Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Deutschlands und Oesterreichs die Lektüre jüdischer Blätter ebenso einzubürgern, wie dies bereits jetzt in Amerika und in England der Fall ist. Das Namensverzeichnis; der Aktionäre sannnt der Anzahl der genommenen Aktien wird hinter einem Goldrahmen an einer Ehrenstelle in der Synagoge für ewige Zeiten verwahrt werden. Dies in größter Kürze die Umrisse meines Planes, den ich hiemit fachkundigen Männern zur Erörterung anheimgebe. d Der Segen Jsaks. (1. B. M. Kap. 27). Von Dr. M. Güdemann in Wien. Wenn man in der Bibel die Erzählung von dem Segen Jsaks liest, so gelvinnt man zunächst den Eindruck, als ob in derselben Jakob und Estin so zu sage» die Träger der Hauptrollen sind, während Jsak in den Hintergrund tritt, abgesehen von seiner Segensspendnng, sich passiv verhält. In der Thal sind die späteren Schicksale i Jakobs mit dem Konflikt, in welchen er durch die Erschleichung des; Esau zugedachten Segens mit diesem geräth, wie Wirkung und Ursache verknüpft, und insofern hat die erwähnte Auffassung, welche; auch die gewöhnliche ist, ihre Berechtigung. Diese ist aber nur eine I theilweise. Wenn die Bibel blos den Bruderzwist um den väterlichen! Segen zum Berstündniß für die daraus sich ergebenden weiteren! Ereignisse hätte mittheilen wollen, so Hütte eine einfache, kurze An- | gäbe der Thatsache, daß Jakob seinen Bruder um den ihm zugedachten ' Segen gebracht habe, genügt, wie sie dcirn auch den Verkauf der! Erstgeburt, der zu der Feindschaft unter den Brüdern den nächsten \ Anlaß bot, in Kürze berichtet. Dagegen scheint die Geschichte von dem Segen für dcir alleinigen Zweck, zur Erklärung des Folgenden zu dienen, zu breit ausgeführt, und hintcrläßt bei dem Lesen den Eindruck bloßer Redseligkeit des Erzählers. Nicht genug damit. Es kann nicht verkannt werden, daß die Bibel im Allgemeinen darauf ausgeht, die ehrwiirdigen Gestalten der israelitischen Vorzeit in einer ihrem Ansehen und ihrer Bedeutung entsprechenden Weise, allerdings inner-! halb der Grenzen der Wahrheit, darzustellen. Dieser Absicht aber j handelt sie in der vorliegende» Erzählung — bei der herkömmlichen! Auffassung derselben — gerade entgegen. Der alte, blinde Vater, von dem Sohne auf Anstiftcn der Mutter irre geführt, denselben aussorschend und betastend, um sich über seine Person zu vergewissern, — welch' einen peinlichen Eindruck' macht er in seiner Hilflosigkeit, um nicht zu sagen Unbeholfenheit, aus den Leser! War es nöthig, dieses Bild, bis ins Kleinste ausgemalt, vorzuführcn? Horaz warnt den Dramatiker, Dinge, die besser hinter der Szene bleiben, auf die Bühne zu bringe», und ermahnt ihn, Vieles dem Zuschauer aus den Augen zu schaffen, ivas füglich der Erzählung anheimzugeben ist. Diese Regel gilt in entsprechender Anpassung auch für den Erzähler. Die Darstellungsknnst der Bibel hat ihres Gleichen nicht. Es würde ihre Wahrhaftigkeit nicht beeinträchtigt haben, wenn sie die Irreführung Jsaks weniger ausführlich behandelt und mit der kurzen Angabe der Thatsache sich begnügt hätte. Wir wären auch dann über das Verschulden Jakobs und über die Ursache seiner späteren Lebensschicksale hinlänglich unterrichtet, ohne Jsak ein ganzes Kapitel hindurch leiden sehen zu iniissen, was weder nach der moralischen, noch nach der ästhetischen Seite hin der sonstigen Darstellungsknnst der Bibel entspricht. Wenn sie trotzdem Jsak und uns diese ausführliche Schilderung nicht erspart hat, so erheischt dieselbe wohl eine andere und angemessenere Auffassung als die bisherige, welche wir denn im Folgenden darzulegen versuchen wollen. Die Erzählung beginnt mit den Worten: „Jsak war alt geworden und seine Angen waren schwach zu sehen." Diese Worte scheinen nur den Inhalt der nun folgenden Erzählung, oder dramatisch gesprochen, Titel und Exposition des Schauspiels, dem wir beiwohnen sollen, anzugebe». Man pflegt Schauspiele nicht nach Nebenrollen, sondern nach dem Helden zu bezeichnen. Demgemäß dürfen wir in Jsak den Helden des Dramas — denn ein solches haben wir vor uns — vermuthen, und er ist es in der That. Nur dürfen wir seine Blindheit nicht blos als eine physische betrachten. In diesem Sinne faßt schon der Midrasch Jsaks Blindheit auf, indem er dieselbe auf „Bestechung", welche nach 2. B. M. 23, 8 „die Augen der Hellsehenden blendet", zurückführt. Jsak tritt also auf als ein durch Vorliebe für Esau bestochener verblendeter Vater. Er ist überdies bereits „alt geworden". Man verstehe darunter nur nicht, daß er gebrechlich geworden. Dagegen spricht schon sein gesunder Appetit, der ihn bestimmt, erst zu essen und zri trinken, bevor er den zugesagten Segen ertheilt. Aber Jsak ist in anderer Hinsicht alt geworden. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften des Alters ist die Unbeugsamkeit des Sinnes, der Starrsinn, welcher in unserem Falle nur um so mehr verhindert, daß dem verblendeten Vater die Augen aufgehen. Andererseits besitzt das Alter, als das von reicher Lebenserfahrung gesättigte, die Fähigkeit der Voraussicht, die Gabe, in die Zukunft zu blicken, vorausgesetzt, das; es nicht verblendet und nicht starrsinnig ist. Nimmt man alle diese Züge zusammen, welche die Bibel an Jsak mehr andeutct, als aufzeigt, so begreift man, daß in seiner Persönlichkeit und Handlungsweise eine Reihe von Kontrasten und die Möglichkeit des tragischen Konflikts gegeben ist, der in dem, was nun folgt, in erschütternder Weise sich vollzieht. Jsak will seinem „Lieblingssohne" Esau den väterlichen Segen uwenden. Was ist ein menschlicher Segen? Er kann sich als Wunsch geben oder als Prophezeiung?) Die letztere, als göttliche Eingebung, ist natürlich dors concurs und discours. Im ersteren Falle ist er eine sehr zweifelhafte Gabe. In unseren Gebeten bitten wir Gott, daß er unsere Wünsche „zu Gutem" erfülle. Denn wir wissen selbst nicht, ob unsere Wünsche solche sind, daß deren Erfüllung uns zu Gutem gereiche. Dazu ist Voraussicht nothwendig, an der es uns gebricht. Bei Wünschen aber, die wir für Andere hegen und aussprechcn, hängt die Zwckinüßigkeit derselben nicht blos von der Voraussicht ab, sondern von der Kenntniß der Anlagen, der Neigungen, der Sinnesart, kurzum den Charaktereigenschaften desjenigen, welchem unsere Wünsche gelten. Jene — die Voraussicht — steht nicht immer in unserer Macht, um so mehr ist diese — die genaue Kenntniß der mit unseren Wünschen Bedachten — nothwendig. Sie darf nicht durch Vorliebe, durch Verblendung oder durch Voreingenommenheit getrübt sein. Ist dies dennoch der Fall, so gestaltet sich der Wunsch oder Segen zu einem bedenklichen Unterfangen, und zwar mn so mehr, je bestimmter er sich in die Form der Prophezeiung kleidet. Er wird zur Vermessenheit, welche die Zukunft bestimmen will, und dadurch in das Walten Gottes eingreift. Er wird, auf das Verhältnis; der Eltern zu ihren Kindern angewendet, unter den Umständen zur Versündigung an der freien Persönlichkeit und dem Rechte der letzteren. War Jsak von diesen Erwägungen erfüllt, als er daran ging, Esau seinen Segen zuzuwenden und ihn Jakob zu entziehen? Die Bibel deutet in den Einleitungsworten der Erzählung das Gegentheil an. Jsak ist verblendet, er theilt seine väterliche Liebe nicht gleichmäßig unter seinen Kindern, sondern was davon zu viel für Esau abfällt, st Vgl. die Ausführungen Jbn Esra's zur Stelle.