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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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ü cljrciiöolleii Berufung Folge zu lcislcu. Aber er that es schweren Herzens. Am 18. Dezember 1833 dichtete er: ..'Als ich noch in Deinen hellen Laube» Wandelte. Du alte Griechenwelt, Und ich noch von Deinen goldncn Trauben Kostete auf Deinem Blnthenfeld — Herrliche, versunkene Natur. Warum mußt' ich Deiner Grenz' entfliehen. Und heraus ans Deiner Friedenflnr Zu den Landern der Verwirrung ziehend Dagen wiird' ich: fließe Schnsuchtszähre! Wenn die Zähre heimisch war' in Dir, Aber nein! Dein heitrer Geist bewähre Deine Kraft auch heute noch in mir! Flieh hinweg des Sturmes Geisterschaar. Herrschend üb'rall in der Welt Gebieten. Daß Tein Bild mir werde offenbar. , Frei lebendig, einst ans starrem Bruten! Am 27. Dezember 1833, seinem vermeintlichen Geburtstage, erhielt er sein Anstellungsdekret. Vorlesungen, die er in jenem Winter über „die fortschreitende Entwicklung der Menschheit" gehalten — jenen Lehrsatz, den er schon als Student als das wahre Gesetz der Geschichte erkannt hatte — sowie seine ebenso feurige wie gedankenreiche und formvollendete Kanzelberedtsamkeit verschafften ihm bald Anerkennung und Frenndschast bis in die höchsten Kreise der Provinzialbehördcn und der evangelischen Geistlichkeit, die damals noch nicht von finsterer, unduldsamer Gesinnung erfüllt war. Philippson gab sich seiner neneit Thätigkeit mit dem ganzen Eifer und der rüstigen und nachhaltigen Begeisterung seines Wesens hin. Auch in dieser Laufbahn trat er sofort mit schöpferischen Gedanken auf, die er nnverweilt in Thatsnchen umsetzte. Er zuerst in Preußen ordnete regelmäßige Predigten an, organisirte die Religionsschule nach dem Muster der allgemeinen Unterrichtsanstalten, führte die Konfirmation ein und sicherte dem Rabbiner eine maßgebende Betheiligung bei den gottesdienstlichen Funktionen. Alles dies erscheint jetzt selbstverständlich: aber alles dies hat unter den Israeliten Deutschlands*) Ludwig Philippson erdacht, ausgearbeitet und ins Leben gerufen. Diese Thatsachen mußten erwähnt werden zu Eharakterisirung des Mannes; näher aus sie einzugehen und sie in ihrer Bedeutung für das deutsche Judenthum zu würdigen, ist hier nicht der Ort. Genug, schon nach den ersten vier Monaten seiner Amtsthätigkeit konnte er, absolut zum ersten Male unter den Israeliten, die Konfirmationsfeier abhalten. Nach einem Jahre bekräftigte ein schönes Schulfest mit Prüfung die Gemeinde in ihrer guten Meinung. So fungirte Philippson in Magdeburg fast dreißig Jahre mit kaum einmal gestörten! Frieden und nahm dann von der unterdeß sehr angcwachsenen Gemeinde nur Abschied, als ihn überhand nehmende Kränklichkeit und Angenschwüche dazu nöthigte. Zahlreich gedruckte Predigten, vereinzelt und in Sammlungen vereinigt, Katechismen, Gesang- und Gebetbücher ließen auch außerhalb Magdeburgs die Israeliten an dem seelsorgerischen Wirken Philippsons theilnehmen. So sehr das neue Amt die Gedanken und die Kräfte des Zweiundzwanzigjährigen in Anspruch nahm, — er fand zunächst doch noch Zeit und Muße, die alte, lieb gewordene dichterische Thätigkeit fortzusetzen. Schon im Frühling 1833, als er noch keine Ahnung von einem bevorstehenden Eintritt in das geistliche Amt hegte, hatte er den kühnen Plan gefaßt, Shakespeares Drama „Heinrich VIII." in einem zweiten Theile fortzusetzen, der das tragische Geschick Anna *! Von Wien, das damals dem Gesichtskreise Norddeutschlands ganz fern lag. sehen wir dabei ab. Bolehns und die erste Einführung der Reformation in England behandeln sollte. Indes;, man dürfte nicht sagen, daß die Ausführung gelungen märe; zumal in metrischer Beziehung läßt dieses Drama ehr viel zu wünschen übrig. Bei weitem besser ist ein anderes Trauerspiel aus jener Zeit: „Die Brüder von Anjou," das sich dem „Robert Bruce" würdig anschließt und wie dieses, mit einigen Abänderungen, des Druckes und der Ausführnng wohl werth ist. Zwei Jahre später, 1835», sehen wir unseren Autor als Dramatiker schon andere Wege beschreiten, die er dann nicht wieder verlasse» hat: er wendet sich Stoffen aus der Geschichte Israels zu. Der Roman Tisraclis gießt ihm den Plan zu einem Trauerspiel: „Alroh, der Fürst der Gefangenschaft" ein, das aber niemals von ihm ansgearbeitet worden ist. Die späteren dramatischen Schöpfungen Philippsous gehören sämmtlich diesem Kreise an. Nur kurz sei hier das öffentliche Wirken Philippsons geschildert; es ist uns besonders wichtig, ihn dem Leser als Menschen näher zu bringen und als Dichter vorzuführen. Seine beiden Hauptschöpfungen auf dem Gebiete des israelitischen Geisteslebens sind: die ,.Allgemeine Zeitung des Judcnthums" und die Bibelübersetzung. Philippson empfand es mit dem ihm eigenen praktischen Scharfblick sofort nach seinem Amtsantritt als eine dringende Nothwcndigkeit, dem über so viele Länder zerstreuten und durch kein hierarchisches Band znsainmen gehaltenen Israel in einem journalistischen Organ einen Bercinigungspnnkt, ein Mittel zu gegenseitiger Aussprache und Uebercinkunft zu geben. Dasselbe sollte noch dazu dienen, den gottesdienstlichen und geineindlichen Reformen, >vic er sic verstand, allgemeine Verbreitung zu schaffen: nicht Reformen, von unbestimmten, persönlichen Wünschen oder von rationalistischen Erwägungen ausgehend, sondern solchen, die auf der sicheren Grundlage geschichtlicher Ueberlieferung des JudenthumS beruhen und eben nur darauf berechnet sind, dieselbe mit den Anschauungen und Forderungen des Zeitgeistes in Einklang zu setzen. Zu diesem doppelten Zwecke hatte er schon 1834, also im ersten Jahre seiner Amtsthätigkeit, das „Israelitische Predigt- und Schulmagazin," — nebenbei die erste regelmäßig erscheinende jüdische Monatsschrift, — gegründet; sie wurde 1837 durch eine umfassendere Wochenschrift, „die Allgemeine Zeitung des Jndenthnms", ersetzt. Wenn sich die letztere auf ihrem Titel als „Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse in Betreff von Religion, Politik, Litteratur, Geschichte, Sprachkunde und j Belletristik" ankündigtc, so hat sie dieses schöne Programm während ihrer langen Dauer stets inne gehalten. Keine wichtige Frage innerer Organisation oder äußerer Beziehungen, die das Jndcnthum interessirte, ist unbesprochen geblieben; der Literatur und Wissenschaft ist stets die regste Aufmerksamkeit gewidmet worden; fast alle späteren belletristischen Schöpfungen des Redakteurs und seines hochbegabten älteren Bruders haben zuerst in der „Allgemeinen Zeitung" das Licht der Oeffentlichkeit erblickt; Korrespondenzen aus alle» Wcltthcilen vermittelten den Zusammenhang der über die Erde zerstreuten Söhne Israels. Ein Doppeltes hatte der Leiter dieses Blattes mit ihm im Sinne: Veredelung, sittliche und geistige Hebung seiner! Glaubensgenossenschaft, und dann, Einführung derselben in den Kreis der vollberechtigten Staatsbürger. Jede Woche erthcilte Philippson in seinen geistvollen, von echt religiöser Weihe getragenen, klar und überzeugend geschriebenen Leitartikeln Belehrung über die mannigfaltigsten religiösen und gottesdienstlichen Fragen, suchte er den Fanatismus zu bekämpfen, die Lauen auzuspornen und zu erwärmen, die Ausschreitungen zu verhindern, echte Gläubigkeit zu befördern. lFortsetnmg folgt.)

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