Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1892)
- Date
- 1892-01-15
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Meyer war Mitarbeiter von Krugs encyklopüdischem Handbuche der wissenschaftlichen Litteratur und leistete ihm während seines Berliner Aufenthaltes manchen Freundschaftsdienst. Ob er ihn auch in jüdische Familien einführte? Krug warf, seinem eigenen Geständnisse zufolge, „ein Auge ans eine schöne Jüdin"; er dachte ernstlich daran, sie zu heirathen, sic starb aber bald, nachdem er ihre Bekanntschaft gemacht hatte.') Schon während seines Aufenthaltes in Wittenberg waren von ihm eine ganze Reihe Schriften erschienen: eine „Eneyklopädie der Wissenschaften", „Briefe über die Wissenschaftslehre", gegen Fichte, und „Briefe über den neuesten Idealismus", gegen Schelling gerichtet, und sein „Entwurf eines neuen Organons der Philosophie", der den Vorläufer seines eigenen Systems bilden sollte. Ein eigenes System hat Krug nicht gegründet, sein sogenannter Syntheismus ist nichts als ein Zurücksinken in den Dogmatismus des sogen, gesunden Menschenverstandes; er war kein tiefer, aber ein klarer Denker und hat das unbestrittene Verdienst, die Philosophie Kants, als dessen Nachfolger er ernannt wurde, popularisirt zu haben. Im Jahre 1809 schied er von Königsberg, um einem Rufe an die Universität Leipzig zu folgen. Krug war ein begeisterter Freund der Freiheit. Unter dem Kanonendonner der Schlacht bei Leipzig legte er das von ihm bekleidete Rektorat nieder und stellte sich im Alter von 43 Jahren als Freiwilliger unter die reitenden Jäger, dichtete Bannerlieder, schrieb sogar über die Kriegswissenschaft. Als acht Jahre später die Griechen für ihre Freiheit kämpften, war er der Erste, der für sie Partei ergriff und Sammlungen veranstaltete, und im Jahre 1828 erhob er zum ersten Male seine Stimme für die bürgerliche Gleichstellung der Juden in dem aus der „Minerva" besonders abgedrnckten Schriftchen „Ueber das Verhältnis; verschiedener Religiousparteien zum Staate und über die Emaneipation der Juden. Noch ein diükopolitischerVersuch."-) „Ich glaube," so schließt Krug, „Alles hinlänglich widerlegt zu haben, was inan etwa gegen die Emaneipation der Juden in christlichen Staaten sagen könnte. Wird nian nun aber darum die Juden sogleich emancipiren? Gewiß nicht. Denn Gewohnheiten und Vorurtheil sind gar zu niächtige Hemmketten in der menschlichen Gesellschaft, wie es daher in England noch immer eine Menge von Menschen giebt, die sonst ganz verständig, doch ganz unverständig gegen die Emaneipation der Katholiken schreien; und wie dies in anderen Ländern, welche dem Katholizismus anhangen, noch immer eine weit größere Zahl von Menschen giebt, die auf gleiche Weise gegen die Emaneipation der Protestanten eifern würden, wen» Jemand den Vorschlag dazu machte: so giebt es auch soivohl in katholischen wie in protestantischen Ländern eine Anzahl von Menschen, welche gegen die Emaneipation der Juden eifern, weil sie darin den Ruin des Landes oder de» Verfall der Religion, oder Gott weiß was sonst für Unheil erblicken. Nun, solche Eiferer muß man schreien lassen, damit sie sich ans- und heiser schreien. All- >) Meine Lebensreise. In sechs Stationen beschrieben von Nrcaus >Krng). Leipzig 1825, S. 140. 2) Jena 1828. mählich dringt doch die Stiiniuc der Vernunft durch und es geschieht, was billig und recht ist, weil cs Gott so haben will." Und das schrieb Krug in einer Zeit, in der es zum guten Tone gehörte, gegen die Inden und ihre Rechte aufzutreten. Streuten doch seine Feinde damals aus, er habe für sein Schriftchen von Rothschild zehntausend Thalcr erhalten! Sie vergessen dabei, daß er schon im Jahre 1819 über das Judenthum sowohl wie über die Juden in höchst nuerkennenswerther Weise sich ausgesprochen hatte. „Es ist sehr inkonsequent," heißt es in seiner „Eusebiologie oder philosophische Religionslehre,"') „und sehr unchristlich, wenn manche Ehristcn aus Eifer für ihre Religion das Judenthum verächtlich und lächerlich zu machen suchen. Wir Christen sollten doch, statt verächtlich ans die Juden herabzusehen, was nicht einmal erlaubt ist nach de» Vorschrift n des Christenthums, lieber in nnseru Busen greifen und znsehen, wie viel Schuld wir selbst und unsere christlichen Vorfahren tragen hinsichtlich der sittlichen Verschlechterung der Juden. Freilich sagt ihr zu den Juden: Lasset euch taufen und ihr sollt alle bürgerliche Rechte haben! Aber wie, wenn ihr unter Juden ebenso lebtet, und diese sagten zu euch: Lasset euch beschneiden u. s. w,? . . llebrigens beweist es doch gewiß eine eigene Energie des Nationalcharakters, daß die Juden, ungeachtet ihrer Zerstreuung unter andere Völker, ungeachtet alles Druckes und aller Schmach, die sic von denselben erduldet haben, nicht nur dein Glauben ihrer Väter treu blieben, sonder» auch in vielen anderen Hinsichten ihre Volksthiunlichkeit, selbst bis ans die Physiognomie, bewahrten. Von welchem andern Volke der Erde läßt sich ein Gleiches sagen? Ein au »gewühltes Volk bleiben also die Juden immer, wenn auch nicht in dem Sinne, wie sie selbst es nehmen. Und wer kennt die künftigen Schicksale dieses sonderliche» Volkes?" In Jahre 1830, in dem wie in Frankreich so auch in Sachsen politische Unruhen ausbrachen und eine neue VerfassungSurkunde entworfen wurde, hofften auch die wenigen im Königreich Sachsen wohnenden Inden auf Verbesserung ihrer noch immer drückenden Lage. In der That besagte ein Paragraph des Entwurfs: „Jeden,! Landeseinwohner wird völlige Geistesfreiheit und Schutz in der i GotteSverehruug seines Glaubens gewährt", aber unmittelbar daraus folgte der die kaum erwachten Hoffnungen der Juden vernichtende Paragraph: „Die Verschiedenheit der christlichen Glaubensbekenntnisse begründet keinen Unterschied in dein Genüsse der bürgerlichen und politischen Rechte." Ter erste, der diesen Mißgriff erkannte und auf den Widerspruch aufmerksam machte, ja offen für die Juden auftrat, war Krug. „Haben wir nicht auch jüdische Landeseimvohncr?" fragt er in einem „Blatte zur Proposition und Opposition"'), „und gehört nicht zur völligen Gewissensfreiheit auch der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte? Wem diese um seines Gewissens willen entzogen werden, dessen Gewissen ist nicht freu Denn man sagt offenbar zu ihm: „Entsage deinem Glauben, oder du mußt entbehren, was jeden Menschen erst zum Staatsbürger macht!" Eine grausame Alternative, die schon viele Heuchler gemacht hat und dem Prinzipe nach nicht besser ist, als iveun man Anderen Leben und Eigenthum nimmt, wofern sie nicht ihrem Glauben entsage» wollen," Die Judenfrage war in Sachsen an der Tagesordnung. Krug hielt cs für heilige Pflicht, für die in ihren Hoffnungen Getäuschten einzustehen, und so veröffentlichte er, bevor die sächsischen Stände sich wieder versammelten, die Schrift „Die Politik der Christen und die 9 Königsberg, Unger, 1810 S. 2W, -) Das Vaterland. Redigirt von Prof. WachZninth, 18:11. 9h°. 2U; Frankels Monatsschrift, 1862 S. 89.