Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
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Von ihnen sind nur die beiden ersten „Am Nil" und „Am Jordan" erschiene». Das dramatische Element ist in „Esterka" , „Joachim" nnd be» „Entthronten" (letzteres Leipzig, Leiner, 1869) vertreten. Anch hier kommt die poetische Gestaltungskraft Philippsons, die Hoheit ‘einer Gedanken, der Reichthum seiner Anschauungen schön und erhebend zum Ausdruck. Störend wirkt nur bisweilen, daß die Metrik nicht mit der Korrektheit gehandhabt ist, an welche die Formvollendung oer zeitgenössischen Dichtung den Leser gewöhnt hat; auch sind oie altbiblischen Stoffe für moderne Behandlung immer etwas spröde. Eingehenderes Urtheil über diese schöuwissenschaftlichcn Leistungen unseres Autors überlassen wir den Lesern, die sicher seine dichterische Eigenart und seine hohen Vorzüge selber zu würdigen im Stande ein werden. Philippsons mannigfache und unermüdliche T Helligkeit, die stete Frische und Ursprünglichkeit seines Geistes, seine Originalität und Schaffenskraft sind um so bewundernswerther, als er von seinem -ruhen Munnesalter an mit schweren Krankheiten zu kämpfen hatte. Die übermäßige Last der Arbeit, wie er sie seit der Knabenzeit ununterbrochen zu ertragen gehabt, hatten seine kräftige und ansbauernde Konstitution endlich erschüttert. Scho» in den Jahren 1838 und 1842 hatten ihn schwere Nervenfieber auf das Krankenlager geworfen; noch furchtbarer, mit typhösem Charakter, trat dasselbe Leiden im Jahre 1852 auf, nnd nur die Geschicklichkeit der Aerzte, darunter des eigenen Bruders, sowie die treueste Pflege der Gattin rettete ihn vor dem Tode, der ihn vierzehn lange Tage hinburch unablässig bedroht hatte. Seine erste Frau, Julie Wolfstein, war ihm schon im September 1843, nach achtjähriger Ehe, durch ein zehrendes Uebel entrisien worden; sie hinterließ ihm drei Töchter Lin Herbste 1844 hatte er sich eine andere Lebensgefährtin gewählt, Mathilde Hirsch, die mit innigster und thätigster Liebe ihm auf der Höhe seines Schaffens, wie am Abende seines Lebens zur Seite stand, and ihm noch mehrere Kinder schenkte. Man kann sagen, vou seinem vierzigsten Jahre an ist seine Existenz nur durch die Pflege und die Beihilfe seiner Frau ermöglicht worden. Die wiederholten schweren Kranlheiten hatten sein Nervensystem nicht wenig geschwächt, so daß r häufig an hochgradigen, lähmenden Kopfschmerzen litt; die Reise», bie er jeden Sommer in Bäder oder in das Gebirge unternahm, brachten nur zeitweise Linderung seines Leidens. Dazu kam, seit dem Jahre 1856, in Folge einer heftigen Erkältung, eine Entzündung des linken Auges, die bald eine so schlimme Form annahm, daß v ieses Auge ganz erblindete und bisweilen auch das rechte in Miteidenschaft gezogen wurde. Seitdem durfte Philippsou nur sehr wenig lesen oder schreiben und mußte sich für beides der steten Beihilfe, vor allem seiner Frau, dann auch seiner Töchter bedienen. Glücklicher, als in ähnlicher Lage der große Milton, fand er hier den zärtlichsten und treuesten Beistand, allein jeder Litterat und zumal Gelehrte wird das Peinvolle und Beengende einer solchen Lage lachsnhle», die immer auf Anderer, selbstverständlich bei bestem Willen nicht sachkundige Vermittelung hinweist. Die körperliche Schwäche Philippsons nahm im Winter vou 1861 auf 1862 derart zu, daß, nachdem er durch eine Entzündung anch des rechten Auges mit vollständiger Blindheit bedroht worden, er sich zu seinem tiefen Leidwesen genöthigt sah, Ostern 1862 von der Magdeburger Gemeinde Abschied z» nehmen und einen gesünderen Aufenthaltsort zu wählen, als ihn damals die alte, durch die Festungswerke eingeengte und den Ranch der Fabriken nmdünstetc Handelsstadt bot. Die Wahl seiner Acrzte fiel auf das liebliche Bonn. Mit trüben Ahnungen, mit lebhafter Wehmnth sahen ihn seine Magdeburger Freunde nnd Verehrer von dannen gehen, da sie ihm nur noch eine kurze Lebensdauer versprechen zu dürfen meinten; so sehr schien seine physische Kraft gebrochen. Allein die frische nnd stärkende Luft der reizenden Rheinstadt, sowie das ruhige nnd behagliche Dasein, das seine Gattin ihm dort schuf, belebten seinen Organismus vvn Neuem, und allmählich schwand die Nachwirkung seiner früheren Krankheiten. Er hatte sich ein Hänschen vor der Stadt, inmitten eines schattigen Gartens erworben; dort wohnte er, zurückgezogen, nur von wenigen treuen Freunden umgeben, aber durch stete Lektüre nnd eigenes Schaffen mit de» Strömungen der Zeit im engsten Zusammenhänge. Im Beginne des Jahrhunderts geboren, hat er bis gegen dessen Ende hin mit innigem Interesse alle die großartigen Umwälzungen verfolgt, die sich ans wissenschaftlichem wie auf politischem und sozialem Gebiet vollzogen. Für tillles hatte er Sinn und Verständnis;, an Allem nahm er Theil — eine Thatsache, von der man sich leicht überzeugen kann, wenn man seine Arbeiten, nach wie vor der Uebersicdelung nach Bonn, verfolgt. Tenn einige seiner besten prosaischen und zumal poetische» Leistungen verdanken gerade der Zeit seiner Bonner Wiedergeburt ihre Entstehung. Sei» Wirken selber hatte unter seinen früher indifferenten Glaubensgenossen so viel Eifer und Nachahmung erweckt, daß er nicht mehr, wie früher, der einzig Maßgebende unter den Führern Israels auf dem Wege besonnenen und allmählichen Fortschritts war; aber es vollzog sich doch keine Reform, es wurde keine große Institution gegründet, an der er nicht thätigen und hervorragende» Antheil nahm: so bei der Errichtung der Hochschule für jüdische Wissenschaft in Berlin, so bei der Stiftung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, und vielen Anderen. Eifersucht und Neid erloschen immer mehr dem edlen nnd unermüdlichem Greise gegenüber.. Sein fünfzigjähriges Schriftstellerjnbiläuin (1877), sein siebzigster Geburtstag (1881), das fünfzigjährige Jubiläum seiner Zeitung (1887) gaben seinen zahllosen Verehrern innerhalb wie außerhalb des Kreises seiner Glaubensgenossen Gelegenheit, ihm Bewunderung nnd Anhänglichkeit durch die rührendsten Beweise kund zu thnn, die nicht nur aus Deutschland nnd Europa, nein, aus der ganzen Welt ihm zu Theil wurden. Den ganzen Reichthum seines Herzen und seines Geistes entfaltete Philippson im Kreise der Seinigen. Freilich blieb ihm mannigfacher Verlust und damit tiefer Kummer nicht erspart, indem mehrere seiner Kinder nnd seine beiden Brüder ihm im Tode vorangiugen; freilich machten sich die Schwächen des Alters bei seinem durch frühere Leiden erschütterten Körper immer nachhaltiger fühlbar; freilich behielt er nur »och eine» Schimmer der Sehkraft: allein er ertrug das alles mit der größten Festigkeit, mit einer Seelenfreudigkeit, die ans seinem innige» Vertrauen auf Gott nnd aus seiner kindlichen Ergebung in dessen Wille» hervvrging. Er wurde ein wirklicher Weltweiser, ein wahrer Philosoph, stets gleichmäßig, stets liebevoll, ohne andere Leidenschaft als die für das Gute nnd Schöne, wo nnd unter welcher Gestalt es sich anch Vorland. Seit seinem siebzigsten Jahre entsagte er jedem litterarischcn Schaffen, mit Ausnahme der Redaktion seiner Zeitung. Aber hier fuhr er fort, die ihm eigenen Vorzüge bis zn seinem Ende in reichstem Maße zu bethätigen nnd als Lehrer und Führer Israels zn wirken. Sv ereilte