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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-22 · Heft 4 (22.1.1892) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 4 (22.1.1892)
Date
1892-01-22
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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Ver Verein;ur Bekämpfung der Rassenhetze. Poil B e n a s Lev y. Die erste Versammlung der Bereinigung zur Bet'ümpsnng der Rassenhetze hat in Berlin mit einem Fiasko geendet. Trotz unseren! Rath und unserer Warnung hat man keinen Anstand genommen, diese Bersannnluug einzuberufen, und sie glich jenen Radau-Versaiiimlnngeu, die eine Spezialität der Antisemiten sind. Es kam sogar bis zinn Handgemenge, und die Polizei hat sich genöthigt gesehen, eiuznschreiten. Wir zweifeln nicht daran, das; die tnmnltuarischen Szenen nur durch die Antisemiten heroorgerufen worden sind, aber gleichviel — der Verlaus der Versammlung hat unsern Befürchtungen Recht gegeben, und nur erklären eine derartige Agitation für die Sache des Jndenthnms als verfehlt. Was sollen diese Versammlungen, zu denen zumeist nur Inden und Antisemiten erscheinen, bezwecken? Tie Inden über den Antisemitismus zu belehren, ist nicht nöthig, denn sie kennen alle die Verwerflichkeit der Rassenhetze ----- und die Antisemiten belehren zu wollen, das hieße, Eulen nach Athen tragen. Denn würde Einer auch „mit Engelsznngen" reden, es würde nichts helfen! Ist es ein Jude, der spricht, dann heisst es, er ist parteiisch und spricht ein Ehrist über die Schädlichkeit der Indenhetze, dann nennen ihn die Antisenliten einen „Iudcnknecht" oder sagen, er sei mit jüdischen! Gelde bestochen. Sagt ein Jude den Antisemiten die Wahrheit, dann ertönt laut die stereotype Redensart: „Das wagt ein Jude uns Deutschen in unseren! Lande zu bieten, fürwahr, es ist weit mit uns gekounnen!" und macht ein Ehrist ihnen klar, das; ihre Hetz - Agitation nnchristlich ist, dann heisst es: „Der gehört zur „Jndenschntztruppe" (mie sie die Mitglieder des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus nennen), und die Behauptungen dieser Herren haben für uns keinen Werth!" Diese Erfahrung sollte alle Anhänger des Jndenthnms davon abhalten, sich in nutz- und zwecklose Debatten mit den Antisenliten hi e r einznlasseu, denn wir haben Beweise genug, das; sie sich nicht überzeugen lasten wollen. Wie oft ist ihnen nachgewiesen worden, das; Rohlings Uebersetznngen ans dein Talmud unerhörte Fälschungen sind bei jeder Gelegenheit stützen sich die Antisenliten dennoch auf Rohling. Ist ihnen auch noch so überzeugend klar gelegt worden, das; der Antisenliten - Katechismus von groben Entstellungen wimmelt die erfundenen Geschichten erscheinen dennoch fast alle in jeder neuen Auflage des Buches wieder. Wozu also innner und innner wieder tauben Ohren Predigend Wird ja Alles von den Antisenliten zurecht gelegt und entstellt, lote sie es gerade für ihre Zwecke brauchen. Zählen sie die jüdischen Professoren, so werden alle diejenigen hiuzngezählt, deren Väter und Großväter bereits zunl Zeitungen sich entschlossen hatten, von den antisemitischen Versammlungen keine Notiz mehr zu nehmen, daun trat an die Stelle des Interesses die Gleichgiltigkeit. Nichts aber ist schädlicher für eine Agitation als die Gleichgiltigkeit! Nur diejenigen, welche Anhänger der antisemitischen Partei sind, in ihre Versammlungen gehen und ihre Organe lesen, hören von den Hetzereien der Antisemiten. Für die Anderen sind sie nicht vorhanden — und durum haben sie auch hier sehr an Einfluß verloren. Dies sollte uns ein Fingerzeig sein für unser Verhalten gegen die Antisenliten, namentlich in Berlin. Bon Neuem dazu beizutragen, die Leidenschaften in Volksversammlungen zu erregen, das halten wir für einen großen Fehler, und darum rathen wir im Interesse der Sache des Jndenthnms unsern Glaubensgenossen, sich an den Versammlungen des Vereins zur Bekämpfung der Rassenhetze n i d) t zu betheiligen. Der „Verein zur Abwehr des Antisenlitismns" beweist durch Schrift und Wort, daß er die hohe Aufgabe, welche er sich gestellt hat, voll und ganz erfüllt. Dieseln Verein ulögen sich alle Diejenigen anschließen, die dazu beitragen wollen, daß der verderblichen Agitation der Antisenliten gesteuert werde. Bin ich der Hüter meines Bruders? Von Rechtsanwalt E m i l L e h m a u n. „Bin ich der Hüter lneines Bruders?" Der Kainsrus ertönt ans dem Munde und im Herzen, — das Kainsmal wird sichtbar ans der Stirn vieler vieler Tausende, die keine Brudermörder sind, sondern höchst angesehene, bürgerlich hochachtbare, in ihren und in vieler Anderer Augen sehr ehrenhafte Männer. Bin ick) der Hüter nieines Bruders?- Was gehen mich die russischen Inden an? So sprechen, so denken, so knausern unzählige unserer Glaubensgenossen. Neben den Edlen, die mit unablässiger Sorgfalt tagtäglich sich abnlühen. um den Unglücklichen, Heimathlosen Hilfe, Unterkommen, Ueberfahrt und Existenz zu verschaffen, neben den Hunderten und Tausenden unserer Glaubensgenossen, die an den Grenz- und Hafenplätzen, wie in Meinet, Königsberg, Stettin, Haulbnrg und Alnsterdam, in Berlin und Nelv-Z)ork n. s. w., mit hingebender Opserfreudigkeit, mit velständiger und weiser Arbeitstheilung und sachkundiger Fürsorge, wie so oft schon in früheren Jahren, so ganz besonders nachhaltig im Frühjahr, Sommer und Herbst des für unsere russischen Glaubensgenossen so namenlos traurigen Jahres 189k und seitdem sich abmühen, um, wie es im Morgengehet heisst: die Nackten zu kleiden, die Gefesselten zu befreien, die Gebeugten aufznrichten. die Ermatteten zu kräftigen — neben den, , Gott sei Tank zahlreichen, aber noch lange nicht ausreichenden, noch lange nicht die Mehrzahl der Leistungsfähigen bildenden Glaubens¬ Ehristenthnrn übergetreten sind — oder überhaupt nie Juden waren. Hier gelten auch die Getauften als Inden. Iritt aber rin getaufter Jude in ihre Reihen, unb schreibt er Artikel über „die internationalen Fäden der Börsen- und des Jndenthlnns", - so ist er ein gläubiger Ehrist, der ihre volle Sympathie hat. Wie kann nnm unter solchen Umständen hoffen, eine Wirkung ansznüben durch Borträge iu dem Verein zur Bekämpfung der Rassenhetze? Aber noch eine andere Erfahrung sollten mit* nicht unberücksichtigt lassen. Als der Autiseulitisunis in Berlin ins Leben gerufen nnirde, brachten alle Zeitungen genaue Berichte über die Bersamnllungen, die von den Antisenliten abgehalten wurden, und förderten dadurch indirekt ihre Sache. Als aber später die liberalen genossen, die da beisteuern wirklich iscli kenuitnas jodau kewirkas iulonaj. wirklich und in Wahrheit nach ihren! Vermögen und entsprechend dein, was sie dem Segen Gottes verdanken: — wie Viele, wie unendlich Biele giebt es da noch, die nichts beigetragen haben, oder wenig, viel zu wenig! Bin ich der Hüter meines Bruders? Wie viele Juden giebt's, die die russischen Juden gar nicht für ihre Brüder ansehen! Nun, sie mögen sich bei den Antisenliten Antwort für ihre Verleugnung holen, denen ja alle Inden gleich verhaßt sind, denen das Schicksal der russischen Inden als ein erfreulicher Vorgang, als die Einleitung zu den: gilt, loas sie sämmtlirhen Inden erflehen. Sind unsere bedrängten russischen Glanbeusgenossen nicht unsere Brüder'? Ist ihr

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