Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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20 »»d dessen liiögliche Einivirlung ans bic Verhältnisse bei v'siibcn ins Auge zu fassen. Es galt. Verdächtigungen »nb ungerechte Angriffe auf dieselben abzuwehren, den Anspruch auf billige Gleichstellung überall zu verfechten und durchzuführen, nicht nur in Preußen, in Deutschland, sondern in der ganze» Welt. Zu zweien Malen regte, in der Reaktionsperivdc von 1849 bis 1857, Philipps»» eine allgemeine Petitionsbcwegnng unter den preußischen Israeliten an, um die wenigstens in der Theorie ihnen von der Perfassung gewährte staatsbürgerliche Gleichstellung zu retten; einmal bei kein Könige Friedrich Wilhelm I V. selbst, dann, 1856, gegen den Antrag WcigenerS im preußischen Abgeordnetenhause, diese Emanzipation rückgängig zu machen; und beide Male hatte die von der „Zeitung" angeregte und geleitete Bewegung vollen Erfolg. Das „Recht" war gerettet, wenn auch leider dessen Pcrwirklichuug noch heute viel zu wünschen übrig läßt. Mit deniselbeu Eifer trat die Zeitung für die gedrückten Israeliten im türtischen Reiche, in Rnmänie», in Rußland, in Spanien ein; unermüdlich wirkte der Redakteur für dieselben: und in mehreren Länder», — selbst in Rußland zur Zeit des edlen, unglücklichen Alexander II., — hat er die glänzendsten Ergebnisse erlangt, er fast allein. Sv wenig auch dieses Wirken für Erhaltung, Hebung und Gleichstellung des Judenthnins den meisten damaligen Regierungen sympathisch war, sie konnten doch nicht umhin, die schriftstellerischen, publizistischen und philosophische» Berdienstc Philippsons anzuerkennen. Mit deni Grafen Suwarolv, dem edelsten und segensreichsten Unterrichtsminister, den Rußland je gehabt, stand er in lang dauernder Korrespondenz behufs geistiger und sittlicher Förderung der russischen Israeliten; wie selbst Zar Nikolaus ihm die große goldene Medaille für wissenschaftliches Verdienst verehrt hatte, so zeichnete ihn Alexander II. durch Zusendung eines überaus kostbaren Dicnnantringes aus. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der König von Schweden, andere Fürsten ließen ihm die schmeichelhafteste Anerkennung, Kaiser Wilhelm I. einen Orden zu Thcil werde». Diese Dinge müssen hier mit einem andern als dem gewöhnlichen Maßstabe gemesjen werden, da sic einen Erneuerer und Förderer des JudenthnmS betrafen. Weniger auffallend ist cs, daß die Israeliten Deutschlands, Italiens, Palästinas, Frankreichs ». s. w. ihm in jeder Weise durch Adressen, goldene Medaillen, Ehrengaben, Stiftungen ans seinen Namen, ihre Dankbarkeit zu erkennen gaben. Zahlreiche israelitische Zeitschriften sind neben der „Allgemeine Zeitung des Jndenlhnms" und nach ihrem Muster entstanden. Aber stets hat sie ihren Platz behauptet als das voruehinste und leitende Organ des modernen Judenthums, zumal in Deutschland. Dreiundfünszig Jahre hindurch hat Ludwig Philippson sie rcdigirt, mit einer Frische, die nieder Krankheit noch Alter schwächten, bis der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm; und so hoch hatte er das Ansehen der Zeitung erhoben und gewahrt, daß deren Fortbestand sogleich gesichert wurde und sic nach wie vor im Geiste ihres Begründers weiter wirkt. Fast gleichzeitig mit der Zeitung begann Philippson — die erste Lieferung erschien im Jahre 1889 — die Hebertragnng und ausführliche Kommentirung der Bibel, selbstverständlich mir des Alten Testamemes. In der Erklärung verfolgte er die Absicht, das Wichtigste und Abweichendste in der Exegese aller Zeiten, aus den jüdischen wie christlichen Erklärer» zusammen z» stellen und kritisch zu beleuchten, zugleich aber in den eigensten Gedankcninhalt des Textes ciiizugehen, das geistige Band anfznsuchen und so die Bibel durch die Bibel selbst z» erklären. In geschichtlicher und lilterar-geschichtlicher Beziehung wahrte Philippson den einzelnen Büchern der Schrift gegenüber einen dnrchaus vorsichtigen und konservativen Standpunkt, und die Wissenschaft der Zukunft wird ihm Recht geben, wenn sich einst die hochphantastischeii lind anmaßenden Hypothesen der neuesten Bibelkritik durch ihre gegenseitigen Widersprüche und ihre innere Haltlosigkeit selbst unmöglich gemacht haben werden. Im Jahre 1853 ward das umfangreiche Werk vollendet, das dann — trotz seiner Ansdehnung und seines hohen Preises — noch in mehrfachen Auflagen erschienen ist. Als die Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung im Jahre 1873 die heilige Schrift mit den genialen Holzschnitten Tores veröffentlichte, wählte sie zu dem für die Israeliten bestimmten Texte die Philippson'sche Ucbcrsetznng; und andererseits ivurde letztere durch die, 1862 gegründete, israelitische Bibelanstalt vermittelst billiger Stereotypausgaben zu vielen tausenden von Exemplaren verbreitet. So lesen diejenigen deutschen Juden, die den hebräischen Text nicht mehr verstehen, — und sie sind in der großen Mehrzahl, — die Bibel fast dnrchgehends in Philippsons Uebertragnng. Seine religions-philosophischen Anschaunngc» hat der Unermüdliche in zwei vortrefflichen, tief durchdachten und von edelster niid nnbefangeiister Fröiniiiigkeit durchwehten Werken: „Die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthnui, Christcnthuni »nd Islam" i Leipzig, Baumgärtner 1847), sowie „Die Religion der Gesellschaft iind die Entwickelung der Menschheit zu ihr" (das. >848) niedergelegt. Beide Werke erlebten ii» Jahre 1874 eine zweite verbesserte Auflage; das erste wurde in die englische und die französische Sprache übersetzt und erregten in dem sreinden Gewände fast noch mehr die Ausmerksainkeit der geistig Hochstehende», als in der nrsprünglichcn Form. Die Anwendung a»f die Positive Religion Israels gab Philippson dann in der „Israelitischen Rcligioiislehre", die in drei Theilen iit de» Jahren 1861 bis 1865 (ebendas.) erschien. Diese ausführliche Darlegung steht völlig auf dem Boden der heiligen Schrift, sucht aber deren Lehre als mit den Ergebnisse» von Philosophie, Geschichte Niid Naturwissenschaft in Einklang stehend zu erweise». Sie ist viel zu hoch gehalten und verlangt zu viel Wissen »nd Nachdenken vom Leser, ui» jemals volksthümlich zu werden; aber wer die viertausciidjührige Lehre Israels kennen lernen will, wie sie sich im Geiste eines Denkers des »eunzchnteil Jahrhunderts spiegelt, der sei auf Philippsons Religionslehre hingewiesen. Auch der allgemeinen geschichtlichen Entwickelung folgte Philippson mit regem Eifer. Seine „Resultate in der Weltgeschichte" (1860), seine „Weltbewegende» Fragen" (1868 und 1869) gaben davon Zeugnis;. Ei» historischer Vorgang, der nicht nur für die christliche Religion, sondern auch für das Schicksal der Israeliten die eingreifendste Bedeutnng hatte, ivurde von ihm in der Broschüre erörtert: „Haben wirklich die Juden Jesuai gekreuzigt?" (Berlin, Gcrschel, 1866). Sie suchte nachznweisen, daß die Vernrthcilnng »nd Hinrichtung Jes» nichts als eine politische Handlnng der Römer, und die Inden an derselben »ubetheiligt gewesen seien. Diese Abhandlung erregte allgemeines Anfseheii; während die christlich-theologische Presse selbstverständlich sie auf's Bitterste angrisf, wurde sie, in schneller Aufeinanderfolge, in die holländische, dänische, englische (zweimal), ungarische (zweimal), rnmänische, schwedische, polnische, hebräische »nd italienische Sprache übertrage». Die mächtige Bewegung des Jahres 1848 mußte einen Mann von so vielseitigem geschichtlichen und sozialen Interesse, ivie Ludwig Philippson, auf das Lebhafteste errege». Hier fand sich für ihii wieder einmal, nach einem Zwischenraum von fünfzehn Jahren, die Gelegenheit, über den engen Kreis seiner Glaubensgenossen hinaus seine Kraft für die altgeiiieinen Verhältnisse geltend zu machen. Der nun Sechsuuddrcißigjährigc warf sich mit allem Feuer des blühendsten Mannesalters in de» Streit der Parteien. Seiner ganzen Dcnknngsweise entsprechend, trat er als Verfechter aufrichtiger, aber konstitutionell