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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-08 · Heft 2 (8.1.1892) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 2 (8.1.1892)
Date
1892-01-08
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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Sie gerieth mit diesen in bas nnvermeidliche, unablässige Gewirre, wo ein Fuß dem andern das ersiegte Stückchen Boden beneidet, wo eine Brust der andern das bischen Luft wegzuhaschen sich bemüht, der Mund dem Munde den Bissen entreißt — die Arme aneinanderreiben und sich stoßen, die Stirn von der Arbeit brennt —■ wo die Herzen verhärten durch den Anblick der harten Steine, der schmutzigen Mauern, der abgehärmten Gesichter, an denen keine erfrischenden, freien Stimuten der Natur, keine großartigen Werke der Schöpfung vorübergleiten. Was hier thnn, um zu leben, um ihrem Manne (dessen Bild sich zwar nicht in den heimathlichen Silberwellen zeigte) bei seiner schweren Arbeit zu unterstützen, um ihre Kinder, die sich mehrten, zu ernähren, zu erziehet!? Sie that Vieles, trug in zahlreichen kleinen Schachteln verschiedette Waaren zutn Verkaufs mit welchen sie vollbeladen aus der Fertte wie vorn und rückwärts gehöckert erschien, dann trug sie in großen Körben Früchte umher, deren Schwere ihren Körper bald links, bald rechts drehte, wodurch sie einer Lendenlahmen glich, dantt . . . (Fortsetzung folgt.) O Der heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Einundzwanzigstes Kapitel. Das neue Zion. Die Fremdlinge beschäftigten lange Zeit ausschließlich die Aufmerksamkeit der Bewohner Offenbachs. Die polnische Hofhaltung ließ viel Geld aufgehe». Zahlreiche Gewerbsleute fanden durch sie Beschäftigung, und kein Zweifel war es, daß der polnische Fürst, der im Schlosse wohnte, über ungeheure Reichthümer verfügte. Die Fremdlinge erhielten von außen neuen Zuzug. Man erfuhr auch, daß die neuen Ankömmlinge, denen viele nachfolgten, so daß die Zahl der fremden Gäste allmälig bis auf Tausend stieg, große Geldmittel mitbrachten, und alles das erregte das Staunen der guten, das Städtchen bewohnenden Bürger. Ueber die Nationalität der neuen Einwanderer wurden sie nie recht klar. Sie waren aber auch keine Juden, denn jeden Sonntag zogen sie nach dem nahen Bügel zu der daselbst befindlichen katholischen Kirche, wo sie ihre Andacht verrichteten. Dort sah man sie knien und ihr Gebet verrichten. Der Polenfürst selbst lag, Allen sichtbar, auf den Boden geworfen, inbrünstig betend, vor dem Hochaltar. Der Gottesdienst war beinahe die einzige Gelegenheit, bei welcher das große Publikuni den Polenfürst in der Nähe zu sehen bekam. Sorgsam mied er jede Berührung mit demselben. Er lebte in strengem Inkognito in Offenbach und ließ sich, um dieses besser zu tvahren, Baron von Frank nennen. Seine Gläubigen nannten ihn dagegen nur „den heiligen Herrn". Er lebte als Einsiedler in dem Schlosse. Roth uniformirte Leibgardisten, mit gewaltigen Palaschen versehen, wehrten jedem nicht zur Gemeinde Gehörigen den Zutritt. Handwerker und Gewerbsleute, welche ins Schloß beschiedcn wurden, erzählten den staunenden Zuhörern wunderbare Geschichten von deni ungeahnten Prunk, den sie zu sehen bekommen, und von den verführerischen Frauengestalten, die ihnen im Innern begegnet. Das alte Schloß verwandelte sich init einem Male in eines jener wunderbaren Zauberschlösser, wie wir ihnen in „Tausend und eine Nacht" begegnen. Auch von geheimnißvollen Waffenübungen, welche in dem Schlosse stattfanden, wußten die Leute zu erzählen. Man hatte die Kommandorrife, das Säbelschlagen in den Gewölben auf benachbarten Straßen gehört. Andere hatten in einem Kellergemach alchimistische Apparate gesehen. Man murmelte von geheimnißvollen Künsten und Goldmacherei. Merkwürdige Laute, fremdartige Gesänge vernahm inan zu gewissen Zeiten im Schlosse, lind alles das trug nur dazu bei, die Neugierde der Offenbacher zu vermehren. Zuweilen sah man den „heiligen Herrn" durch die Straßen fahren. Er fuhr in einer prunkvollen, mit vier rothen Pferden bespannten Karosse, er selbst saß, in einen rothen Tatar gehüllt, andächtig aus einem kleinem Brevier, das er in der Hand hielt, betend in deni Galawagen. Zuweilen warf er einen Blick auf die Straße. Begegneten zufällig ehrfurchtsvoll grüßende, geringe Leute oder Kinder dem Wagen, so breitete er die Hände aus und sprach einen Segenswunsch. Ehrsürchtig und andächtig gestimmt sah das Volk jedesmal empor, lvemi der Wagen des „heiligen Herrn" durch die Stadt fuhr. Im Ganzen war Frank nur selten sichtbar. Im Innern des Schlosses lag er, >vie man sagte, den geheimen Wissenschaften ob, kasteiete sich rind rang im Gebet. Eva von Falk war häufiger p sehen. Sie fuhr gleichsalls in einer reich ausgeschmückten Equipage ans; auch ging sie öfter zu Fuß und machte Einkäufe i» den Läden. Die schöne, dlirch ein einnehmendes, aristokratisches Wesen ausgezeichnete Dame nahm Alle für sich ein, und nach und nach gelang es auch den fortgesetzten Bemühungen einzelner wißbegieriger Offenbacher Damen, dieselbe zu sich heranzuziehen. Eva erschien dann und wann in Privathäusern, ivo sie jedoch, so liebenswürdig sie sich auch zeigte, gerade über das, was die guten Offenbacher zu wissen wünschten, eine strenge Zurückhaltung bewahrte. „Bon dem Baron Frank weiß ich so wenig lvie Sie," sprach sie einst zu einer Bekannten. „Ja, über mich selbst uild meine Herkunft weiß ich nichts. Ich habe mich endlich daran gewöhnt; ist doch unser ganzes Lebe», unser Kommen und Gehen ein großes Geheimnis;, dessen Schleier noch Niemand gelüftet hat." Auf die Frage, was man im Schlosse thuc, gab Eva keine Auskunft. — Die Frage, womit sich die Fremdlinge beschäftigten, legten sich unwillkürlich alle Offenbacher vor. Fragte man einzelne Fremdlinge, womit sie sich beschäftigten, wovon sie lebten, so bekamen die guten fleißige» Offenbacher die Antwort: „Wir erwarten das Himmelreich!" Die Fremdlinge bildeten lange das Tagesgespräch. Keine Weinstube , keine Bierwirthschaft gab es, wo der „Polenfiirst" und sein Gefolge nicht ein tägliches Thema der Unterhaltung gebildet hätten. In der Domstraße befand sich eine kleine schmucke Weiuwirthschaft „Zur Rose". Dort pflegte der bessere Bürgerstand Offenbachs zu Verkehren. Der Wein war gut, und die Wirthin, Frau Map, war eine kluge, gewandte Frau. Eines Abends saßen dort drei Offenbacher Bürger beim Weine zusammen, der Musikalienhändler und Komponist Anton Andre, der Schuupstabakfabrikant Bernard und der Hosbuchbinder Jacob Mönch. An einem andern Tisch saßen einige von den Fremdlingen, die sich flüsternd untereinander unterhielten. Die Wirthin und ihr Töchterchen, „das schöne Gleichen", bedienten abwechselnd. Die Polen waren in der Weinwirthschaft ungewöhnliche Gäste. Sie schien auch mehr die Neugierde als das Bedürfnis; nach Wein und Unterhaltung hergeführt zu haben. Argwöhnisch horchten sie und sahen öfter aufmerksam nach einer zum Hausflur führenden Thür. „Frau Wirthin," fragte einer derselben mit der eigenthüinlichen, schnarrenden Aussprache, wie sie den Polen eigen ist. „Frau Wirthin, ist nicht dagewesen Bollin?" „Wie sagen der Herr?"

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