Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 alten Geschichte, die ewig neu bleibt. Aber es ist nicht nöthig, daß sie dem Betroffenen immer das Herz entzwei bricht. Kraftvolle Naturen ringen sich los, sie werden Herren ihrer Qualen. Auch hierfür gilt Heines Grundsatz, eine unglückliche Liebe durch eine glückliche zu heilen. Was mochte dem tollen Awrom geschehen sein, als die Frankfurter Judengasse noch nicht abgerissen war?!" Abends, wenn es zu dunkel zum Straßeubetiel war, bot der alte Jude in den israelitischen Restaurants Feuerzeug und Kleinigkeiten zum Verkauf. Ich traf ihn im Römischen Kaiser wieder, wo ich allabendlich mit dem Parnes der * * * -Gemeinde ein Spielchen machte. „Ach der junge Herr, kaufe se mer etwas ab: Streichheizer, Sigaarspitze, Bleistifter, Notesbicher, alles gut, fain und scheu." Jeder kaufte etwas. „Wie alt mag der Awrom wohl sein?" frug ich den Parnes. „Der ist noch nicht so alt, wie er aussieht. Das Elend und der Schmerz haben sein Gesicht so gefurcht und sein Haar gebleicht. Vor zwanzig Jahren war er ein flotter Student und ein Bild von einem Menschen." Ich horchte erstaunt ans. „Awrom hat studirt?" „Jawohl, und wie fleißig tvar er. Sie kennen gewiß sein Sprüchlein. Das hat einen tiefen Sinn. Awrom hatte ein Liebesverhältnis; mit einer wunderbar schönen Christin. Sie hat ihn sitzen lassen, darüber ist er verrückt geworden und muß von der Gemeinde ernährt werden. Armer Teufel, der Awrom." Jetzt verstand ich seinen Augenaufschlag ganz, verstand sein Harren an der Straßenecke. Er wartete auf die Ungetreue mit der Zähigkeit des Wahnsinnigen. Wohlthätig hatte die Natur die Erinnerung an seine Schmerzen getilgt. Er wartete auf sie, nur an die Geliebte dachte er, und es verschwand ihm darüber die Vorstellung von Raum und Zeit. Der Unglückliche, der Bedauernswerthe! Einige Wochen später ging ich die Promenade entlang, da fesselte mich ein seltsames Schauspiel. Awroms Straßenecke passirte eine offene Droschke. Der Alte näherte sich bettelnd. Er schlug bittend die Augen auf zu der Dame in Trauer, die allein im Wagen saß. Auf einmal stieß er einen Wehschrei aus und brach zusammen. Die Dame ließ halten und stieg aus, sie war nicht mehr jung, aber immer noch sehr schön. Ein leidender wehmüthiger Zug verlieh ihrem Gesichte etwas Madonnenhaftes. „Was ist aus Dir geworden, Abraham," sagte sie entsetzt und beugte sich über den Ohnmächtigen. Der Alte schlug langsam die Augen auf und hob mühsam den Kopf empor. „Ich Hab' ans Dich gewart', lang, lang, sehr lang. Jetzt konunste endlich, jetzt bin ich alt." Judde sin Jndde, Gog sin Goy .... Bleib von se!" „Ach armer, armer Abraham, bitter bist Du gerächt. In der Fremde habe ich gelebt, Alle sind mir gestorben, die mir Iheuer waren, ich stehe allein in der Well und nuv das Unglück ist bei mir zu Gast. Ich habe schwer gesündigt an Dir, du Armer, Treuer, vergieb mir, nimm den Fluch von mir, der meine Seele bedrückt. Komme zu mir, ich bin reich an Geld und Liebe, ich will gut machen, was ich an Dir verbrochen habe." „Nein, nein, nein!" schrie der Wahnsinnige, „Nix mit de Goy, es bringt Unglück. Geh' von mer, verdammte Goyn, geh' von mer, ich bring Dich um!" Er schrie so laut, daß die Leute znsammenliefen. „Beruhige Dich doch, Du Armer," redete sie ihm begütigend zu. Er aber schlug und trat nach ihr. „Fort aus meine Auge, du Philisterweib, geh' odder ich bring' Dich um!" Seine Stimme klang heiser, die Stirnader war dick ausgelaufen, ein heftiges Zittern schüttelte den Körper, Affrom tapple mit den schmutzigen Händen in die leere Luft, seine Augei; verdrehten sich, der Athem stockte, dann sank er mit einem Röcheln an den Eckstein, wo er so lange gesessen.Er war erlöst. Im einem abgeschiedenen Winkel des Judenkirchhofs liegt ein reichgeschmücktes Grab. Eine schöne Tuja breitet Schatten darüber, eine Bank steht an der Langseite. Jeden Morgen kommt eine tiefverschleierte blaffe Frau. Der Wächter kennt sie und grüßt sie vertraulich. Jeden Morgen legt sie frische Blumen auf das Grab des tollen Awrom. * Ber heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. «.Fortsetzung.) Drittes Buch. Zwanzigstes Kapitel. Das alte Schloß in Offenbach. Im alten Schlöffe zu Offenbach, das Fürst Wolfgang Ernst von Menburg-Birstein, der über Offenbach und sein Gebiet herrschte, für 30,000 Dukaten dem Baron Frank aus Polen auf fünfundzwanzig Jahre überlassen hatte, herrschte eine lebhafte Thatigkeit.! Die alten Möbel wurden ausgeräumt und nach einem in der Stadt! befindlichen Privathause des Fürsten verbracht. Die Wagen und das sonstige mobile Besitzthum wurden gleichfalls aus dem Schlosse entfernt, und den darob erstaunten Offenbachern verkündete der neugebackene Hofagent Blumenheim aus Frankfurt a. M., der das Geschäft vermittelt halle, daß ein fremder Fürst in das Schloß einziehen werde. Offenbach sei großes Heil widerfahren, denn der fremde Fürst sei kein anderer als der Messias. , Den Offenbachern kam das höchst sonderbar vor, aber in einer , kleinen Stadl sieht man Jeden gern, der Geld verzehrt. Das fürstliche Schloß wurde geschmückt, der Fürst leitete persönlich die Vorbereitungen zu den Empfangsfeierlichkeiten, und man sah, wie es ihm darum zu thun war, daß der hohe Fremde von Offenbach eine möglichst günstige Meinung gewinne. Gerüchte über die Person des fremden Fürsten liefen in der verschiedensten Gestalt um. Nach den einen war er ein vertriebener Polenfürst, nach den ander» stammte er aus der Türkei, wieder andere behaupteten, er sei aus Persien, aber alle waren einig über die ungeheuren Reichthümer, über welche er gebiete. Der Tag des Einzugs kam. Die ganze Bevölkerung war auf den Beinen. Als man in der Ferne auf der Landstraße den Zug des Fürsten herannahen sah, strömte ihm das Volk in dichten j Schaaren entgegen. Die Fremden boten einen prächtigen Anblick. Voran ritt eine; Schaar Reiter auf rothen Rossen. Ihre nach polnischer Art gefertigten Uniformen waren von rothem Sammet und mit Silberstickereien bedeckt. Nach dieser Leibgarde zu Pferd kamen zwölf Pagen, alle in 1 Roth gekleidet. Sie trugen einen Baldachin, unter welchem ein veiß gekleideter, mühsam siel) ausrecht erhaltender, halb blinder Grei