Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1892)
- Date
- 1892-01-08
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Wvhlthuend heben sich von diesem Bilde moderner Fahnenflucht bei ehrwürdigen Öicflaltcu derjenigen akademischen Lehrer ab, die Iren bei der Fahne antzharren, der sic einmal zngeschwvren, die ihre Kraft n»b ihren Geist der Sache detz Judenthnms zuwenden, die lieber ans! akademische Ehren verzichte» »nd vielmehr die Ehre ihres Glaubens! Hochhalten. Bn ihrem Beispiel möge sich unsere Jugend nnsrichte»; ihr Borbild möge den Eltern als Muster für die Erziehung der eigenen Kinder dienen. Pra kti schrs Iudrnthum. Voir 3t. 3' c v i). I. Ein Jiiufbluf auf die diesjährige Lhanukadefcheermig. Als ErUärnng zu Hohelied V V. 2 legt der Midrasch in dem Zwiegespräche zwischen Gott und der Gemeinschaft Israels letzterer folgende Worte in den Mund: ani j’sclienah min liamizwotli w’Jibbun* iigmillulli ciia^sailim „Bin ich anch lässig in Ausübung der Zeremonien, so ist mein Herz doch wach, wenn es gilt, wohl-! zuthun und Menschenliebe zu erweisen." Diese herrliche Paraphrase eines Schriftwortes, die von einem vorurtheilsfreien Sinne und von einer erhabenen Auffassllng des Judenthnms zeugt, bezeichnet treffend den religiösen Sinn und echt jüdischen Geist, welcher in der Berliner indischen Gemeinde herrscht und die Mehrzahl ihrer Mitglieder beseelt. Nicht die Wohlthäligkeit im Allgemeinen, durch die anch die nichtjüdische Bevölkerung Berlins sich anszeichnet, will ich hier rühmend heroorheben, sondern die spezifisch jüdische Wohlthütigkeit, wie sie um durch das Religionsgesetz vorgeschrieben, durch Jahrhunderte alte Sitte anerzogen ist. Jch,^ meine die Art des Wohlthuns, die nicht erst wortet, bis Jemand gefallen ist. um ihn dann aufzuhelfen, sondern die dem wankenden (St.Leviticus 2r>,;>5) Bruder die hilfreiche Hand bietet, das; er nicht falle, welche in dem dargereichten Almosen nichts sieht, als die Ausübung der Gerechtigkeit (z'dokoli); di e Art des Wohlthuns, welche verbietet, einen Dank entgegenzunehmen oder zu erwarten, welche die talmndische Lehre beherzigt, das; der Almosengebende mehr empfangt au innerem Segen, als er an nutzeren Gütern giebt. Letzteres Moment ist es gerade, welches bei der durch die Gemeindebehörden organisirten Wohlthütigkeit sich verflüchtigt, aber bei der freien und freiwilligen Ausübung der Nächstenliebe zur ganz besonderen Geltung kommt. Diese freie Liebesthaligkeit ist das praktische Jrrdenthum, wie es in der oben angeführten Midraschstelle so schon geschildert ist, wie es sich in hiesiger Gemeinde so herrlich entwickelt hat, als ein Baum wohlgenährt mit) festgewurzelt, dessen Zweige sich weithin erstrecken, und in dessen Schatten sich die Armen imb Dürftigen bergen, die vom Schicksal Verfolgten Schutz suchen, die Müden ruhen, der aber seine schönsten und süßesten Früchte, nämlich des Bewußtsein erfüllter Pflicht und die innere Befriedigung denen reicht, die ihn hegen und pflegen. Gin Zweig nur dieses vielverasteten Baumes ist die Institution, der ich hier folgende Zeilen widmen will. Es sind jetzt sieben Jahre her, als ein Mann, dessen Nenne mit der Geschichte „ der Wohlthütigkeitsanstalten der hiesigen Gememde eng verknüpft ist, Herr M. S. Meyer, angeregt durch eine Denkschrift des Verfassers dieses Artikels, der Frage naher trat, auf welche Weise die inuuer großer werdende Anzahl jüdischer Kinder, welche die Kommunalschulen besuchen, der Wohlthaten theilhaftig werden können, wie sie den Schülern und Schülerinnen der jüdischen Gemeindeschulen durch Stiftungen zugänglich sind. Es galt vor Allem den ärmsten unter den armen Schulkindern durch Gewährung von Kleidern, Schuhen und Lehrmitteln einen regelmäßigen Schulbesuch und die einem solchen entsprechenden Fortschritte möglich zu machen. Mit seinem praktischerGSinn traf Herr M. sogleich das Richtige. Zwölf Damen aus den vornehmsten jüdischen Familien Berlins traten zu einem Komitee zusammen und erließeri einen Aufruf um milde Gaben für oben erwähnten Zweck. Dieser Aufruf hatte den besten Erfolg. Bereits Chanuka 1884 konnten über 400 arme jüdische Kinder mit Wüsche, Kleidern, Schuhwerk und Lehrmitteln vollständig versorgt werden. In den letzten zwei Jahren waren es jedesmal über 900 Kinder, welche dieser Wohlthat theilhaftig wurden. Aber dieses Alles war nur ein Mittel zu einem höheren Zwecke. Jede der Damen trat zu den ihr zugewiejenen Kindern und deren Eltern in ein direktes persönliches Berhältniß. Mit der größten Gewissenhaftigkeit wurden die Zustände geprüft, in der fürsorglichsten Weise jedes Einzelnen Bedürfnisse festgestellt. Neben der Bedürftigkeit sollte die Würdigkeit entscheiden. Eltern und Kinder fühlten sich durch die Leutseligkeit der Damen gehoben; diese hinwiederum lernten die Noth an ihrer Quelle kennen, und so wurde die Einrichtung zu einem viel größeren Segen, als ursprünglich geahnt war. Je öfter sich die Chanukabescheerung wiederholte, desto mehr wurde es den Damen des Komitees, das in den letzten..Jahren ans sechzehn Personen bestand ') bestand, und dem Schreiber dieser Zeilen, dem es vergönnt ist, dem Damenkomitee rathend und helfend zur Seite zu stehen, klar, daß der wohlthätige Zweck hinter den erziehlichen zurückzutreten habe. Nicht etwa, als ob die unbemittelten Eltern ihre Kinder nicht ebenso gut zu erziehen verstünden, wie die der höheren Stünde, und deshalb unserer Hilfe in dieser Beziehung besonders bedürften; aber einerseits liegt es in der Natur der Sache, daß Kinder, deren Eltern von; frühen Morgen bis späten Abend auf Broderwerb ausgehen müssen, nicht so sorgfältig von denselben beobachtet werden können, anderseits machen bei armen Kindern etwaige Erziehungsfehler sich weit mehr fühlbar als bei reichen. Deshalb begnügen wir uns nicht damit, den bedürftigen Schülern unb Schülerinnen Bekleidung zu gewähren, sondern wir bekümmern uns auch darum, daß sie die Kleidungsstücke sauber und'ganz erhalten, daß sie, denen durch diese Versorgung manche Veranlassung zur Schulversäumniß aus dem Wege geräumt ist, nun auch die Schule regelmäßig und pünktlich besuchen, denen Lehrmittel im ausreichender Weise gewährt werden, diese auch mit Erfolg benutzen und die entsprechenden Leistungen anfweisen. Gesittetes Betragen in und außer der Schule, regelmäßiger und pünktlicher Schulbesuch, Ordentlichkeit! und Sauberkeit in Haltung der Bücher und Kleider, das sind die j Kriterien, nach denen die Würdigkeit der Kinder beurtheilt wird. Unordentliche Kinder, besonders wo diese Unordentlichkeit Schuld der Eltern ist, werden auch bei größerer Bedürftigkeit zurückgewiesen. | Dieser mit aller Energie durchgeführte Grundsatz, welcher in den i Kreisen der Kinder und Eltern bekannt ist, hat im Laufe der Jahre die heilsamste Wirkung gehabt. Ferner wird von jebem über zehn Jahre alten Kinde verlangt, daß es geeigneten Religionsunterricht erhalte. Mit mütterlicher Fürsorge bekümmern sich die einzelnen Damen um die ihnen zugewiesenen Kinder. Da wird jede Censur genau und eingehend geprüft, da wird gelobt und getadelt, belohnt mtb bestraft. Da müssen die im vorigen Jahre gewährten Kleidungsb Es sind dies: Frau M. S. Meyer, Vorsitzende; Frau Max Benjamin, Schatzmeisterin; Frau Julius Neumann, Schriftführerin; Frau Michael Fiegel, Frau Dr. Frankl, Frau Leopold Friedmann, Frau Dr. I. Ginsberg, Frau Dr. Grabower, Frau Albert Jonas, Frau Dr. Felix Liebermann, Frau Dr. Maybaum, Frau Sanitätsrath Dr. Mühsam, i Frau Louis Oppenheim, Frau S. Schönwald, Frau Louis Sieskind, j Frau Dr. Nngerleider.