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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 werksmeisteru 429 freisinnig, unter 918 Hand werksgehülfen 224 freisinnig, unter 979 Kallstenten 917 freisiimig, unter 2uo Arbeitertl 199 freisinnig. * Berlin, 29. Dezember. Wie die sogenannten christlichen Antisemiten über ihre Stiefbrüder, die „Rasse n - An t ise m i t e n " denken, zeigt folgende Notiz des „Reichsboten": „Die antisemitischen deutsch-sozialen Blätter oder vielmehr deren Redakteur Theod. Fritsch, fahren fort, die Personen des alten Testaments in der unflätigsten Weise zu beschimpfen — so zwar, das; wir es nicht über uns gewinnen können, die Rohheiten abzudruckeu. Er redet von „Spitzbuben, H . . . . und Wuchergeschichten" Wenn er behauptet: „der Gott Christi ist keineswegs identisch mit dem Jehova und Schaddai des Judenthums" und Christum als Arier bezeichnet, so zeigt das jedem .kundigen, welche Stellung der Mann auch zu dem Christenthum einnimmt. Daß mit einem solchen Antiseminsmus kein Christ etwas zu schaffen haben kann — ist selbstverständlich. Wie gefährlich aber die Agitation einer solchen Richtung unter unserem Volke ist, liegt auf der Hand. Was die jüdische Presse dem Volke allenfalls noch vom Christenthum gelassen hat, das würde ihm eine solche antisemitische Agitation, die sieh noch dazu in den Mantel der Christenfreundlichkeit hüllt, nehmen. Wenn sich unser Volk erst angewöhnt, in diesem Tone von den Männern des alten Testaments und von diesem selbst zu reden — dann wäre dem Faß völlig der Boden ausgeschlagen — und die Sozialdemokratie könnte die Erbschaft antreten. Es ist deshalb Pflicht, diesem naturalistischen Rassen-Antisemitismus als einer großen Gefahr entgegenzutreten. Die konservative Partei hat alle Ursache, sich mit demselben unverworren zu halten, um so mehr aber muß sie selbst die Abwehr der Schädigungell in die Hand liehmen, welche unser Volk von dem Judenthum erleidet." — Der Kritik der Raffen-Antisemiten durch ben „Reichsboten" haben wir nichts hinzuzufügen. □ GBln, 29. Dezember. Am 20. d. M. konstituirte sich hier das Rheinische Provinzialkomitee für das Muss. Hilfswerk, welchem die 9 Hauptgemeinden der Rheinprovinz Cöln, Aachen, Crefeld, Elberfeld und Düsseldorf angehören. Die kleineren Gemeinden der Rheinprovinz haben sich trotz wiederholt all dieselben ergangener Aufforderung llicht anschließen wollen. Unter ben gefaßten Beschlüssen ist besonders der Erlaß des bekannten Aufrufs llamens des Provinzialkomitees hervorzilheben. Derselbe wird interkonfessionell fein, und haben bereits sehr hervorragende christliche Mitbürger ihre Zusage zur Unterschrift gegebell. U Ulm, 28. Dez. Die „Schnellpost" hier, einst von dem deutschkatholischell Prediger Albrecht redigirt, ist nun förmlich in den Dienst der Herren Dr. Böckel und Sonnenberg getreten, wie dies diese Herrell bekannt machten. Das konservative Amtsblatt „Ulnler Tageblatt" brachte dieser Tage einen Artikel wider den Wucher, gegen ben weitere gesetzliche Maßregeln empfohlen werden. Die „Schnellpost" polemisirte darauf gegen das „Tageblatt", daß es dabei den Namen „Jude" peinlich vermieden habe. Dieses aber entgegnet der Schnellpost in seiner helltigen Nummer in einer Weise, die das ganze Treiben dieses antisemitischen Organs offen darlegt: „Die „Schnellpost" ist, scheints, seit sie all die Antisemiten übergegangen ist, auf einem solchell Tiefstand der Intelligenz angekommen, daß sie sich eine Besprechung öffentlicher Mißstände ohne Judenhetze gar nicht mehr denken kann. Dabei hat das Ulmer 'Antisemitenorgan noch die Unverfrorenheit, anderen Blättern Vorhalt zu machen, wenn sie ihm an Rohheit und Flegel- Hastigkeit des Tones nicht gleich thun wollen. Ebenso dumm wie impertinent ist auch das weitere Geschwätz der Ulmer Schuellpost, der ^(bbrrtet des Artikels gegen den Wucher int „Ulmer Tageblatt" sei nur auf einen gewissen Truck von einer gewissen Seite hin geschehen!!" „Die Ulmer Schnellpost natürlich, die sich seit einiger Zeit dem krassesten Parteifanatismus und Parteiterrorismus unterworfen hat, steht nun in ihrer Borniertheit auch bei anderen Blättern überall „Beeinflussung und Druck." Wie wärs, wenn wir sagten: Die Ulmer Schnellpost hat sich durch einen rechtskräftigen Vertrag mit Haut und Haar an die Antisemiten verkauft; sie bezieht von den Antisemiten direkt oder indirekt eine jährliche Subvention von 5000 M.; dafür muß sie — nicht etwa bestehende Mißstände besprechen nnb deren Abhilfe betreiben — milß sie jahraus jahrein gegen eine ganze Bevölkerungsklasse, ohne Unterschied, | ob-gut oder schlocht, hetzen und schüren. Das Hetzert und Schüren ist ihr Geschäft, sie macht damit ihr Geschäft. □ 2lne* Elsaß-Lothringett, 28. Dez. Ein rühmlicher Akt kindlicher Lieb e, dessen Heldin eine junge Israelitin ans Oberhergheim (Ober- Elsaß) war, ist in einer kürzlich veröffentlichten Sautnilung von Anekdoten aus der französischert Revolutiort verzeichnet. Der Vater dieses Mädchens sollte als verdächtig von dem Revolntionskonunissar Otto, einer Kreatur des ösfelltlichetl Allklägers Schneider, verhaftet werden. Reiset Gerschel, so hieß das Mädchen, gab aber ihren Vater für krank aus und überlieferte sich selbst den: Revolutioltstribunal in Straßburg. Der Richter, welcher Kenntniß von der edlen Handlungsweise des jungen Mädchens hatte, sprach Reisel und den Vater frei urtd stellte ihr ein Zeugniß über ihre edle Thal aus. Das Original dieses Schriftstückes, das vorn 2. Nivose des Jahres 11 der Republik datirt mtd von dem Präsidenten des Tribmlals Mainorte und drei Assessoren unterzeichnet ist, befindet sich im Besitze eines Einwohners des unterelsässischen Städtchens Oberehuheim, des Herrn Jakob Wertheimer, dessen Frau die Enkelin der Heldin ist; Frau Wertheimer erinnert sich ganz gut, in ihrer Jugerrd aus dem Munde ihrer Großmutter die Geschichte gehört zu haben. — Herr Dr. Gintzburger, neuernalmter Rabbiner in Sulz in Elsaß, hat soeben in dem Städtchen Gebweiler einen israelitischen Jünglingsverein, genannt „ L i t t e r a t u r - B e r e i n ", ins Lebert gerufen, der bereits 90 Mitglieder zählt und auch von der hoh?n Landesregierung anerkannt wurde. Die Ernennung des konservativen Rabbiner Herrn Drepfus- Tegersheim zum Rabbiner des Distrikts Bruntath soll mm endgültig beschlossen sein. Nächsten Monat finden die Ersatzwahlen für das oberelsässtsche Konsistorium statt. Bereits zirkuliren Listeil. Oesterreich - Ungarn. M Prag, 28. Dezbr. Der hiesige Verein znr Verbreitttug jüdischer Wissenschaften, „Afike Jehuda" eröffnete verflossenen Sortntag die Saison mit einem Vortrage des Herrn Ri. Fried mann, Lektors am Beth Hamidrasch in Wien, bekanntlich einer Capaeitüt auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft. In geistvoller fesselnder Weise besprach H. Friedmann das Thema: „Der Rabbinismus ist der Friede". Abgesehen von direkten Lehren, so begann der Redner, die der Rabbinismus über den Frieden aufstellt, ist darauf hinztlweisen, daß das Hauptziel des hundertfach verzweigten tabnudischen Lehrgebäudes der Friede ist. Wertn die Rabbirten die Norm sestsetzen, daß das tägliche Gebet, das Schema und die heiligen Lektionen nicht blos in der hebräischen, sondern auch in jeder andern Sprache verrichtet werden bitrfen, so geschieht das, um den Frieden ztt fördern. Nach dem Untergänge des Jerusalemischen Tempels ersetztett die jüdischen Gesetzeslehrer aus Friedensrücksichten den Opfer- und Räucherkultus durch Vorlesung der betreffenden Thoravorschriften über denselben. Am detttlichsteu tritt aber die Friedenstendenz des Rabbinismus hervor, wenn man die biblische Poesie mit der rabbinischen vergleicht. Das Friedensbestreben hat nach der Zerstörung des jüdischen Staates, um die verzweifelte kriegsdurstige Jugend zu beruhigen, eine völlige Metamorphose der alten Volksideale herbeigeführt. Während Gott z. B. in der biblischen Poesie als ein Herr der Heerscharen erscheint, wird er in der rabbinischen als ein ehrwürdiger Greis, welcher Lehren der Sanftmuth urtd des Friedens verkündet, geschildert. Die biblischen Heldengestalten werden zu doeirendetl Gelehrten. Nicht der seine Feinde Bewältigende ist der Starke, sondern Derjenige ist der wahre Held, der seine Leidenschaftetl besiegt. — Reicher Beifall des Auditoriums lohnte den Redner, als er geendet, für seine geistreichen Ausführullgetl. Rußland. * St. Petersburg, im Dezember. Die Lage der russischen Juden hat sich, wie uns von wohlunterrichteter Seite geschrieben wird, im Laufe der letzten Wochen sehr erheblich verschlimmert. Im Mai und Juni d. I. stellte, wie seiner Zeit atlch durch die Presse berichtet wurde, das Moskauer General-Gottvernemeut den dort noch verbliebenen Juden Aufenthaltsscheine auf die Dauer eines halben Jahres aus. Zugleich wurde diesen zeitweilig geduldeten Falllilien eröffnet, daß sie die Verlängerung der Duldungsscheine im Herbste zu erbitten hätten. Die Entscheidung ist nun erfolgt, sie lautet durchweg ablehnend; so findet demt nun, mitten im strengstell Winter, der Wegzug oder die Ausweisung dieser Hunderte voll größtentheils sehr armen Familien statt; es handelt sich dabei fast mtr um Handwerker. Eine weitaus größere Zahl von

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