittung — wie offenbar nicht der Fall, unb wo der Fall, nicht, oder nicht ausschließlich aus eigener Schuld — noch so tief: wir waren dennoch verpflichtet, uns ihrer hilfreich anzunehmen. Dazu drangt uns unser Glaube, unsere Geschichte, unser Herz und unser Verstand. Unser Verstand, der uns ebenso wie unsere Geschichte jene Antisemiten-Weisheit predigt: „Schlügst du deinen Juden, schlag ich meinen Juden." Unser Herz, das uns mahnt, den einzigen Grundsatz der Religion, in dein alle Juden links und rechts, altgläubig wie fortschrittlich gesinnt, übereinstimmen: die Wohlthütigkeit, wie sie uns von beit ältesten Zeiten her überkommen ist, wie sie nicht erst ein Angstergebniß moderner sozialpolitischer Anzapfungen oder Klugheitslehreu ist — in ausgedehntester, umfassendster Weise 511 üben. Im Mittelalter, in der Zeit der Kaperschiffe, sannnelte man von Judengemeinde zu Judengemeinde die Lösegelder fiir die zu Sklaven verkauften Glaubensgenossen. Die Lösegelder, bereu es heutzutage bedarf, um die russischen Glaubensgenossen aus der Sklaverei ihres sogenannten Vaterlandes zu befreien, gehen in die Millionen. In vielen Gemeinden sammeln bereite die Komitees mit Eifer und Erfolg. Aber was bis jetzt einkam, so viel es war, das ist ein Tropfen im Meere. Es bedarf immer neuer Zuflüsse, darum ist das Vorgehen einzelner Gemeinden sehr löblich, in denen bereits jetzt allmonatliche Beitrüge emgehobeii werden. Gegenüber der fürchterlichen Roth, dem unbeschreiblichen Unglück der Heimathlosen kann und darf kein Jude, und stehe er noch so fest, noch so hoch, noch so unnahbar da, sich gleichgiltig verhalten. Es kann und darf Keiner meinen, mit einer einmaligen Gabe seine Pflicht erfüllt zu haben. Das herzzerreißende Elend der Flüchtlinge nmß jedem Juden, der noch nicht ganz vergessen hat, das; er bei all seiner berechtigten Vaterlandsliebe und Vaterlandszugehörigkeit, doch -- Manche sagen leider noch, die Antisemiten: nur - Jude sei, so wie es unsere edlen Glaubensgenossen, die für das Unterstützungswerk fortivahrend thatig sind, immer vor Augen uub im Herzen haben — mindestens zeitweilig vor die Seele treten. Es sollte heutzutage kein Fest in jüdischen Kreisen gefeiert werden, bei dern, an dein, vor dem nicht der armen russischen Juden gedacht, für sie ein denn Festauswand entsprechender Beitrag gewährt wird. Unsere Büter hatten sinnig bei jeder Festfreude das seehcr leehorbon vor Augen, die Erinnerung an die Zerstörung des Tempels. Wir sollten es zu einem seclier leaiiijim zu einem werkthütigen Erinnern an die Aermsteu der Armeil, an die russischen Flüchtlinge, umgestalten. Kein Fest ohne Beisteller für sie, allerlei Veranstaltungen — Bazare, Vortrüge, Vorstellungen zum Besten dieses, viele Millionen Menschen berührenden, viele' Millionen beanspruchenden Wohlthütigkeitswerkes — sind dringend zu wünschen. Möchten doch, nach denn schönen Vorbilde der edlen Frauen, die in Königsberg, Berlin, Charlottenbnrg 11. s. w. in regem Eifer sich der Auswanderer annehmen, auch die jüdischen Frauen überall die Geldsammluugeu in die Haiid nehmen, ihren rührenden Bitteii werden vielleicht auch viele der bis jetzt fern Gebliebenen nicht widerstehen. „Bin ich der Hüter lneines Bruders?" die Kainssrage, den Kamsfluch — Keiner sollte jene lvagen, diesen wecken! Rein, sowie „Er nicht schlaft und nicht schlummert der Hüter Israels", so wollen auch wir nicht müde werden, „die Hüter unserer Brüder" zu merbeit und zu bleiben. Dazu veranlaßt uns nicht blos, wenn auch mit, das alte: en tun res agitur paries dum proximus ardel — „Siehe, dein Eigenthnm gilts, lvenns brennt im Hause des Nachbarn": nicht blos der alte Mahnruf Zedokoh la/il minmwes — Wohlthütigkeit rettet vor Untergang — nein, dazu veranlaßt uns Pflicht und Ehre, alles Hohe uiid Heilige in der Menschenbrust. Es gab vielleicht — selbst vor vierhiliidert Jahren bei der Vertreibung der Juden aus Spanien — keine Zeit eines so großen über so viele Juden hereingebrochenen Unglücks, keine Zeit einer so dringlichen Erprobung unserer Bruder- und Menschenpflicht, als heutzutage! Möge die Prüfungszeit uns bewährt finden. Möge fortan der herzlose Ruf: Bin ich der Hüter meines Bruders? nirgends auf Widerhall, allseits auf werkthütige Entkräftung stoßen. Der Kamps gegen den Indifferentismus in Elsaß-Lothringen. Bott Tr. M. Ginsberger, Rabbiner in Sulz. „Es giebt viele Juden, die völlig fremd und unwissend sind in jüdischen Dingen, die sie nicht kennen und nicht kennen! mögen." Wenn diese vom Verfasser des in Ihrer geschützten Zeitung erschienenen „Mein Judenthum" überschriebeuen Artikels gemachte Bemerkung irgendwo zntrisft, so ist es sicherlich in meinem engeren Vaterlaude, in Elsaß-Lothringen. Tie Unsicherheit der politischen Stellung hat nicht verfehlt, auch ans die Verhältnisse der Inden ihre schlimmen Folgen auszuüben. Die große Masse derselben beherrscht weder die französische, noch die eigentlich deutsche Sprache, sodaß auch von einer Bekanntschaft mit der jüdischen Geschichte und Litterainr nicht im Geringsten die Rede sein kanii. Es kaim daher nicht Wunder nehmen, wenn die Unwissenheit und der Jndisserentisinns in einer fast schreckenerregenderl Weise hier zu Lande unter den Juden verbreitet sind. Es ist deshalb gerade jetzt, wo eine neue Generation, welche die deutschen Schulen besucht hat, anfüiigt, die höchste Zeit, Mittel zur Besserung anznwenden. Ich übergebe nun im Folgenden zwei Vorschläge der Deffentlichkeit, welche rnan an beruseiier Stelle einer näheren Prüfuiig unterziehen möge. Ziemlich leicht ist eine Besserung in denjenigen Cöemeinbeu zu erzielen, die eineil Rabbiner an ihrer Spitze haben; und zwar denke ich mir hier die Sache folgeiiderniaßen: Ter Rabbiner hat zimüchst, wemi liöthig voll der Karizel herab, barauf hmznwirken, daß die jilngen Leute im Alter von etwa 14—30 Jahren sich zusammenschließeii uiid Vereine grüliden, welche die aiisgesprochene Teiidenz haben, die Kenntnis; der jüdischeii Geschichte und Litteratur unter deren Mitgliedern zu Verbreiten. Die Verwirklichung dieser Tendenz untre aus zwiefache Weise herbeiznsühren: diirch Vortrüge und durch j Privatlektüre. Die Vortrüge tuiirben selbstverständlich den: Rabbiner i zur Last fallen. Zur Ermöglichung der Lektüre aber müßten aus! ben eingehenden Geldbeiträgen die uöthigeu Bücher angeschafft werden. Viel schwieriger würde sich die Uiiterweisniig in denjenigen Ge-! nieinbeu bewerkstelligen lassen, welche feinen Rabbiner besitzen. Hier j sehe ich überhaupt für die Gegenwart tein Mittel zur Abhilfe, weiiii > iiicht etwa der Rabbiner der Hauptgenieiude auch hier die Leitung; übernehmen wollte. Tenn von bem Vorsänger ist bei dem jetzigen; Stande der Tinge leider abzusehen. Gerade darauf basirt mm aber mein zweiter Vorschlag, nämlich ans der besseren Ausbildung unserer Vorsänger. Wir haben eine Präparandenaiistalt für die Rabbiner,; aber ebenso nothwendig oder vielleicht iioch nothwendiger wäre eine solche für Vorsänger. Deiin daß die jetzige Ausbildung derselben hier eine ungenügende ist, das wird selbst von ben maßgebenden Behörden zugestanden. Jedem Anfänger müßte es zur Pflicht geiiiacht merben, die Realschule zil absolviren. Die Kenntnis; der hebräischen Grammatik, der jüdischeii Geschichte unb Litteratur, das Verständnis; der Bibel unb der üblichen Gebetstücke wäre zu verlangen. Bor ziirückgelegteni 23. Lebensjahre, d. h. vor absolvirter Milltairpflicht, dürste eine Berechtigung nicht ertheilt tuevbeii.