Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
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19 zu haben, gilt wohlbegründeter Maßen als eine der wichtigsten Errungenschaften der fortgeschrittenen geistigen und sittlichen Bilduug; nur diese war im Staude, jene Voraussetzungen zu schassen, die für das Bestehen eines Völkerrechts unentbehrlich sind. Mit Recht auch erblickt man hierin ein wesentliches Merkmal der neueren Zeit, durch welches dieselbe sich zu ihrem Ruhme von den ihr voraufgeheudeu Perioden der Geschichte unterscheidet. Wie aber kam es, daß derartige Anschauungen in der alten Welt nicht Raum gewinnen konnten, daß sie den Aegyptern, Baby- (oitiem, Persern, den Griechen und Römern nicht minder als den Germanen — daß sie allen Völkern, die in der Geschichte des Alterthums und des Mittelalters einen bevorzugten Platz einnehmen, verschlossen blieben, und daß alle jener Völker kaum die elementarsten Grundsätze dieser uns so geläufigen Idee ahnten? Die Antwort mürben wir vergeblich suchen, wenn wir sie dem allgemeinen niedrigeren Bildlmgsstande jener Zeit entnehmen wollten; denn jene Völker hatten in sehr vielen Punkten unser heutiges Bildungsniveau erreicht, in manchen sogar überholt, dennoch aber vermochten sie nur in so wenigen Einzelheiten sich der Willkür im Verkehr mit dem Auslande zu enthalten und auch sich hier als auf den: Boden des Rechts stehend zll betrachten. Aber nach einer anderen Richtung hin müssen wir forschen, um zur Lösung der soeben aufgeworfenen Fragen zu gelangen: wir müssen die Götterlehre und die Sagen, welche bei diesen Völkern über ihre eigene Vorgeschichte lebten, befragen. Solche Berichte haben allerdings ihren Ursprung nicht in einer geschichtlichen oder religionSphllosophischen Wahrheit, sie erschließen uns aber dennoch einen lehrreichen Einblick in die Vorstellungell, welche ein jedes dieser Völker über sich selbst und fein Verhältniß zu der übrigen Menschheit hatte. Und da liehillen wir bemt wahr, wie ausnahmslos itnb ungeachtet aller sonst obwaltendell oft sehr tief greifenden Gegellsätze jedes ein-! zelne Volk von der Anschauung erfüllt ist, daß es selber gerade eine besolldere Schöpfllng der Götter sei, daß diese selbst oder doch zum lnindestell Halbgötter die Stifter ihres Staates gewesen, ja daß das ganze Volk göttlicher Abstamluullg sei, daß es endlich fein Dasein einem besonderen Schöpfnngsakte verdanke, der sich auf die übrigen Menschell nicht llliterstreckt habe, oder daß doch wenigstens seine Köliige dem Geschlechte der Götter angehörten; und in Folge dieser j Anschauung lebt denn auch in jedem Volke die Ueberzengllng, daß es llach denl Willen der Götter dazu berufen sei, vor der übrigen Menschheit eine bevorzugte Stellung einznnehmen. Es wäre überflüssig. diesen Satz alls ben Götter- und Heldensagen der alten Welt zu beweisen; die Sagell von Deukalion und Pyrrha, von Romulus ' llnd Remus, voll dem Gotte Tuiseo, dem Ahnherrn der (Germanen, der Nimbus, welcher sich lim die Pharaonen, die Söhne der Sonile, wob, die göttliche Verehrung, welche die Perser ihren Königen als dell Sprossen aus Mithras Geschlecht zolltell, und die zahllosen auderell hiermit verwandtell Erzählungen silid allgenleill geläufig, so! daß ein Heranziehen weiterer Beläge wohl elltbehrlich erscheint. Nlir die Vorstellullg, daß der eigelle Staat gerade ausschließlich und allein j der gottgewollte, der Staat zcu sei, konnte jenes Gefühl erj zeugen, aus dem heraus der Ausländer als Barbar, als Halbmellsch,! llnd jedes andere Volk als auf niedrigerer Stufe stehelld, vlinderj werthig llnd zur Knechtschaft berufen erscheinen mußte, ans bem das j Streben, mm auch den Plan der Götter zu verwirklichen und sich! selbst den ganzen Erdkreis zu unterwerferl, sich als etwas ganz Naturj liches ergeben mußte. Es war dies mit einem Worte die Idee j der Auserwähltheit, von welchen alle Völker des Alterthums getragen! waren, und welche sie hinderte, von der Höhe, auf die sie in ihrem j Eigendünkel sich gehoben wähnten, hernieder zu steigen mib sich im j! Reigen der Völker als gleiches unter gleichen zu betrachten. Hieraus i auch erklärt sich die Erscheinung, daß alle die hervorragenden Völker ' jener Zeit erobernd auftreten, daß ihnen der Gedanke von den „natürlichen Grenzen" eines Staates völlig fern liegt, daß sie vielmehr alle Kräfte daran sehen, ihr Banner immer weiter und weiter hinaus zu tragen.1) Aber abseits von allen diesen im wilden Kampfe um die Weltj Herrschaft ringenden Rationell des Alterthums, theilnahmslos gegenüber all diesenl verzehrenden Streben nach politischer Macht, in sich selbst zurückgezogen unb in sich selbst Genüge findend, steht das Volt Israel. Wie in so vielen anderen Beziehlnigen, lveieht es auch in der soeben berührten von Grund ans ab von demjenigen, was wir als das den übrigen antiken Staaten Gemeinsame erkannt haben. Gerade das Volk Israel ist es, welches man als den Träger der Idee der Allserwühltheit zll betrachten gewohnt ist, das sich selbst auch zu allen Zeiten für das allserkorene Volk gehalten hat. Aber wie ganz anders hat diese Idee sich hier gestaltet, wie ganz anders ist sie im Leben dieses Volkes zum Allsdruck gekommen! Während es llämlich in religiöser Hinsicht den Israeliten allein gellnlgeil lvar, den Standpunkt der Vielgötterei zll überwiildell unb zum reinen Monotheismus sich emporzlldellkeli, so hat es and; eben diesen Gedanken der Eillheit in Ansehung des Menschengeschlechts durchgeführt ch. Fudwig Philippson. Eine biographische Skizze voll Professor Dr. At a x t i 11 P Hill p P soll. m. Bewundernswerth ist vor Allem Philippsons Besävigllng, jeder Sache eine große Seite abzugewinnen, jeden Gegenstand in ein wissenschastliches Gewand zll fleiben und in edler, von Geist lind Seele erfüllter Sprache zur Tarstellullg zu brillgen. In der ,.Allgemeinen Zeitung" stellte er die Schöpfung einer jüdisch-theologischeil Fakultät in Vorschlag, die dann später in Berlin verwirklicht wurde, unb rief er die Rabbinerversammlungen ins Leben, die, wenn sie auch ihren eigeiltlichell Zweck nicht erfüllten, doch anfklürend und wegweisend gewirkt haben. Er ist der Schöpfer lind Leiter der gemäßigten, historischen Reform im Indenthllm gewesen unb geblieben, und die helltigell Israeliten Teutschlands nennen sich giun größtell Theile llach seiueln Namen. Andererseits war es, in der Sturm- und Tronlgperiode der Enlallzipatioll, die Aufgabe der ,,Zeitung", diese nicht nur in ihren Bewegungen, ill ihrer steigendell und faüenbeu Richtung zll beobachten, ionbern zugleich auch ben allgemeinen politischen Wetterstand der üiationen l> Wie tief mußren derartige 'Allschaullngen Wurzel gefaßt habell, wenn auch Las Ehrifteuthuur mit ihnen nicht brechen konnte, vielmehr die dckmzeit erst es verniochte, sich von ihnen zll befreien. Das ganze Mittel alter war von ihnen beherrscht, unb gerade in seiner glänzendsten Periode, unter den Hohenstaufen, kommt die Idee der Weltmonarchie am nnzwei dentigstell znm Ausdruck. Voll ihr beherrscht ist auch die katholische Kirche ill ihren Ansprüchen aus eine die gallze Ehristenheit beherrschende Stellung des Papstes und in dein Satze, daß sie allein die selignlachende Kirche unb daher berufen sei, in ihren Schooß die gesammte Menschheit allfzunehmen: im Gegensätze zu der weltlichpolitischen ist es eine hierarchische Uuwersalmonarchie, welche hier erstrebt wird. 2) Bergt, hierüber Popper: Ursprung des Monotheismus. Eine historische Kritik des hebräischen Atterthums. Berlin ls7o. B ä t h k e: Semitische Religionsgeschichte, 1888, und hierzu Noetdecke: in der Zeitschrift der deutsch-morgenlandischen Gesellschaft, Band 12, Seite 476. Ferner auch Jastrow in der Vierteljahresschrift für Botkswirthschaft, Kultur und Politik, Band 101, Seite 9 fl. Berlin 1886. *