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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Opfern fordert eine zweite Maßregel. In den Gouvernements Wilna und Kiew wurde die Ausweisung aus den Dörfer!! bisher nicht streng durchgeführt: vielleicht scheute die russische Regierung eben deshalb davor zurück, weil diese Provinzen die relativ größte Fahl jüdischer Dorfbewohner aufweisen und man vorläufig vermeiden wollte, die Massen in Bewegung zu sehen. Seit Mitte November ist dies anders geworden : die Leute, die bisher als Gutsuud Mühleupächter, als Wirthschaftsbeamte, ein sehr großer Theil auch als Tagelöhner auf christlichen Gütern ihren Unterhalt gefunden, werden nun in die städtischen Ghetti verwiesen, woher sie oder ihre Eltern stammen; es giebt Familien darunter, die bereits in dritter Generation ländlicher Beschäftigung nachgegangen, also den Verhältnissen ihrer Geburtsorte ganz entfremdet sind: in den überfüllten Märkten und Städten erwartet sie nun der sichere materielle Untergang. Ebenso tief einschneidend erweist sich eine dritte Maßregel: die Durchführung der gesetzlich von jeher bestehenden, aber bisher nur ausnahmsweise durchgeführten sogenannten „fünfzig Werst- Grenze", d. h. die Ausweisung der Juden aus solchen Orten, die fünfzig Werst von der Reichsgrenze entfernt sind. Gerade in jenen beiden Grenz- Gouvernements, wo die jüdische Bevölkerung am dichtesten haust, in Bessarabien und Podolien, werden nun die Ausweisungen im Hinblick auf diese veraltete Verordnung am schärfsten durchgeführt; z. B. sind vor einigen Wochen die Juden aus Kamenetz-Podolsk, wo sie seit der Besitzergreifung durch Rußland, also seit länger als einem Jahrhundert unbehelligt gewohnt, ausgewiesen worden. So beläuft sich die Zahl jener Menschen, welche durch die Maßregeln der letzten Wochen zu Grunde gerichtet worden sind, wieder aus Hunderttausende; jene vor ihnen, die mit dem Rest ihrer Habe oder mit Hilfe ihrer dortigen Glaubensgenossen noch bis zmn Frühling ausharren können, haben in den russischen Judenstädten ihre Zuflucht für den Winter gesucht; wer aller Mittel bar ist oder sein Letztes nicht aufzehren will, macht sich sofort auf die Reise. Daraus erklärt sich die traurige Erscheinung, die in der bisherigen Geschichte der jüdischen Auswanderung aus Rußland nicht ihr Gleiches hat; trotz des Winters währt die Emigration ungeschwächt fort, und der Zustand, in welchem die Unglücklichen auf deutsches Gebiet treten, spottet jeder Beschreibung. Das „Deutsche Central-Komitee für die russischen Juden" hat die Aufgabe der Unterstützung und Beförderung dieser Auswanderer nach Amerika bisher voll erfüllen können; hoffentlich fließen ihm auch ferner die dazu nöthigen, allerdings sehr beträchtlichen Mittel zu. L. T. Odessa, 22. Dezember. Dr. Leon Pinsker ist nicht mehr! Der echte, treue Sohn seines Stammes, der mit allen Fasern seines Herzens am Judenthum hing, und dessen Wohl und Wehe ihm tief zu Herzen ging, hat gestern Morgen den schweren Todeskampf ausgerungen! Ein schwerer, unersetzlicher Verlust für das russische Judenthum! Leon Pinsker wurde am Rosch Chodesch Teweth (24. Dezbr. 1821) als ältester Sohu des berühmten Forschers und Gelehrten S. Pinsker, des bekannten Verfassers von „Likute-Kadmonioth" und anderer hebräischer Werke tu Tomaschew (Polen) geboren. Er besuchte das hiesige Gpmnasium, dann das Richelieu-Lpceum, wo er die juridische Fakultät absolvirte; er fand aber, wie es scheint, nicht seinen Beruf daran, und ging nach Moskau, wo er auf der dortigen Universität seine Studien absolvirte und als Doktor der Medizin promovirte. Hierauf kehrte er im Jahre 1849 nach Odessa zurück, wo er sich als praktischer Arzt niederließ und volle 49 Jahre eine sehr ausgebreitete Praxis ausübte. Als Mensch, wie als Arzt, war er in allen Schichten der Gesellschaft hochgeachtet. Er war ein edler Charakter, in des Wortes schönster Bedeutung, einfach und bescheiden, trotz seines großen Wissens. Vor vielen Jahren, von einer tückischen Krankheit heimgesucht, der er nun erlegen ist, ging er nach Italien und dann nach Heidelberg, wo er sein medizinisches Wissen noch mehr vervollkommnet!?. — Er war mit seinen Heimgegangenen 5t oll egen Soloweitschik und Bernstein Redakteur der gelehrten jüd.-russischen Zeitung „Zion". — Als vor einem Jahrzehnte die Lage unserer unglücklichen Brüder hier zu Lande sich verschlimmerte, schrieb er sein berühmtes Buch „Autoemaneipation", welches schon längst in russischer und kürzlich erst in englischer Sprache übersetzt wurde. Teit Begründung des Palästina-Vereines war er dessen Präsident und widmete viel Zeit und Mühe dieser nützlichen Gesellschaft. Er war außerdem Vorsitzender des Kuratoriums der „Talmud-Thora"; früher war er Vater des jiid. Spitals, Ordinarius des städtischen Krankenhauses; er bekleidete noch mehrere andere Ehrenämter, wie z. B. als Verwaltungsrath der Kohauschen Stiftungen, Arzt der Sturdza'schen Heilanstalt, Mitglied der medizinischen und Vize Präsident der Balneoll, gischenGesellschaft, Vize Direktordes städtischen Findelhauses und dgl. mehr. Während des Krimkrieges bekleidete er die Stelle eines Arztes in einem Militärhospital und erhielt als Belohnung dafür den St. Stanislausorden 9.Klasse, den er aber nie trug. Der Verewigte war unverheirathet und widmete seine Muße der Wissenschaft und seinem Volke. — In Gesellschaft war er ungemein liebenswürdig und geistreich. Er hielt die Fahne des Judenthums stets hoch und war ein leuchtendes Beispiel eines jüdischen Patrioten für die jüngere Generation, die mit Verehrung zu ihm hinaufblickte. — In seinen! Testamente bedachte er sowohl die städtische, wie die jüdische Wohlthätigkeitsaustalt, denen er folgende Legate vermachte: für die .Hungersleidenden 1000 Rubel, zu einer Stiftung für Wittwen armer Aerzte 2000 Rubel, für das Findelhaus 2000 Rubel, terner der jüdischen Waiseuanstalt, der Talmud-Thora, den:! Palästina-Vereine und noch anderen gottgefälligen Instituten. Im i Ganzen spendete er 16,000 Rubel. — Seine reiche medizinische Bibliothek! schenkte er dem jüdischen Hospital. — In der am 9./21. d. unter Vorj sitz des Vize-Präsidenten der Balneologischen Gesellschaft Dr. Finkelstein j stattgefundenen Sitzung eröffnete letzterer dieselbe mit der traurigen Mit- - theilung des erfolgten Ablebens des Dr. Pinsker. „Ungeachtet - der Feierlichkeit der heutigen Versammlung (des 15 jährigen Bestehens der Gesellschaft) bin ich gezwungen. Ihnen, meine Herren, eine traurige Begebenheit, die unsere Gesellschaft berührt hat, mitzutheilen. Wir haben einen herben, unersetzlichen Verlust erlitten. Nach langer, schwerer j Krankheit starb heute einer der Begründer und der gewesene Vizej Präsident unserer Gesellschaft, Dr. Leon Pinsker. Tie lichte Gestalt! des Verklärten ist Ihnen hinlänglich bekannt. Dr. Pinsker war hervorragend als Mensch, als Arzt, wie als Kollege. Er besaß eine tiefe Gelehrsamkeit im Allgemeinen, wie speziell in der medizinischen Wissenschaft. Er war ein Mann von einer höchst humanen, idealen, philosophischen Weltanschauung. Er war nicht jung an Jahren, aber er war bis zum Ende seines Lebens jung an Geist und Schürfe. Als Arzt war er human mit seinen Patienten und äußerst kollegial mit seinen Kameraden. Er verstand seine gelehrten Ueberzeugnngen zu vertreten, und zwar mit feinem Takte und Delikatesse. Seine Bescheidenheit war staunenerregend, sie grenzte an Hoheit. In den Sitzungen unserer Gesellschaft bestrebte er sich stets, im Schatten zu bleiben, unbemerkt, und wenn er Veranlassung nahm, sich auszusprechen, waren seine Worte so einfach und bescheiden, als möglich, dabei tief und gelehrt. Seine Wohnung stand zwei, drei Mal wöchentlich zur Verfügung der Aerzte, die stets bei ihm Gastfreundschaft fanden, und jedes Mal uahnten sie ein warmes, herzliches und kluges Wort mit nach Hause. Er war einer von den Letzten der Mohikaner, der Patriarchen unserer gelehrten Gesellschaft. Ehren wir sein Gedächtniß, indem wir uns von unseren Sitzen erheben! Ich glaube, daß ich den Wunsch Aller ausspreche, wenn ich den Antrag stelle, zwei Kränze auf den Sarg des Verewigten niederzulegen — Namens der Balneologischen und der Gesellschaft der Odessaer Aerzte." — Am 24. d. M. wurde die sterbliche Hülle des unvergeßlichen Mannes feierlich bestattet. Gegen 1 Uhr Mittag versannnelte sich im Trauerhause Alles, was Odessa an Intelligenz besitzt. Da waren die Vertreter der medizinischen Wissenschaft, Christen, wie Juden sowohl, Advokaten, Gelehrte, Vertreter aller wohlthätigen Anstalten, hervorragende Kaufleute und Finanziers, wie eine große Anzahl Biirger verschiedener Nationalitäten. Alle Institute und Anstalten, wo der heimgegangene Menschenfreund Jahrzehnte segensreich gewirkt hatte, legten Kränze an seinem Sarge nieder. Nicht nur von hier, sondern auch von auswärts sahen wir .Kränze, wie z. B. von der jüdischen Gemeinde in Elisawetgrad, von seinen Verehrern und Gleichgesinnten in Baku (Kaukasus), von den Redaktionen des „Wohschod" und „Hameliz" in St. Petersburg, von der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland, und anderen Ortschaften. Beileidstelegramme kamen aus St. Petersburg, Paris und anderen Städten. — Tie Räume der Wohnung des Entschlafenen waren zu klein, um alle diejenigen zu fassen, die herbeiströmten, um dem edlen Menschen und hervorragenden Glaubens-! genossen die letzte Ehre zu erweisen. Nach dem Vortrage eines Chorales und des Seelengebetes durch den greisen Oberkantor Blmnenthal trat Staatsrath Dr. Finkelstein, Vize-Präsident der Gesellschaft der Aerzte, hervor und charakterisirte in einer tief ergreifenden Rede die Persönlichkeit des Verstorbenen. Nach ihm sprachen Tr. Kazen im Namen der

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