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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-08 · Heft 2 (8.1.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 2 (8.1.1892)
Date
1892-01-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, <\ Jamun 1892. 56. Jahrgang. 11 r. Allgemeine eilung des Zudentbums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Ncdacteur: Gustav Karpeles. Begründet voll Nablirner 11*- Ludwig Philippson-Äonn. verlags-Crpedition: iöerlm, Jerusalemerstr« 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. 2tt!ja!t. Leitartikel: Tie indischen Praeswnn. - Praktisches Inden-- tbuitt. Bon A. Leon.— Die Ehescheidung. Bon Einannel Baningaxten. — Wissenschaft.und Litteratnr: Ein altbebräisches Mahl. Bon Dr.'e'ndwia Karpeles. — Das indische Völkerrecht.^- Bvn De. jnr. I. BiHerseld. — Lndlvig Philippfva. Bon Pros. Dr. Marlin Pbilivvson. -- Feuilleton: Eine Blume. Bon Elise Orzeszkv. — Der heilige Herr. Roman von Ferdinand! Diesfe il b a ch. — .Prolog. Bon Dr. Bk. e v i n.! Der Gemcindcbote. .«orrekvondenzen und -Nachrichten: Berlin. Bütvlv. Dvpeln, Breslau. Ans Rh indessen. Franksnrt a. Pi.. Bndavest. Bon Nay und Kern. — Lprcchsaal. — Misecllcn. Geschäftliche Notizen.! Nie jüdischen Professoren. Berti ll, Januar. j Wenn mall dem „Antisemiten - Katechismus" Glauben schenken i dürste, jo befanden sich gegelllvärtig unter 1 -»77 Ulliversitätsprosessoreli | im Delltschen Reiche etlva ISO Jilden. Das ist mm allerdings llicht! der Fall, da dort geborene Christen und getaufte Juden mitgerechnet : werden. Immerhin durfte die Zahl der jüdischen Universitätslehrer; fid^ mit etlva 100 beziffern. Bei der geringen Auswahl von Berufen, auf die die Juden leider auch gegenwärtig noch beschrankt sind, ist dies lein Wunder. Jnr uns Inden ist es sogar eine hohe Ehre. Delln es ist nicht leicht, trotz Borurtheil, Cliquenwesen und Repotisinns die atademischen Wurden zu erlangen, Ganz anders stellt sich die Sache freilich, wenn wir sie vom Standpunkt des Jndenthmns ans betrachten. Da zeigt sich uns eine recht betrübende Erscheinung: Die jüdischen Professoren sind nümlid) in den meisten Fallen die Ersten, welche ihr Jndenthmn voll sich werfen und zur herrschenden Kirche übergehen. Entweder thun sie dies schon als Privatdozenten und „aufzerordentlichc", worauf sie dann meist ein Ordinariat erlangen, oder sie beeilen sich, den Schritt zu thun, unmittelbar nachdem sie „ordentliche" geworden sind. Es bleibt noch ein dritter Fall, das; sie, nachdem sie die heißersehnte Würde erlangt, dem Staat als Dankesopfer, ihre Kinder zur Taufe führen, wahrend sie selbst noch um des moralischen Zwanges willen die jüdischen Gemeinde-Stellern fort bezahlen. Woher kommt nun diese häufige Fahnenflucht gerade in jenen Kreisen? Entspräche dieselbe einer religiösen Erkenntnis;, so wäre selbsti verständlich kein Wort darüber zll verlieren. Wer ans innerer lieber-! Eugnng zu einer anderen Religion Übertritt, der ist, mögen wir seine! Ueberzengnng theilen oder nicht, gerade in einer Zeit überhand-! nehmender Gesinnungslosigkeit doppelt achtungswerth. Aber wer j wird wohl zu behaupten wagen, das; bei der Majorität der überj tretenden Professoren der fromme Silln, die religiöse Ueberzengnng! den Ansschlag gegeben habe? Im Gegentheil, mail darf sicher be-! hanpten, das; sie ebenso schlechte, ja sogar noch schlechtere Christen werden, wie sie vordem schlechte Inden gewesen sind. Es ist also nicht einmal ein Opfer des Intellekts, das sie bringen, sondern vielmehr — um cs kurz heransznsagen — ein Opfer, das sie ihrer sozialen Stellung, ihrer materiellen Lage bringen. Run denn, die Frage: darf ein gebildeter Mann seine Religion um der materiellen Lage wechseln? diese Frage brauchen wir wohl hier nicht zu beantworten. Sie ist beantwortet, indem sie allsgesprochen ist. Die Frivolität aber, die in dieser Fahnenflucht liegt, steigert sich noch durch den Umstand, das; die Taufe gewöhnlich unmittelbar vor oder nach der Ernennung zum Professor vor sich geht. Die religiöse Erkenntnis; kommt also erst mit dem Diplom zum Durchbrlich. Wir lmterlassen es hier, den Umständen nachznforfchen und diejenigen Faktoren anznklagen, welche die Schuld an diesen Bcrhältnissen tragen lind welche Männer in so angesehener Lebensstellung zwingen, einen Schritt zll thun, dessen sie sich vor ihren alten wie vor ihren neuen Glaubensgenossen, am meisten aber vor ihren eigenen Gewissen schämen lnüstten, wenn dieser Schritt llicht llieist im Geheimen ansgesührt würde, so das; nur die betheiligte Behörde daruni weis;, währelld die andern Menschen oft erst ans der Todesallzeige die Rachricht von dem erfolgten Uebertritt erfahren. Aber die Thalsache selbst mußten wir konstatiren. Sie ist llällltich voll großer Bedelltllllg für unsere Lage. Roch inlmer — und hoffentlich ailch noch lange ist der deutsche Professor für die Mehrheit der Ration ein Ideal, ein Muster der Lebensführuilg. Zu ihlll blickt die Jugend ans; sein Wandel ist den Eltern ein Vorbild, ein würdiges Beispiel. Wieviel Unheil haben diese akademische Würden durch die Taufe erkaufenden Professoren nicht scholl in jiidisehell Kreisel! angerichtet? Sie haben die Jugend dem väterlichen Glauben entfrembet, sie haben zahlreiche Eltern veranlaßt, ben gleichen Schritt — wiederum ohne jede tiefere religiöse Erkelintniß für sich oder für ihre Kinder zu thun. lind doch ist dieser Schritt jo scheint es uns in den meisten Fällen gar llicht einmat für die liebe „Karriere" so llllbedillgt nothwendig, wie jene Ueberläuser allen Einwürfen gegenüber behaupten wollen. Es giebt — mit Ausnahme der theologischen Disziplinen nnt» des Kirchen rechts - - wohl kaum ein Fach, das nicht scholl Juden als ordentliche Professoren an Universitäten gelehrt hätten. Aber diese hatten eben Charakter genug, um ansznharren, und Geduld geling, rill! zu warten, und Bedeutung genug, nm zll wissen, das; sie früher oder später diese akademische Würde doch erlangen llu'issen.

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