Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
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>6. Ja! 36 Kriege mit Rußland herrscht bei »ns in Polen greuzeiiloscs Elend. Ter Ackerbau, die Geschäfte. Handel und Wandel liefen darnieder nnd Alles ist im Zerfall. Wer Geld hat, versteckt's oder vergräbt'S, nnd dadurch wird Alles immer schlimmer und chlimmer. Die Hoffnung auf eine bessere Zeit ist bereits erloschen, Tausende nagen am Hungertuch, kurz, das Elend ist grenzenlos. Da hat sich denn auch der Glaube verbreitet, das Ende der Welt sei nahe nnd über kurz oder lang werde Alles, was sterblich ist, vernichtet werden." „Schrecklich!" rief Herr Mönch. „Ja, es ist Schauder erregend," sprach die Wirthin. „Mich gruselte es, wie mir die Kleine dies Alles erzählte. Der „Glaube an den Weltuntergang," fuhr dann die Polin fort, „bringt Alle vollends zur Verzweiflung. Das Elend unseres Volkes wird nun von Jrrlehrer» und falschen Propheten ansgebeutet. Viele ziehen umher und sagen, die Reichen hätten noch das Mittel in der Hand, sich vor der ewigen Verdammnis; zu rette». Jenseits der polnischen Grenze, in Deutschland, sei das heilige Zion, in Ofsenbach a. M. wohne der Messias mit der heiligen Jungfrau, in deren Macht cs liege, Jeden zu erlösen. Dort werde das Reich der Heiligen und Seligen gegründet, das dauere wieder bis an das Ende aller Tage." „Himmel, welcher Unsinn!" sagte Vernarb. „Run," bemerkte Andre, „es giebt Leute, die das Paradies auf Vonholm suchen, da kann auch das Himmelreich in Offenbach seinen Anfang nehmen." Die Wirthin fuhr fort: „Opfert euer Vermögen dem Messias," erzählte die Polin, „so predigte man den reichen Inden, zieht hin nach dem neuen Zion, legt ihm, was ihr besitzt zu Füßen, und lebt dort in Gemeinschaft mit den Seligen bis ans Ende aller Tage. Und die reichen Juden zogen ihr Geld hervor, gruben ihre Schätze aus und pilgerten nach Offenbach, oder sie sandten ihr Geld hin, um mittelbar der Erlösung lheilhastig zu werden. Da verbot die Regierung die Geldsendungen außer Landes. Manches Füßchen schöner Dukaten wurde ungehalten und konfiszirt, nnd der Zweck der Erlösung wurde verfehlt. „Sendet eure Töchter und Söhne mit dem Gelbe nach Offenbach," lehrten die Propheten, „nnd werdet durch sie der Erlösung theilhastig!" Die Meisten sandten ihre Töchter, weil sie die Söhne für das Geschäft nothwendig hatten. So wurde auch ich mit noch einigen anderen jüdischen Mädchen von meinen Eltern zur Wanderung nach Offenbach bestimmt. Tausend Dukaten gab mir mein Vater mit, um sie dem Messias vor die Füße zu legen, tausend schöne, goldene Dukaten!" Die drei Stammgäste äußerten laut ihr Erstaunen. „Ja, meine Herren, es kommt noch besser," sprach die Wirthin. „Wir flüchteten, unter Anführung eines Abgesandten des Propheten, bei Nacht und Nebel über die Grenze," erzählte das Mädchen. „Nach einer mühevollen Reise kamen >vir in Ofsenbach an und ich gab mein Vermögen deni Messias. „Sei ivillkommen, meine Tochter," sprach er, „kehre ein in meinen Himmel, in dem die welterlösende Liebe thront." Er segnete mich und übergab mich einer Priesterin zur Vorbereitung. Tie Pricstcrin erklärte mir, daß von Zeit zu Zeit die Gottheit sich in die Gestalt eines vollkommenen Menschen einhülle und als Messias auf der Erde erscheine. Ein solcher Messias sei Jakob, der da heute herrsche im Schlosse zu Ofsenbach." „Das wird ja immer konfuser," meinte Vernarb. „Nun, und doch endigt die Geschichte sehr einfad)," sagte die Wirthin. „Sabbathai Zewi habe gelehrt," erzählte Josepha immer weiter, „die tvahre selig machende Religion sei die, welche das Gute anderer Religionen in sich aufnahme. Sv würden auch ivir Juden selig durch den Messias Jakob und dadurch, daß wir äußerlich das Ehristeiithum annchmen." „Ha, ich merke etwas," rief Papa Vernarb. „Ja," sagte Anton Andre-. „Nun sehen wir, wo das Alles hinaus will." „Nun gut," bemerkte die Wirthin. „Auch ich brauche Ihnen nichts weiter zu sagen. Im Grunde wüßte ich auch nichts weiter. Nur ganz verhüllt machte mir das Mädchen einige Andeutungen. Glühendes Roth bedeckte ihre Wangen und zitternd und angstvoll gestand sie mir einiges von dem, was sie erlebt, nnd die wenigen zarten Anspielungen erösfneten mir den Blick in einen Abgrund von bodenloser Verworfenheit. „Sehen Sie," sagte die Polin zuletzt zu mir, „ich kann's nicht mehr anShalteu. Mein ganzes sittliches Gefühl empört sich, diesen Betrug mitmachen zu müssen. Wäre mir Ihre Tochter, das gute Grethchen, nicht begegnet, ich würde in den Finthen des Mains ein Ende gefunden haben." Das Mädchen sank dann auf dem Sopha zusammen nnd lveinte, daß die Hellen Thränen die Wangen herabliefen." „Es ist abscheulich!" rief Vernarb. „Schändlich," sagte Andre'-. „Wie ist's möglich, daß in unserem guten Ofsenbach solche Abscheulichkeiten verübt werden?" sprach Mönch. „Ganz natürlich," sagte Vernarb. Der Fürst hat dein polnischen Betrüger nnbeschränktr Ausübung seiner Religion, um welche die fürstlichen Beamten sich nicht zu kümmern haben, gestattet; der Polenfürst hat seine eigene Gerichtsbarkeit, es geht keinen Menschen an, was die Gesellschaft im Schlosse treibt, es ist also ganz erklärlich, wenn solche Dinge sich ereignen können." „Ja, aber warum gestattet das der Fürst?" sagte Mönch. „Warum? Ganz einfach, weil er Geld braucht," anttvortete Mönch. „Die Zustände in unserem lieben heiligen römischen Reich sind ein wahrer Skandal. Die Fürsten verschleudern eine ihrer Prärogative nach der anderen, wenn's ihnen nur Geld einbringt." „Die Wirthschaft im alten Schloß ist mir schon lange verdächtig vorgekommen," fuhr Andrefort, „Wenn ich spät in den Nachtstunden dort vorbei gehe, höre ich immer merkwürdige Dinge. Neulich habe ich lange stillgestanden nnd gelauscht. Erst hörte ich einen getragenen, feierlichen Chor mit tiefen gurgelnden Tönen, dann wieder begann ein allgemeines unverständliches Murmeln, worauf eine tiefe Männerstimme in einer mir unbekannten Sprache feierlich redete, dann war eine Generalpause, die Lichter verloschen, tiefe Stille herrschte; es mußte ein wichtiger Moment bevorstehen. Mit einem Male schien der Augenblick der Offenbarung gekommen ,;u sein, denn die Gläubigen geriethen in Verzückung. Frauenstimmen Härte ich von Zeit zu Zeit laut anfschreien. Ich kann die Töne, die ich dann hörte, nur dem Aufschreien Zerlinchens hinter der Szene in Don Juans Schloß vergleichen. — Ihr wißt doch, bei Onkel Vernarb haben wir ja den Don Juan zur Aufführung gebracht!" „Himmel sapperment," sagte Onkel Vernarb, „das muß amüsaul sein. Wollen wir Dich einmal begleiten?" „Gut," sagte Onkel Vernarb, „wir hören heute das ncnmodische Kirchen-Konzert." ,,Allons, top," rief Andre, „nun Austrinken!" „Frau Wirthin," sprach Onkel Bernard, „die Polin bewachen Sie mir gut und sorgen für Alles. Wenn's wo fehlen sollte, stehe ich für den Riß." „Soll ein Wort sein, Onkel Bernard," sprach die Wirthin. „Top!" Trnct uiio Berl.ia umi ’Jü'.buli ÜlioiU’ IN Berlin. Bern»lwmNull iiir die ilirbnftiiM: AIn> B.inchwili in Berlin. Ko 7L i)cv Re rie Erw< oon dem ruthen a Bedingm rleiben ^euontme '0lange i rief die \ wonach i;>on Kra xm sich 'teher bei aegen bii rbge l e h Gemeind nutef gi< m Versc alten in res Gem res Etat geführt, m Araft ^itzungei einer Bei 'S '?ür die Mittheili der deuts Shell hö raher al Bermitte „Neue R nraße N direkt b F* reamte unt ech Sv. Levi Beifall, iede aus mit einer Bause, 1 rer Arr Borstand sodann aufgenou ' ondern rliebenen an Betn Shell bc: * * i mitgethei Bersich at ande Anh. Re iWI) dt