Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 erhält Jakob zu wenig. Eine böse Sache, die für den besten Vater, welcher Jsnk ohne Frage ist, eine tragische Wendung nehmen kann. Wenn wir erst einmal diesen Gesichtspunkt eingenommen haben, rückt das Interesse an Jsak in den Nordergrund. Er erscheint nicht mehr als der hilflose Greis und bietet nicht das unerquickliche Schauspiel, durch einen Mummenschanz hinter's Licht geführt zu werden, sondern wir sehen den verblendeten Vater vor uns, der seinen Söhnen ihre Lose zumißt, und sind begierig zu sehen, welches Los er sich selber dadurch bereitet. Hierbei tritt natürlich auch die lang und breit erzählte Täuschung in eine andere Beleuchtung, das Widrige des Vorgangs tritt zurück hinter die Erwägung, daß dadurch der Knoten geschürzt wird. Unwillkürlich erinnert man sich dabei des Hamlet'schen: „Das Schauspiel sei die Schlinge, in die den König sein Gewissen bringe." Die dem Jsak bereitete Täuschung leistet denselben Dienst. Jsak meint Esan zu segnen und segnet thatsüchlich Jakob. Man beachte die Fassung des Segens: „Gott gebe dir von dem Thau des Himmels und das Fette der Erde." So lautet der Esau zugedachtc, aber Jakob zugefallene Segen. Bei der nachherigen Segnung Esaus braucht Jsak dieselbe» Worte, aber er kehrt sie um: „Das Fette der Erde sei dein Wohnsitz und von dem Thau des Hiunnels von oben." Von einem Zufall in der Wahl der Worte und der Wortfolge kann hier wohl keine Rede sein. Wir werden die hier zu Grunde liegende Absicht sofort erkennen, wenn wir die beiden Begriffe in weiterem Sinne als den Gegensatz von Irdischem und Göttlichem verstehen. Der Himmclsthau bezeichnet an zahlreichen Stellen der Bibel (5. B. M. 32, Hosen 14, 6 itnb sonst) das Wort Gottes und diesen selbst. Die Kirche hat dieses Bild sich zu Nutzen gemacht und in der jetzt in der Adventszeit zum Vortrage gelangenden, nach Jesaia 45, 8 benannten Rorate - Messe, welche eigentlich unser ins Christliche übersetztes „W’sen tal umatar“ ist, auf! Jesus bezogen. Jsak hat also Jakob (mau verstehe Israel) das! Göttliche und Esau (man verstehe Nichtisrael) das Irdische Vorzugs-; iveise zugewiesen, und insofern hat Gott seinen Segen ratifizirt.! War das aber Jsaks Absicht? Hat er nicht Esau für das Göttliche! ausersehcn, der dochs.dafür so wenig sich eignete? Der Leser, oder! denken wir uns den Vorgang dramatisch, der Zuschauer, der Alles weiß, der die Charaktereigenschaften der beiden Söhne kennt und nicht verblendet ist, wie Jsak, wird in banger Erwartung den Augenblick nahen sehen, in welchem Jsak über seinen Jrrthum aufgeklärt wird. Es ist eine Peripetie höherer Art, deren Zeuge er! sein wird, und sie tritt ein, sobald nach dem Weggehen Jakobs Esau erscheint. Diese Anagnorisis schildert die Bibel mit markigen Worten. Im, Hebräischen läßt uns die zweimalige Wiederkehr der Buchstaben etirck, von welchen die beiden letzteren onomatopoetisch im dröhnenden Erdbeben sich wiederfinden, die heftige Erschütterung Jsaks verspüren, die im Deutschen verblaßt mit den Worten bezeichnet wird: „Und Jsak erschrak einen überaus großen Schrecken." Der bezeichnend starke Ausdruck, der, schon von den Alten für schwierig befunden wurde, kann durch die bloße Erkenntniß der Irreführung an sich nicht hinreichend erklärt werden, denn der sie an dem Vater beging, war ja auch sein Sohn, der Segen blieb jedenfalls in der Familie. Aber er erklärt sich leicht, wenn inan sich vorstellt, daß Jsak nun die Augen ausgehen über das, was er thun gewollt hatte, lind was eine höhere Fügung "— gegen seinen Willen — ihn thun ließ. Der durch Vorliebe verblendete Vater, der die Wege der Vorsehung durchkreuzen ivill, muß unwillkürlich in ihre Bahnen einlenken, er muß die Zukunft seiner Söhne, die er nach seiner bestochenen Meinung ordnen und Voraussagen zu können vermeinte, wider seinen Willen so bestimmen, wie sie dem Willen Gottes, aber auch den persönlichen Anlagen und Charaktereigenschaften dieser Söhne selbst entspricht. Hier gelangen wir nun zu dem oben berührten Punkte, wo die Handlungsweise Jsaks, abgesehen davon, daß sie als ein Eingriff in die göttliche Waltnng erscheint, zugleich von einer anderen Seite sich darstellt, nämlich als einen väterlichen Uebergriff in die Rechte des Sohnes. Sehr fein betont die Schrift im Eingänge der Erzählung: „Jsak rief Esan, seinen älteren Sohn", womit sie andeutet, daß Jsak mit Bezug auf das Alter Esan's dcmselben auch das formelle Recht auf den väterlichen Segen zuerkannte. Giebt es aber nicht ein höheres Recht, auf welches ein Vater Riicksicht zu nehmen hat, nämlich das in der persönlichen Eignung und inneren Berufung eines Kindes begründete? Darüber ist Jsak in seiner Verblendung hinweggegangen. Muß Jakob darunter leiben4 Darf er das Recht, das ihm nicht der Kauf der Erstgeburt (es ist geschmacklos, denselben hier geltend zu machen, lind die Bibel thut es ailch nicht), sondern das Bewußtsein seines inneren Berufes auf den väterlichen Segen zuspricht, denr Rechte des Vaters entgegenstellen, und darf er diesen in den Arm fallen, ohne befürchten zn müssen, daß er die dem Vater schuldige Ehrfurcht verletze? Hieriilit ist die Kluft aufgezeigt, welche zwischen Eltern und Kinder eintrcten kann, wenn die ersteren ihr Recht einseitig betonen, ohne ans das Recht der Kinder, ihre Neigungen, Anlagen und Charaktereigenschaften Rücksicht zu nehmen. Die Schrift fällt über dieses Rechtsverhältnis; kein Urtheil, sondern überläßt es dem Lehrer, aber indem sic die durch Jakob au Jsak begangene Täuschung (eine im Einverständniß mit der Mutter begangene Täuschung) erzählt, regt sie den Gedanken an, daß hier etwas Anderes vorgehe, als ein niedriger, listiger Anschlag, daß es sich vielmehr um eineil Kampf eines Rechts handele, hinsichtlich dessen schwer zu sagen ist, ob derjenige schuldiger ist, der sich seines Rechtes wahrt, oder derjenige, der ihli dazll herausgefordert hat. Soviel ist gelviß, daß Rebekka mit Absicht in die Sache verflochten wird imb bis zu dem Wagiliß sich versteigert, zli Jakob zu sagen: „klebcr mich koinme der (von dir befürchtete) Vaterfluch." DaS Alige der Mutter blickt schärfer und sic weiß als häusliche Vorsehung zuvor, daß auch dem verblendeten Vater im rechten Aligenblick die Augeil aufgehen werden über de» Abgrund, in den er durch ein selbstbereitetes Verhängnis; zu stürzen droht. Dieses Verhängnis; ist also ein zwiefaches. Jsak erhebt sich in seiner Verblendung einerseits gegen das göttliche Recht der Bcstiminung der Menschengeschickc, wie andererseits gegen das menschliche Recht der Selbstbestimmung des Sohnes. Das Erstere filldct sein Seitenstück in der Hybris bei den Helden der antiken Tragödie, das Letztere findet in der Antike nicht seines Gleichen. In unserer Erzählung ist gleichsam die Vorschule für das fünfte Gebot und die Grenzen desselbeil enthalten. Sie bildet den geschichtlichen Untergrund für die Thora, d. h. nicht für das „Gesetz", sondern für die „Lehre", und wer die feinen Stinimen gerade lmserer Erzählung abhorcht, wird diesen Unterschied begreifen und berechtigt finden. Im Grunde aber erhebt sich das zwiefache tragische Verhängnis; Jsaks zur Einheit, da, wie der Ausgang zeigt, das göttliche Recht mit den; menschlichen znsanlinenfällt und jenes für dieses eintritt. Von diesem Allsgang läßt sich mm das Ganze erst vollkommen überblicken und verstehen. Jsak ist ein Vater, der in seiner Verblendung sich selbst betrügt (diese Tragik, welche zum Theil au König Lear erinnert, bildet den Kern nnb macht ihn zum Mittelpunkt der Erzählung), und es ist eine feine Ironie der Bibel, daß sie den Selbstbetrug des Vaters durch den Betrug des Sohnes wettmacht. Dadurch muß Jsak zur Erkelintniß konnneii, daß er sich gleichsain in der eigenen Schlinge gefangen, und diese Erkenntniß bildet denn auch den versöhnenden Abschluß. Jsak geht in dem Konflikte, in