Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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‘21 e. i\i'nui|';l(ilcr liberaler A\becit auf. Damit unterlag rr zunächst in Niagdeburg selbst den radikalen Elemrnle», wurde aber vom Nr»- haldenislcbener Kreise zum Abgeordueteu-Stellverlreter für das Frankfurter Parlament gewählt. Wen» er auch als solcher nie einzutreten die Gelegenheit hatte, verfocht er doch seine politischen Grundsätze in der zumeist von ihm redigirtcn „Elbzeitung". Daun widmete er sich besonders der sozialen Frage. Bei alter Opposition gegen kommunistische Ideen war doch schon damals die Unzufriedenheit mit der Lage in der Gesellschaft allgemein verbreitet. Ter Handlvcrkerstand, der trotz der bereits vierzigjährigen Gcwerbefreiheit in Preußen seine alten Ueberlieferungen von Zunft und Innung nicht vergessen hatte, sah sich auf der einen Seite von der Zuchtlosigkeit der Lehrlinge und Gesellen, auf der anderen von dem Fabrik- und Magazinwesen, das sich iiunierniehr der einzelnen Handtverke bemächtigte, bedroht; der gesunde deutsche Mittelstand schien in der Thai gefährdet. Bekanntlich sind auch heute diese Fragen noch nicht gelöst. Die Handwerker Magdeburgs fanden ihren BertranenSinaun in Philippson, der vorn 19. Mai 1848 an, iin Aufträge des Vorstandes des Handwerker-Vereins der Provinz Sachsen das „Handwerkerblatt" herausgab, eine Wochenschrift, die sich nicht ans die faktischen Zustände der Handwerke beschränkte, sondern überhaupt die sozialen Verhältnisse in den Kreis ihrer Betrachtungen zog. Noch mehrere Jahre laug stand er an der Spitze der Handiverkerbctvegnng in Preußen, der er den reaktionären Charakter nahm, bis die Negierung eben deshalb der kaum geschaffenen Einrichtung der wählbaren „Gewcrberäthe", in denen Philippson eine maßgebende Stellung cinnahm, ein Ende bereitete und die ganze Bewegung unterdriickte. Von allen Seiten brachte inan dem besonnenen und edlen Charakter, der hohen Einsicht Philippsons das größte Vertrauen entgegen. Der deutsche Lehrerverein der Provinz Sachsen tvählte ihn 1849 einstimmig z» seinem ersten Vorsitzenden, und er behielt diese Stellung, bis auch dieser Verein durch Einwirkung von Seiten der Regierung sich auflösen mußte. Endlich war Philippson mehrere Jahre hindurch Mitglied derZMagdcburger Stadtverordneten- Versammlung. Indes; das lleberhandnehmen der Reaktion vcranlaßtc ihn, sich vom öffentlichen Leben ganz zurück zu ziehen, um nicht seine Stellung als israelitischer Geistlicher und sein Wirke» für die Gesainmthcit seiner Glaubensgenossen zu gefährden. Ein poetischer Widerhall der trüben Stimmungen, welche die beginnende Rückschrittsperiodc in ihm hervorrief, findet sich in der kleinen Gedichtsammlung „Stimmen und Stimmungen ans der Zeit" (Magdeburg, Fabrieins, 1849). Mit verdoppelten! Eifer tuanbte. sich Philippson den Interessen seiner Glaubensgemeinschaft zu. Unbeirrt von dein Tadel Neidischer, von den Feindseligkeiten orthodoxer und neuernder Extreme der eigenen Rcligionsgcnossen, wie von dem Haffe unduldsamer Andersgläubiger, kämpfte er allezeit voran für Getviffensfreiheit, Aufklärung und innere Veredelung. Von der größten Bedeutung im Sinne einer idealen geistigen Vereinigung der Israeliten alter Länder, die das leitende Moment in seiner Seele bei allen seinen Bestrebungen ausmachte, war die Begründung des „Instituts zur Förderung der israelitischen Litteratur" im Beginn des Jahres 1855. ES war das charakteristische Merkmal im Wirken des Mannes, daß er der jüdischen Volksseele ihr innerstes Bedürfnis; abzulauschen, es in ihr zu wecken, durch das rechte Wort und Mittel zum vollen Bewußtsein zu bringen und zu befriedigen verstand. Die Litteratur des Judcnthuins aber mit ihren Schätzen von Bildung und Wissen hatte wegen der materiellen Schwierigkeit, einen genügenden und lohnenden Leserkreis zn finden, bis dahin ihre volle Wirksamkeit nicht entfalten können; diesem Umstande abznhelfen, durch ihr Schriftthum die Israeliten mit Liebe zu ihrer Religion und zu ihrer Geschirhlr zu erfüllen und zu einer geistigen Genieinschasl und Ganzheit zu einen, war die Aufgabe des „Instituts". Binnen wenigen Wochen hatte dasselbe in allen Erdtheilen 2509 Theilnehmcr gefunden, deren Zahl bald ans 4590 stieg. Hervorragende Gelehrte - Iellinek, Jost, später Goldschmidt und Herzfcld - - gesellte Philippson sich zur Leitung des Vereins bei, dessen Organisirung und Geschäfte aber hauptsächlich auf seinen Schultern ruhten, lvie denn keiner das gleiche praktische Geschick besaß wie er. Achtzehn Jahre lang hat das „Institut" bestanden, »nd durch die Menge und Gediegenheit der Werke, die es herausgab, durch die Fülle des Wissens, das es überall hin verbreitete, »nd durch die Ermunterung, welche es den'.Autoren zu Theil tverden ließ, reichen Segen verbreitet. Andere Untcrnehniungen sind nach seinem Muster entstanden und leben zum Theil noch heute fort: der anregende, schöpferische Gedanke gehört auch hier Philippson au. «Schluß folgt.) d FEUILLETON -os- Gine Stume.'' Bon Elise Orzeszko. Auf den Straßen des polnischen Städtchens Dngrod t\ef)i es recht lebhaft zn. Mail unterhält sich, rennt durcheinander, lacht imb lärmt in der buntesten Weise. In der Mitte galoppiren die Rutschen, und dapvisehen wie ans dem schmalen! Seitenpflaster drängen sieh eilig die Leute; zu wem? wohin? wozu? Die Meisten wissen es selbst kainn. i Seht Ihr in diesem Getümmel das Weib an der äußersten i Straßenecke schleichen, wie sie gebeugt und miiheooll sich an die! Wand drängt und mit ihrem geflickten Gewände schwerathmend den; Schweiß von der runzligen Stirne wischt? Sie ist offenbar sehr | milde, doch nicht blos von der heutigen Wanderung. Tage, Monate, j Jahre, viele, lange Jahre hindurch wird sie in ähnlicher Weise in! den schlechtesten Winkel gedrängt, ans die spitzigsten Pflastersteine, wo i es ain kältesten im Winter, wo die Gluthhitze im Sommer. Seht I doch, wie ihre nicht unansehnliche Gestalt znsannnenschrnmpste, lvie! hager und klein ihr Gesicht wurde, lvie zwischen den hervorftehenden! Knochen vergilbte Wangen und blaue Lippen hervorlauern, ltnd! ihre starren Angen, denen man ansieht, daß sie einst schwarz sein j mußten, lvie sie zusamnienzucken, und die falben Angenlieder mit | fehlenden Wimpern unablässig vibriren. und lver mag an ihrer! schmalen, dunklen Stirne die Furchen zählen, wo eben nichts als Furchen sind! Könnte man nicht diese Stirn mit einem vermoderten, in Staub und Feuchtigkeit hernmgetretenen, alten Pergamentstückchen vergleichen, welches harte, unbarmherzige Hände in immer neue Falten knitterten? Ihr Haar ist nicht sichtbar, denn ein altes, verschossenes, gelbes Tuch mnschließt ganz ihr Haupt. Die Ecken dieses Tuches sind rückwärts znsammengebnnden und fallen ans den buntfarbig geflickten, lockeren Kaftan. Ihre Füße, die aus den Steinen dahinschlottern, sind mit flachen, groben Lederabfällen beschuht und tragen dunkelblaue Wotlstriimpfe, die ans dem Unterkleide lugen, welches vorn kurzer, mit einigen herabhängenden Fransen, gleichsam als Schmuck, benäht ist, die aber rückwärts in lange, dicke Knoten aufgetroddelt sind, und von dem seit Jahren angehänften Staub! und Koth in ziemlich schwerwiegenden Zottelstücken sich nachschleppen. Und Ihr kennt nicht dies Weib? — Ihr Name ist Ehaita )Aus dem polnischen Original übertragen von Emilja Bett.