Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 ihn der Tod, ei» schneller schmerzloser Tod, gerade am Beginne seines neuittindsiebzigste» Lebensjahres, am 2t). Dezember 188t). Sein Begräbnis; gestaltete sich zu einem Trauertage für seine gesammte Glaubensqenossenschaft. 9 FEUILLETON -os- Eine Blume. Von Elise Orzeszko. (Fortsetzung/» Doch wozu erzählen, was Chaita ihr Lebenlang machte, ich muß nur bemerken, daß sie sehr häufig nach dem Friedhofe ging, nach jenem jüdischen Friedhofe, der eine Meile von der Stadt entfernt ans sandigem Boden mit einem niedrigen. Steinzaune umschloffen war, aus dem ein ganzer Wald bon Monumenten herborragte. Wenn Chaita hinter dem Wagen herschlich, der einen langen hölzernen Kasten führte, und der auf deni unebene» Pflaster knarrte und stolperte, zu dem sandigen Hügel hinaufkam, wie schluchzte und überstürzte sie in Thränen, und wenn sie dann nach Hanse kehrte, hatten sich jene röthlichen Monumentalsteine wieder um einen vermehrt. Auf diesen Steinen wurden dann die Namen eingegraben: ihres Mannes, ihres guten Bruders, ihrer Mutter, die auf ihre alten Jahre bei Chaita wohnte, ihres Sohnes, „der Brillanten" ihrer thränenreiche» Angen, ihrer Tochrer, die einst tvic eine Rose blühte in ihrem Dorncnkranze. Wie es mit alten Leuten häufig geschieht, Chaita verlor durch den Tod oder Entfernung alle Ihrigen. Wer nicht starb oder in iveiter Ferne war, tvnrde durch eigene Sorgen und Drangsal gegen Chaita gleichgiltig, und sie gericth in Bergessenheit. So ist sie einsam auf der Welt, kauft alte Kleider, sammelt die ans dem Fenster geworfenen oder am Misthaufen ausgesuchten Lumpen lind trägt sie auf dem Rücken in einem großen, aus Wasseriveidcn geflochtenen Korbe. Eine sonderbare Waare, ebenso sonderbar wie ihre Käufer, und sie lebt. Ihr denkt wohl, meine Herrschaften, daß sie ohne alle Freuden und Annehmlichkeiten lebt, daß cs nichts auf der weiten Welt giebt, lvas ihre verloscheiien Blicke entflammen, was auf ihre verdorrten Lippen ein zärtliches, sogar freridiges Lächeln Hervorrufen könnte? Ihr irrt! Blicket jetzt auf Chaita, die unter der Last ihres Korbes gebeugt am Straßenrande sich hinschiebt, mit ihrem geflickten Kaftan an die Häusermauern reibt und ihre flache Beschuhung, jeden Augenblick an einen spitzen Stein stoßend, so abfällt, daß sie zornig und brummend stehen bleibt, um denselben ihrem in blauen Strumpf gehüllten Fuß anzustecken. Blicket sie nur an, jetzt, wo sie ihr Haupt ans dem gelben Tuche hebt, ihr Auge schießt eineil glühenden Funke», mit einem Lächeln, mit heiserer, zitternder Stimme ruft sie: „Chaimchen! Chaimchen!" Ein kleiner, sechsjähriger Knabe, die Straßen durchlaufend, hörte ihreil Ruf, stürzte auf sie zu und umschlang ihren Hals mit beiden Armen. Er küßte die runzlige Stirn und eilte dann laut lacheild unter die jugendlichen Kameraden, die in vollem Galopp nach jener Ecke liefen, wo vor einigen Tagen ein großes Schild ausgehängt wurde, einen rothgekleideten Riesen darstellend. Für das Enträe mußte gezahlt werden, und deshalb standen Chaimchen und seine Kollegen stundenlang, das Aushängeschild unentgeltlich betrachtend. Chaita war nicht einsam auf der Welt; das Kind ihrer jüngstenl Tochter, derselben, die wie eine Rose in dem Dorncnkranze ihres Lebens eine kurze Zeit blühte, war Chaimchen. Als der Tod diese Rose entriß, fand sie in dem Kinde das reinste Abbild. Chaimchen hatte das kastanienbraune, in eine Unzghl Ringe sich kräuselnde Haar seiner Mutter, und die großen, weitgeöffneten schwarzen Augen m>: dem länglichblassen Gesicht, wie einst bei der Großmutter zu finden. Wer bemerkte nicht, daß fast alle Kinder der armen Juden in den ersten Jahren ihrer Kindheit sehr hübsch sind? Dann allmählicb magert das Gesicht ab, der Glanz der Pupille schwindet und di: bleichen, halboffenen Lippen erhalten den Ausdruck einer gimpcl haften Starrheit, — Knaben und Jünglinge haben bereits jenen stereotypen Ausdruck der Kränklichkeit und trägen Ermattung. Ich tveis; nicht, was ihnen eigentlich so rasch ihre Lebensfrische und Anmuth raubt. Sähet Ihr jemals die Wohnungen ihrer Eltern? Untersuchtet Ihr mit den deutschen Gelehrten, dein Schöpfer des Nahruugstraktates, den Einfluß, welchen gewiss: Gattungen und Quantitäten von Nahrungsmitteln auf die mensch liehen Organismen üben? Blicktet Ihr jemals in die Knabenschulen. „Ctzocker" genannt, wo ihre Kinder Unterricht nehmen? Wißt ihr. was, wie und wann sie lernen, und kennet ihr deren Lehrern „Melamed“, mit der kräftigen Faust und dem unstäten Blicke' Gleichviel, Chaimchen ist noch immer sehr schön. Sein Anzug verräth unzweideutig den Stand seiner einzigen Protektorin, der Großmutter. Seit einem Jahre ungefähr trägt er unablässig im Somme, und Winter die weiße Kattuntveste mit schwarzen Streifen, auc» Rock und Mütze aus Kattun. An der Mütze ist ein kleiner, weiche: Lederschirm angebracht, doch trägt er auf der Straße zumeist ein: braunrothe Kappe, die nur den Scheitel seines Krauskopfes bedeckt, da er die Mütze stets daheim vergißt. Chaita näht immer eigenhändig die Kleider ihres Chaimchen. Cs bietet einen eigenthümlichen Anblick, wenn dieses Weib mit den großen Augengläsern, deren Ränder bis zur Hälfte ihrer runzligen Stirne reichen, und mit dem ihr Haar festumschließenden gelben Tuche, an dem niedrigen Tische sitzt, - wo eine Lampe auf hohem Kamine ihr mattes Licht ivirft, und mit ihren schwarzen, zitternden Hände» die verschiedenen Fetzen zerschneidet, mißt und aneinander näht. Sie verrichtet diese Arbeit mit größtem Eifer und außerordentlicher Anstrengung ihres Sehorgans und ihrer Gedanken. Manchmal murrt sie, ihrer Gewohnheit gemäß, etwas halblaut: „Wer lebt dorl jetzt?" und denkt dabei an ihre kleine, schmutzige Hütte, wo sie geboren und erzogen wurde. „Aj, Aj, wie waren die schön." Diese Erinnerung gilt den alten Bäumen des Schloßgartens, wo sie einst als Kind unb Jungfrau wandelte. Manchmal seufzt sic schwer und spricht: „Wie er starb, war er weißer als das Mehl, welches er auf sich hatte; er starb jung, aber was Wunder, sei» ganzes Leben hindurch legte er schwere Säcke auf den Wagen, ermüdete sehr — und schied." Dann fügt sie hinzu: „Herr der Welten! Vereinige seine Seele mit der Seele Abrahams, Jfaals und Jakob- und allen den Lieben!" Oft wirft sie die Worte hin: „Der Mensili ist wie ein Hauch!" und denkt hierbei an ihre junge, reizende Tochter, an die Rose, welche der Tod von der Erde wehte. Es giebt auch Allgenblicke, in welchen die dicke Nadel aus de» Händen Chaita's fällt, wo sie zornig die Faust ballt und hinter de» großen Augengläsern die Blicke sprühen: „Aj, Aj — das böse Weib — die Diebin — wie niederträchtig - - wie hat sie mich schändlich betrogen — nahm zwei polnische Guldc» für solch einen Fetzen — wer wird mir so viel geben — ich bin unglücklich — ich bin verloren." Dann überlegend und sich selbst beruhigend, fügt sie hinzu: „Nu — wer so viel geben wird? Ah -- jenes Mädchen, welches bei der reichen Herrschaft dient, die sich aui nichts versteht und immer lacht und hüpft. Zu diesem Kaftan will ich ihr k zeigen, b drei pol Ach, bas Int Guldens sie 11100 mütterch Die vor sehnen s drückten ist. 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