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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 Jubelpaar in Gestalt von Bechern, Tafelaufsätzen u. dgl. als Geschenk erwartet? Oder wollen wir in Zukunft auch vom Gold- Zeitalter reden?" Der Gedanke an Silbergeschenke liegt mm wohl nicht so nahe, wie Wustmann meint. Eher könnte die Vorstellung des Silbers als Material stören. Aber wenn Silberhochzeit an Silberlöfsel erinnert, warum nicht auch silberne Hochzeit an silberne Löffel? Allerdings wird das Adjektiv auch sonst gleichnißweise gebraucht. Aber eben nicht ausschließlich das Adjektiv. Reden wir nicht auch von Silberhaar, von einem Goldjungen in übertragener Bedeutung? Vielleicht liegt das Entscheidende darin, daß bei silberner Hochzeit der Ton auf Hochzeit, bei Silberhochzeit auf Silber fällt. Ein feineres Gefühl verlangt aber, daß der Begriff der Hochzeit im Vordergründe bleibe und nicht hinter deni Metalle zurücktrete. Bei Silberhaar dagegen wird der an sich nicht poetische Begriff des Haars durch das Beiwort gehoben; darum ist es gut, daß der Ton auf diesem liegt. Jedenfalls ist bei so subtilen Dingen scheltendes Absprechen nicht am Platze. Noch ein Wort über den Vorwurf, die Wendung erklären als (statt für) etwas sei jüdisch. Mir fielen, als ich das las, folgende Verse ein: Aus kaiserlicher Macht und nach dem Schluß Der Fürsten steh' ich und erkläre dich. Vormals der Schwaben Herzog, Ernst den Zweiten, Als Feind des Reichs, als offenbaren Aechter. Daß Uhl and, der Dichter dieser Zeilen, Judendeutsch geschrieben habe, ist ein Vorwurf, dem mindestens der Reiz der Neuheit nicht fehlt. In Sanders' Wörterbuch findet man übrigens Beispiele dafür, daß auch Lessing, Goethe, Gervinus zuweilen erklären mit a l s verbinden. Nun sagt Wustmann zwar richtig: ein Fehler bleibt ein Fehler, mag ihn geschrieben haben, wer da will. Aber bei Verstößen (w e n n es welche sind), die auch unfern ersten Dichtern begegnen, darf ein armer Jude, dem die Natur das Sprachgefühl so grausam versagt hat, wohl wenigstens um Bewilligung mildernder Umstände bitten. Wustmann vergleicht einmal die heutige Zeitungssprache, die alle denkbaren Sprachschnitzer auf engstem Raum bereinigt zeige, mit jener Abbildung des kranken Pferdes, au dem alle möglichen Kraukheiteir und Gebrechen gleichzeitig zu sehen waren. Aehnlich hat er sich zu seinem Handgebrauch einen Musterjudeu konstruirt, der an hereditärer Sprachgefühllosigkeit leidet, und dem Alles anfgepackt wird, was Wustmaun an Sprachfehlern jüdisch vorkommt. Wie fragwürdig die Berechtigung dazu ist, haben wir gesehen. Doch, wir wollen einmal annehmen, jene Sprachsünden seien wirklich jüdischen Ursprungs. So viel ihrer sind, sie bilden doch nur einen kleinen Theil der zahllosen Sprachdummheiten, mit denen sich Wustmann in seinem Buche hcrumschlägt. Wer hat nun die übrigen auf dem Gewissen? Doch wohl die andern Deutschen? Sollten denn sie allein das Recht haben, fehlerhaft zu schreiben? Jetzt liegen jedenfalls die Dinge so, daß die gesauunte Schriftsprache bereits von der Zeitnugssprache angesteckt ist, wie Wustmaun richtig ausführt. Aber das ist doch nicht erst seit gestern und vorgestern so. Und wo lernt denn nun der Jude von heute sein Deiltsch? Wird er nicht eben so gut von der schon verseuchten Litteratrir, die er vorfiudet, angesteckt, wie diese angeblich von ihm? „Einem dcirkenden Menschen kann freilich arrch die schlechteste Sprache nichts anhaben" — so lesen wir S. 20. „Wer wirklich denkt, der ruht nicht eher, als bis er für seine Gedanken den zutreffendsten, knappsten, saubersten Ausdruck gefunden hat. Aber wie viele denken denn? . . . Die Zeitnugssprache hat es allen angetha»." Wahr, sehr wahr! Da ist z. B. ein Schriftsteller, der sicherlich zu den denkenden gerechnet werden muß. Mindestens denkt er, daß er ein unfehlbares Gefühl für die Richtigkeit und Schönheit der Sprache besitze. Er heißt Gustav W u st m a lt n und ist Stadtbibliothekar und Direktor des Rathsarchivs in Leipzig, sowie Verfasser des Buches „Allerhand Sprachdummheiten". Uni dies Buch schreiben zu können, mußte er in die tiefsten Tiefen des Judendeutschs der Berliner und Wiener Tagespresse hinabtauchen; und als er wieder hervorkam, da war selbst er der Ansteckung erlegen. Wie könnte man es sich sonst erklären, daß er, der so heftig gegen Provinzialisinen eifert, gut sächsisch d i e M i t t w o ch schreibt (S.270), oder Wörter gebraucht, wie H o t t i g *) (S. 119)? Da finden wir (S. 8) g e d a ch t e l t für geohrfeigt (richtiger wäre g e t a ch t e l t, aber das Gefühl für hartes und weiches d soll in Leipzig und Umgegend manchmal schwach sein), wir lesen (S. 100) schludrig, (S. 225) H i n undh e r g e s ch upp tw e r d e n, (S. 247) s ch 0 u derb n r. Soll das etwa Humor vorstellen, so ist es jedenfalls eine eigene Sorte davon. Noch bedenklicher sind die „groben logischen Verstöße", denen man bei Wustmann begegnet. So schreibt er S. 20: „Wie ist es nur möglich? fragt man sich manchmal bei einer neuerschienenen Schrift eines Sechzig- oder Siebzigjährigen, so hättest du doch früher nicht geschrieben! Wie kommst du nur dazu?" u. s. w. Wen fragt denn nun Wustmaun eigentlich? Sich oder den Verfasser der neuen Schrift? S. 10 spricht er davon, wie eine Schule ein altes bescheidenes Haus verläßt, „worin sie jahrhundertelang zugebracht hat." Welche „traurige Verrohung des Sprachgefühls!" Man kann jahrelang irgendwo wohnen, aber dort zubringen kann man nur Jahre. Es ist „geradezu beschämend", Herr Doktor, daß Sie das nicht fühlen! Auch die Wendung: es geschieht massenhaft ist nicht zulässig. Massenhaft ist überhaupt kein schönes Wort, aber allenfalls kann etwas massenhaft Vorkommen; so lange aber massenhaft nicht zur Zeitbestimmung geworden ist (wie das verwandte häufig), muß man sich schon anderweitig behelfe». Indessen, ich thue der Zeitungssprache Unrecht, wenn ich diese Fehler ihr zur Last lege. Sic entstammen mehr der persönlichen Nachlässigkeit des Verfassers („Schludrigkeit" würde er es nennen), und er mag sie in der Stille verbessern. Einige andere Sprachdnmmheitcn aber, die er begeht, sind Gemeingut des schlechten Stils, und Wnstmanu sollte sie in einer zweiten Auflage seines Buches nicht übergehen. Ich will ihm die Artikel gleich fix und fertig liefern, im reinsten Wusti»a»»-Stil, er braucht sie nur einfach abzudrucken, Natürlich muß er vorher die Stelle seines Buches verbessern, wo er sagt, „was die Mehrzahl b r a u ch c, inüsse stets als der bessere Sprachgebrauch betrachtet werden" (S. 28), aber eigeiltlich meint: „was die Mehrzahl g e brauche" — und auch die andere Stelle (S. 9), wo er von der größeren Hälfte aller Deutschen spricht. Dann aber kann er sich über diese Fehler folgendermaßen fröhlich entrüsten: Branche» und gebrauchen. Ein geradezu beschämender Unfug ist die immer mehr einreißende Verwirrung zwischen brauchen und gebrauchen. Es ist ein trauriges Zeichen der kläglichen Abstmupfnng unseres Sprachgefühls, daß man erst auseinandersetzen muß, brauchen bedeute uöthig haben, gebrauchen aber anwenden. Was ich brauche, muß ich mir erst verschaffen, was ich gebrauche, habe ich bereits. In der Stelle im „Faust": *) Grimms Wörterbuch kennt nur Hotticht—lumpiges Gesindel und ein sinnverwandtes niederhessisches Wort Huttich. Fein sind beide nicht.

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