Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 WaS man nicht weiß, das eben brauchte man. Und was man weiß, kann ma>i nicht brauchen, sieht also brauchen das erste Mal richtig, das zweite Mal falsch. Nur im Participinm gebraucht stimmen beide Verba überein, bei allen andern Formen ist ihre stumpfsinnige Vermischung geradezu greulich. Die größere Hälfte. Ein ganz abscheulicher Unsinn ist es, von der größeren Hälfte 311 reden, als ob es auch eine kleinere geben könnte. Die Hälften eines Ganzen sind immer gleich groß, sonst sind es eben keine Hälften. Kein Mensch wird auf die Frage: wieviel ist die Hälfte von acht? zurückfragen: welche Halste? die größere oder die kleinere? Was die Leute in der geradezu grauenvollen Verwilderung ihres Sprachgefühls „größere Hälfte" nenne», heißt einzig richtig der größere Theil. Die Folge des greulichen Unsinns ist, daß, wer recht genau sein will, von gleichen Hälften redet. Hört man gar, daß ein Apfel in zwei gleiche Hälften getheilt werde» soll, so möchte sich einem fast der Magen umkehren. Tic kleine, -aus Vollständigkeit verzichtende Umschau unter Herrn Tr. Wustmaiins eigenen Sprachdummheiten lehrt wenigstens eines: es wird ilicht blos in der Berliner und Wiener Presse gesündigt — in Sachsen ist's ebenso. Nur müssen die von Wustmami so heftig angegriffenen Zeitungsschreiber beständig in fieberhafter Eile arbeiten, während Wustmann nicht eher hätte ruhen sollen, „als bis er für seine Gedanken den zutreffendsten, knappsten, saubersten Ausdruck gefunden" hatte, ganz besonders, da er seine „Sprachdummhciten", die zuerst in den Greuzbvten erschienen, nun schon zum zweiten Mal in die Welt hinausschickt, also Zeit gehabt Hütte, init seinem Sprachv c r st a n d c da nachznhelfcn, wo ihn sein Sprach g e f ü h l im Stich gelassen hatte. Tie deutschen Inden sind an dem Elend unserer „Papiersprache" gerade so schuldig und unschuldig, wie die anderen Deutschen auch, weil sie eben den deutschen Charakter m i t seinen Schwächen angenommen haben. Tenn in diesem unsere»: Natioualcharakter liegt der wahre Grund dafür, das; die Verderbnis; unserer Muttersprache wieder einen so bcsorguistcrrcgenden Grad erreichen konnte. Wieder — denn die Klage ertönt nicht zum ersten Male. Wir haben vorhin gelegentlich gesehen, das; sich schon L e i b n i z der Verbesserung der deutschen Sprache in einer besonderen Schrift angenommen hat. Demselben Zwecke diente seine „Ermahnung an die Deutsche, ihren verstand und spräche bester zu üben, samint behgesügten verschlag einer Deutsch gcsinten Gesellschafft." ') In dieser durch die Wärme ihres Vaterlandsgefühls wie durch die Größe der Auffassung gleich erquickenden Abhandlung heißt es z. B.: „Ich must bekennen, cs sey leider dahin kommen, daß man vielleicht, weit Deutschland stehet, nie darinn unteutscher und ungereimter geredet. Ich ruffe zu zeugen an, was rurs die halbjährige Meßen herfür bringen; darin ist offt alles auf eine so erbärmliche weise durch einander geworfse», daß manche sogar nicht eimnahl zu crwegen scheinen, was sie schreiben." Und wenn er sagt: „Es haben die preiswürdigen Personen, so sich unser spräche angenommen, viele Jahre mit der Deutschen Nachlüstigkeit und selbstverachtung gestritten, aber nicht gesicget" — so trifft er zugleich die wahren Gründe des Hebels: Selbstverachtung — die Quelle unserer leidigen Ausländerei und des Prunkens mit Fremdwörtern; und Nachlässigkeit — die Geringschätzung der Form, die im Stil wie in anderen Dinge» stets unser Nationalfehler war. Das galt vor zweihundert Jahren. Ein Jahrhundert später war die deutsche Sprache voll und herrlich erblüht und zeitigte die st Werke, herausg. v. O. Klopp, Reihe 1, Bd. <>. Hannover 1872 lS. 187). edlen Früchte unserer klassischen Literatur. Aber nicht lange darauf zu einer Zeit, wo Goethe noch lebte, beginnt bereits wieder der Verfall unserer Sprache. Der Herarisgebcr jener zuerst angeführten Leibnizfchen Schrift klagt (1830) im Vorwort: „Was haben alle die Bemühungen wackrer Männer für die Reinheit der deutschen Sprache geholfen? Schriftsteller und Behörden und leider die Eintagsfliegen, Journale genannt, verderben und verunreinigen nach wie vor unsre Sprache." Und ein anderer — der Jude Ludwig Börne — fragt *): „Woher kommt cs, daß so viele deutsche Schriftsteller so sehr schlecht schreiben? Vielleicht kommt es daher, weil sie sich keine Mühe geben, und sie geben sich keine Mühe, weil sie als Deutsche treu und ehrlich sich mehr an die Sache und die Wahrheit haltend, es für eine Art Koketterie ansehen, den Ausdruck schöner zu machen, als der Gedanke ist." Also im siebzehnten Jahrhundert und am Anfänge des neunzehnten dasselbe Lied wie heute. Nur daß man es damals noch nicht nach der neumodijcheii Antisemiten-Wcis' pfiff; es wäre ja auch gar zu abgeschmackt gewesen. Aber ebensowenig soll man die Inden für den heutigen Zustand verantwortlich machen. Qtto Gildemeister hat ein hübsches Wort darüber gefunden; er ist der Ansicht, „das; wenige Juden gut, die meisten schlecht schreiben, und das; es bei den Christen sich ebenso verhalt." st Börne so gut wie Leibniz, beide suche» die Ursache der' Sprachverwilderung richtig in unserem ureigenen deutschen Wesen. Wir haben die Fehler unserer Vorzüge. Die Fähigkeit, sich anzupassen und anderen nachzuahmen, erzeugt die Neigung dazu. Sv ist mit dem immer mehr nmsichgreifenden Einfluß der Tagespresse auch die aus unser Sprachgefühl eindringende Gefahr mächtig getvachsen. Wir müssen mit aller Macht unsere Widerstandskraft zu stärken suchen. Mit Recht führt Wustmann aus, daß die Schule die Stelle sei, wo dies am nachdrücklichsten geschehen könne und müsse. Und allein Anschein nach naht jetzt das Zeitalter, wo die Beschäftigung mit der Muttersprache den Mittelpunkt des Unterrichtes bilden wird. Wir aber, die wir der Schule cnttvachsen sind, bedürfen vielleicht eines etwas unsanften Arms, der unser narkotisirtes Sprachgefühl wach rüttelt. Und darum wollen wir trotz allem ruhig zum „Wustmann" greifen. Kain cs auch hier darauf an, zu zeigen, wo er im llnrccht ist, so können wir doch im übrigen sehr vnl von ihm lernen. Und das Gute soll man ja nehmen, wo man es findet. Ludwig Mhilippson. Eine biographische Skizze von Professor Dr. Marti» Philippson. II. Es war ein harter Kampf, der nunmehr in der Brust des jungen Mannes entbrannte. Schwer genug fiel es ihm, den ihm so theureu philologisch-philosophischen Studien, den schöngeistigen Bestrebllngen, der Richtung auf das Allgemeine zu entsagen. Ans der anderen Seite bewegten ihn die treue Begeisterung für seine Religion lind seine Glalibensgenossen, die Aussicht, seine greise Mutter und seinen jüngeren Bruder zu unterstützen, die Hoffnung, die heimlich Geliebte dauernd an sich fesseln zu dürfen. Nach so nöthevoller Jugend war es ihnl gewiß run so verführerischer, sich auf immer im sichern Hafen einer festen Anstellung bergen zu können. Dies Alles entschied ihn endlich, eine unsichere Zukunft aufzngeben und der augenblicklichen st In ven Bemerkungen über Sprache und Stil. st S. die sehr lesenswerthe Besprechung des Wustinann'schen Buches in der „Nation" vom 14. und 21. Nov. 1891.