Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 -h©*- FEUILLETON Nrr tolle Awrom. Von Ferdinand Runkel. Wo die Ostcndstraße der ehrwürdigen Stadt Frankfurt auf die Proinenadc stößt, bemerkte ich seit Jahren einen Betteljuden. Er war klein und sein Rücken stark gebeugt. Der lange, klebrige Rock, ein Geschenk wohlthätiger Glaubensgenossen, schlotterte ihm bis ans die Kiriee. Seine krummen Beine staken in faltigen, abgeschabten Hosen, die aufgckrämpelt, ihr zerrissenes Futter über ein Paar stark mitge- »onnnene Stiefel, mit schiefgelanfenen, englischen Absätzen fallen ließen. Ten Hut hatte der alte Awrom meist bettelnd in der Hand. Regen und Sonnenschein wechselten unerbittlich über den dünnbchaarten, schmutzigen Scheitel. Das Gesicht des Alten trug Spuren vergangener Schönheit, wenn sich auch heute schwarze Staubkrusten in die tief gegrabenen Falten gesetzt hatten. Der graue stoppeliche triefte von bräunlichem Speichel und in dem zahnlosen Munde stak ein stark zerkauter erloschener Eigarrenstumniel. Schlug Awrom bei einer reichen Gabe — geringe betrachtete er als selbstverständlich — die großen braunen Angen dankend auf, so strahlte aus ihnen ein milder Blick dem Geber entgegen. Was schlummerte in der Tiefe dieser Seele, deren Spiegel so eigenartig glänzte? Wie zurückgedrängte Thränen schimmerte es in diesen schönen Augen. Es schnitt mir ins Herz, so oft ich dem Blick des Alten begegnete. Hundertmal wollte ich ihn anredeu, ihn fragen »ach dem Rathsel seiner Augen, aber ich verniochte es nicht. Fürchtete ich doch ihm weh zu thuu, hastig eilte ich an ihm vorüber, er nickte mir bekannt zu, denn wir sahen uns oft, und immer beschenkte ich ihn. Eines Tages ging ich mit dem Herrn eines befreundetes Hauses an Awrom vorüber. „Mer kann gratelire, Herr * * sagte der alte Bettcljude. „Ja Awrom, es ist heute ein Glückstag für mich ...." Ein Goldstück glitt in den schmutzigen, verschwitzten Hut. „Gott vergelt's an de Kinder." Wieder sah ich die klugen dankend aufgeschlagen und wieder bewegten sie mich so eigenthümlich. Ich mußte das Geheimnis; dieser Ailgen ergründen. „Was haben Sie heute für einen Glückstag?" fragte ich meinen Begleiter. „Meine Tochter habe ich verlobt .... Gute Partie, lieber Freund .... viel Geld." Mir gab diese Antivort einen Stich ins Herz. Seine Tochter, das süße, reizende Mädcheil, das ich seit Jahren anbetete, das meiiie Liebe glühend erwiederte?! Wo waren ihre Schwüre, ihre treuen Küsse .... Pflli! Frauentrene und Kartenhäuser! Unbeugsam hatte das Gesetz ihrer Väter gesprochen. Der Mann hatte gefreit, ob Lea oder Rachel, war ihm! einerlei, wenn er nur die buntscheckigen Lämmer bekam. Und sic hatte sofort gehorcht, ihre Neigung getödtet, um dem ungeliebten Manne und seinen Millionen die Hand zu reichen. Ich zitterte, als ich über die Schwelle des Hauses trat, >vo ich die glücklichsten Stlinden meines Lebens verbracht hatte. Mußte ich doch der Treulosen, der Elenden, die ohne Kampf ihre Liebe ausgegeben hatte, glückwünschend die Hand schiitteln. : Ter Brälltigam war Gott sei Dank nicht anwesend. Ich reichte der Braut kalt die Haild und murmelte etwas von besten Wünschen i für die Ehe. Sie preßte meine Hand innig zwischen ihren weißeil Fingern, ich sah auf. Nur ein Blick aus ihren blauen Augen traf mich, so heiß, so thränenschwer, so cigenthiimlich räthselhaft, daß ich ewig werde daran denken müssen. Ganz unvermittelt kam mir der Blick des tollen Affrom in den Sinn. Jetzt verstand ich den alten Juden an der Straßenecke. Entsagung hieß sein Blick! Entsagung! Ich erwiederte den Händedruck der Braut warm. Es war der letzte, ein Abschied für immer. Die Mutter zog mich in den üppig möblirten Salon und sagte mit einem bedeutsamen Lächeln: „Eine Lebensweisheit lernen Sie von mir, mein Freund, mau! kann auch lieben, ohne durch die Ehe dazu berechtigt zu sein. Seinem Manne treu sein, heißt nur ein Verhältnis; haben ... Sie verstehen mich. Man kann nicht jeden Mann heirathen, den man liebt, aber man kann dem geliebten Manne gehören, auch wenn man verheirathet ist." „Pfui," sagte ich, „das ist eine böse Moral, ich verachte die Frau, die darnach handelt. Ich stand mit Ostentation auf, verbeugte inich und ging. Auf dem dunklen Korridor umfaßten mich zwei weiche Arme, ein warmer Mund preßte sich auf meine Lippen. Es war ein selig süßer Augenblick. Entsagung war die Tendenz dieses langen, innigen Kusses. „Geh in Frieden," flüsterte sie, „ich kann nicht anders!" Ein rauher Wind schlug mir draußen ins Gesicht. Er fuhr unbarmherzig durch die hohen Bäume und kräuselte die Wasser des Schwanenteiches. Unter der Straßenleuchte stand noch der alte Awrom. Mein wundes Herz war empfänglich für die Leiden Anderer, ich beschenkte ihn reichlich und blieb einen Augenblick bei ihm stehen. „Werd ich jetzt nit mehr so oft sehn de junge Herr mit deine schöne Müdche vorbeigehn. Ach, es is so Schad' in der Welt, was sich liebt, kriegt sich net und was sich kriegt, kann sich net leide. Judde sin Judde, Goy sin Gon, Vien is alt. Alt is neu. Bleib von Se!" ES war der stereotype, wahnsinnige Reim, den der Jude als Endrefrain allen seinen Reden anhängtc. Ich kannte das wirre Hereneinmaleins, das ihm den Namen „der tolle Aivrom" eingetragen hatte. Im Lichte meines Schmerzes aber schienen mir die Worte gar nicht so wahnsinnig; ich glaubte vielmehr den Aufschrei einer tödtlich verwundeten Menschenseele zu vernehmen. „Wie alt seid Ihr, Aivrom?" „Wais ich net mehr: sehr alt! Wie ich noch gewußt Hab' mein Alter, hat die Jnddegaß noch gestände und an der lange Schien hat se gewohnt." „Wer?" „Wer? auch des wais der junge Herr net. Hat se doch zu mer gesagt: „„Awrom wart an der Ostendstraß', ich komm."" Sie kommt auch, aber es dauert laug, aber ich wart, ich wart. Ich wart schon so lang, daß ich net mehr wais, wie lang ich wart, aber ich wart. Hat se doch gesagt, sic kommt, muß se auch komme. An der lange Schirn wohnt se." Ich ging kopfschüttelnd weiter. „Bleib von sc!" rief mir der tolle Awrom »och nach. Er hatte Recht, der arme Wahnsinnige. Neu ist alt und alt ist neu, ei» »»poetischer Ausdruck des Heineschen Gedankens von der