Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
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22 ihre Beschäftigung: Lutnpensammlerin. Du mein (Mt! Ihr werdet esnnir'wohl nicht vergeben, dass ich Euch mit einer Person bekannt mache, die eine solche niedrige Stellung in der Gesellschaft einnimmt. Ihr denkt wohl, es sei ziemlich unartig und unnöthiq von meiner Seite? In der Thal, was kann die Lumpensammlerin mit Euch gemein haben? Sprecht Ihr nicht mit Verachtung und Groll gegen mich dies Wort aus? Ach vergebt! Ich liebe diese Chaita, und so ost ich sie sehe, däuchl'mir, das; zwischen uns Beiden eine große, innige, unzertrennliche Gemeinschaft besteht. Wir zählen ja Beide zu der Riesengesellschaft, die sich Menschheit nennt. So ist sie meine Verwandte — und, Vergebung meine Herrschaften — auch die eure. Gegen diese unbeugsame Wahrheit kann weder der durch überschaumcndcs Zartgefühl geborene Abscheu, keine hohe, mit Gold und Pracht übertünchte Mauer, noch das zarte Händchen, das aus seine» mit Brillanten geschmückten Fingern Verachtung streut. — — Und ihr niederer Stand? Ja, tuen» man die menschlichen Stellringen vielleicht auch nach den erlittenen Dualen messen tvürdc, diese Lumpensammlerin würde auf ihre alten Tage eine hohe, sehr hohe Stellung einnehmen. Doch diese Lumpensammlerin hatte nicht immer die gleiche Stellung. Ihre Vergangenheit, -- sonderbar, tvie es mich dräitgt, das Schicksal solcher Wesen zu erfahren, denen die vernichtende Zeit durch das Uebermaß von blutigen Thränen ihren schrecklichen Stempel aufdrücktc. Ich sah irgendwo in einer ausländischen Bildergalerie ein ähnliches Bild, nnd weder die herrlichen Landschaften, noch die reizeirden Damenportraits konnten mich so sesscln. Ich stand vor dem alten, znsaunnengeschrumpften Gesicht mit den thrünenfeuchten Blicken, fahlen Wangen und verdorrten Lippen; ich lächelte sie' freundschaftlich an und frag sie in Gedanken: „Was war Deine Jugend? Wo lebtest Du? Wen liebtest Dil? Welche Dualen und Täuschungen bezeichnen Deinen traurigen Lebenspfad, bis Tn zum Grabesrande gelangtest?" Die Geschichte solcher armen, gebeugten, von der unergründlichen Vorsicht zu Boden geworfenen Gestalten hat viel Interesse. Die Kenntniß solcher Geschichten giebt dem Menschen Reichthum des Herzens, dem Schriftsteller eine lebeitde Weisheitsquelle. Ich wage sogar den Schriftsteller zti bedauern, der solche nicht sucht, nicht kennt; seiner Laute fehlen Saiten, aus seiner Palette sind blasse Farben. Chaita war nicht immer Lumpensammlerin. Sie war in der Jugend (wohl kaum glaublich?) ein stattliches Mädchen, mit Purpurwangen, Rabenlocken nnd tiefschwarzen Augen, deren sprühenoe Flammen an die Gluthen des südlichen Himmels erinnern konnten. Ihr Geburtsort (Vergebung, meine Herrschaften) war eine Dorfschänke. Es war ein kleines, enges, finsteres Zimmer mit schiefen Matter» und durchfaultem Dache. Aber ringsum waren glänzende Teppiche frischer blumenreicher Wiesen ausgestreut, wo im Sommer die goldenen Wellen kornreicher Aehren rauschtet;, int Winter der tveiste Schnee sich voll und herrlich ballte. Unweit tändelte ein Strom, Tag und Nacht tvie Silberglocken spielend, und zog durch einet; dichten Eichenwald, der sich Nachts in Nebelflor hüllte und des Morgens erröthend erwachte, in goldenen Sonnenstrahlen sich spiegelnd. Einige hundert Schritte von der Dorfschänke entfernt war ein alter, großartig angelegter, weit sich dehnender Garten mit uralten Bäumen und vielen herrlichen Blumen. Er gehörte dem Schloßherri;, welcher auch die arme, kleine Dorfschänke den; Vater Chaita's verpachtete. Elend, wie die Schänke, >var auch der Pächter. Er hatte viele Kinder, und verheirathete Söhne und Töchter, so gut er konnte. Als Chaita fünfzehn Jahre zählte, tvurde sie dem armen Leib in der Stadt Ongrod angetraut. Sein ganzes Vermögen tvar ein Wagen mit einem Pferde, womit er schtvere Säcke, gefüllt mit Getreide und Mehl, von ui;d zur Mühle führte. Deshalb glich er einen; Albino, da Haare, Gesicht, Augenlider und der Anzug vont Mehl weiß waren, und wenn er sich schüttelte, glich er einen! Schneegebilde, von den; die weißen Flocken sich lösen. Chaita, auf das städtische Pflaster tretend, nahm für immer Abschied von der Idylle ihrer Kindheit, voi; den mit hohen Gräser» geschniücktcn Wiesen, wo sie oft stundenlai;g schlief, durch die Maisonnc erivärmt, tvo die ausgebreiteten Arme des Hagedorns ihr Kühlung wehten und unklare, sanfte, träumerische Erzählungen ihr zuflüsterten; sie nahm Abschied von deni Strome, in dessen Silberwellen d» Trauerweide ihre Aeste badete, an tvelche sie sich häufig klamiuertc und sich auf denselben wiegte, während die Wellen wie Silber glockenklänge ihr zurauschtet; m;d ihre tiesfchwarzen Augen dar» spiegelten, gleich uiedergefallenen Sternen; sie uahm Abschied voi den prangenden Aehren, wo sie laut lachend mit den nuithwilligen Brüdert; Versteckens spielte; von dem alten Schloßgartet;, tvo ihr der Eintritt oft gestattet tvar und sie in der schattigen Wölbring uralte; Bäume lustwandelte nnd mit Entzücken die prächtigen Blumen bewunderte. Von all dem mußte sie für immer scheidet;; auch vot; de, armen väterlichen Hütte, dieser elenden Dorfschänke, ivo ihr doch sr heimisch tvar, tvo in der Scheuer einige Ziege», ihre einzigen Freundinnen, nteckerken, tvo ihre arme Mutter mit dem blassen wehutüthigen Gesichte nnd sanften Blicken guter Wirthschaft pflegte, »nb ihr älterer Bruder in abendlicher Stille vor der Schwelle saß und ans einer Geige nngeschulte, formlose Töne, die aber recht traurig und wehnulthsvofl klangen, weckte. Damals pflegte sie mit ihren; jüngeren Bruder, den sie mit einem Artne umschlungen hielt, neben ihm zu sitzen, ihr Blick zog nach den nebelumflorten Wiesen, und wenn der spielende Bruder Thränen in den Augen zeigte, srug sie ihn sanft: „Warum weinst Tu?" Er antwortete nietnals. Sie wußten Beide nicht, warum ihnen eigentlich so traurig um's Herz war. Irgend ein Nebel, weniger dicht als der, welcher die Wiesen umhüllte, aber schwer lösbar, stand zwischen ihren geistigen Augen und der Wirklichkeit. Eine bange Sehnsucht nach Etwas, ängstliche Wünsche, irgend citt Leiden, ein Zittert;; vielleicht bedattertei; sie, tvas sie nie besitzen würdekt, und ahnungsreich fühlten sie ihre trübe Zukunft. Wenn so der Bruder Chaita's traurige Melodien spielte und die kleine Familie, zu seinen Füßen gesammelt, ruhig eniporlauschte, seufzte, in; dunkeln Thore stehend, die Mutter, und vor den; nieder» Fenster der Hütte stand der Vater mit gläsernen Blicken, langem, röthlichem Barte und gefurchter Stirne und betete, immer inbrünstiger, immer lauter, schneller, tiesstöhnend. Und wohl mußte Chaita »och voi; etwas Anderem scheiden. — Vielleicht, als sie in heißen Sommertaget; auf den Ztveigen der Trauerweide sich wiegte, zeigte sich vor den großen, feurigen, den Träntnereien geöffneten Blicken ein wohlgestalteter Jüngliitg mit weichet; Händen, leidenschaftlichen Augei;;u;d jener von Weisheit leuchtenden Stirn, wie sie den alten großen Meistern Israels eigen waren, von denei; der Vater oft ihren Brüdern erzähle. Vielleicht, man braucht gerade nicht Königin zu sein, mit vom Glücke zu träumen. Jene armen, jungen Jüdinnen, die barfuß vor deti häßlichen Schänken umherlaufen, oder die auf feuchter Wiese lagernd mil träumend faulen Blicken in den schmutzigen Teich starren, ihnen spiegelt wohl Jeder ein Glück vor. Glück! Qttol animal est-ce? — dürfte Chaita fragen, wenn sie Französisch kennen tvürde. Da sie kein Französisch keimt, spricht sie itt ihrer hcimathlichen häßlichen Sprachweise täglich des Morgens beim Anfänge ihres Gebetes: „Herr der Welt! Ich danke Dir, daß Du mich schufst nach Deinem Willen!" Di Aglomt nnverm ersiegte bischen Bissen Stirn den A; härmte Natur, W sich zw> schwere ernähre Schacht beladen dann t Körper lahmen D merksai ließ vil Beschäl in; St Fre»;d daß dt Zahl k mittel Städte Einwa Juden, daselbf Dort s selbst l vor de T das gt Sorgst strenge wahre; dagege Schloß versehe Handv erzählt uitgeal führeri alte S baren begegn A stattfa: rufe, i