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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 üuS Aegypten folgte die mosaische Gesetzgebung, auf das babylonische Exil das Reich des zweiten Tempels, auf die spanischen Verfolgungen die Blüthe in Holland ». s. w. u. s. w. So werden auch die russischen Verfolgungen eine neue Aera geistiger Bliithe des Judenthnms einleitm. Denn das Jndenthmn ist eine geistige Macht. Nicht wie nnsere Gegner — und nicht diese allein — glauben, in den Geldsäcken liegt seine Stärke; nein der vertriebene und verstoßene Jude, der sich kümmerlich von Land zu Land schleppt und sein tägliches Brod erbettelt, er ist der Träger jener Kultur, deren Grundgedanken vom Sinai bis heute sich wie ein rother Faden durch die Weltgeschichte ziehen und die nicht aufhören wird, fortzuschreiten, bis ihre letzten prophetischen Ideale in der Menschheit Erfüllung finden. U Eine russisch-jüdische Anleihe. Von I. Singer in Paris. Man zerbricht sich in allen jüdischen Lagern seit mehr als einem Jahre den Kopf darüber, wie man die zur regelmäßigen Bewerkstellignng des russischen Exodus nothwendigen Geldmittel beschaffen könnte. Man hat sich allmälig überzeugt, daß man für eine bestimmte Anzahl von Jahren eines fixen Riesenfonds bedürfe, um nicht immer wieder sich mit Aufrufen an die Opferwilligkeit der Glanbensgenossen wenden zu müssen. Nach meiner Ansicht existirt nur ein sicheres Mittel, um zu diesem großen Ziele zu gelangen: Die Emission einer zinsenlosen Anleihe von einer Milliarde Mark im Schooße der Judenheit für einen Zeitraum von zehn Jahren. Eine solche sofort näher zu begründende Operation ergäbe eine jährliche Rente von etwa dreißig Millionen Mark, und mit einem solchen Kapital wäre cs dem internationalen Hilfsccntralkomite leicht möglich, das Riesenwerk glücklich zu Ende zu führen. Die jüdischen Finanzbarone haben bis jetzt nicht jüdische Riesenanleihe» in Szene gesetzt; mögen sie einmal auch ihr Finanzgenie zu Gunsten ihrer armen russischen Glaubensgenossen leuchten lassen. Die Sache ist übrigens viel einfacher, als man ans den ersten Augenblick glauben könnte. Man emittire Aktien zu 100 M., damit selbst der in den bescheidensten Verhältnissen lebende Jude, so weit es an ihn, liegt, an dem großen Hilfswerke Theil nehmen könne. Schlägt man nun zehn majorenne Mitglieder des Hauses Rothschild, den Baron Königswarter, die beiden Gnttmann in Wien, Baron Popper, Baron Springer, Sasson, Sir Julian Goldsmid, Bleichröder, Poljakoiv, Ephrussi, Bischofsheiin, S. H. Goldschmid, Dreyfonß, Furtado-Heine, Lazard rc., kurz vierzig über zehn Millionen Mark besitzende Juden mit je zehntausend Aktien an, so erhalten lvir sofort 400,000 Aktie» ä 100 M. 40,000,000 M. als ersten Stock der Anleihe. Fügen wir dieser haute aristocratie de la linance 500 bescheidenere Millionäre mit je 1000 Aktien, und 1000 die Millionen streifende Männer mit je 500 Aktien hinzu, so erhalten wir eine weitere Million Aktien a 100 Bk., d. i. hundert Millionen Bkark. Sämmtliche Gemeinden des Erdenrunds hätten ferner den zehnten Theil ihres Kapitals in russischen Aktien nnzulegen und dasselbe Hütten endlich alle Inden im Einzelnen zu thun. Durch die Entrichtung dieses Riesen-^ptz könnte man innerhalb zweier Monate eine Milliarde Mark Anlagekapital aufbringen. Dieses letztere würde natürlich einem aus den ersten Finanzgroßen zu bildenden Verwaltnngsrathe übergeben, der die Garantie für das Olesamnitkapital zu übernehme» hätte. Aach zehn Jahren würde das Kapital den Aktionären zurückerstattet werden; es handelt sich also hier blos um die zehnjährige Verzichtleistung auf die Zinsen ungefähr des zehnten Theiles unseres Kapitales. Nun, daß wir Juden in Anbetracht des unermeßlichen Unglückes, das Millionen unserer Glaubensgenossen getroffen hat, ein solches Opfer zu bringen nicht das Herz Hütten, erscheint mir in der That mehr als unwahrscheinlich. Die Verweigerung dieses verhältnißmüßig geringen Opfers wäre aber auch unsererseits politisch unklug, da nur durch mehrere Jahre die russische Judenfrage wie ein Damoklesschwert über nnsern Häuptern hängen hätten. Jnsolange nämlich nicht dafür gesorgt ist, daß sämmtliche russische Juden ihre Heimath verlassen und anderswo eine gastfreundliche Stätte finden, wo sie ihre moralischen und geistigen Kräfte ohne Hindernisse entfalten können, wird unser inneres Gemeindeleben an partieller Lähmung leiben. Ich will hier nicht rhetorisch den Eindruck schildern, welchen eine solche selbstlose Finanzriesenoperation ans unsere nicht-jüdischen Mitbürger ausüben dürfte; dessen aber bin ich gewiß, daß das Gelingen meines Planes unser Prestige in der Welt bedeutend erhöhen würde. Es ist selbstverständlich, daß es dem Verwaltungsrath überlassen bleiben müßte, das Riesenkapital nach bestem Ermessen nutzbringend anzulegen; wenn das Kapital anstatt der von mit' angenommenen 3 Prozent vier bis fünf Prozent abwürfe, tand mieux. Wenn ferner ein Aktienbesitzer aus irgend einem feierlichen Anlasse ans einen Theil seiner Aktien verzichtet, so wird das natürlich vom Verwaltnngsrathe mit Dank angenoimnen werden. Die betreffende Summe wird dem Zinserträge zugefügt. Die Verwendung dieses letzteren zerfiele in zwei Arterie Ermöglichung der Auswanderung und Erleichterung der Ansiedelung in der neuen Heimath. Was den ersten Punkt betrifft, so schlüge ich den Ankauf oder die Micthung mehrerer Dampfer vor; dadurch würden die TranSporltosten schier um die Hälfte reduzirt werden. Ferner wären an der russisch-deutschen und russisch-österreichischen Grenze je ein kolossales Bekleidungsatelier zu errichten; die gänzlich mittellosen sind unentgeltlich, die vermögenderen Auswanderer gegen einen minimalen Reingewinn zu cquipiren. Es ist klar, daß man in jenen Ateliers zunächst momentan arbeitslose jiidische Handwerker und Handwerkerinnen beschäftigen würde. Aus diese Weise konnten wir die würdigste Antwort auf den Vorwurf ertheilen, daß wir Juden der Ausübung des Handwerkes abhold seien. Zehntausend Schneiderund Schneiderinnen,Schuster, Hüter, Taschner rc. könnten im Laufe der Jahre ein ungeheueres Material aufarbeiten und man könnte gleichzeitig dem leider so stiefmütterlich behandelten Sabbath wenigstens an einem Orte eine wirkliche Heimath gewähren. Was die Unterstützung der Ansiedler in ihrer neuen .Heimath betrifft, so hängt die Art derselben natürlich von den betreffenden Verhältniffen ab. Um die Anleiheoperation so rasch als möglich zu bewerkstelligen, müssen in den Hauptstädten der einzelnen Länder Centralkomitees ad hoc eingesetzt werden, welche mit den Vorstehern resp. Rabbinern der einzelnen Gemeinden sich in direkte Verbindung zu setzen hätten. Für Berlin stelle ich mir etwa folgendes Koinitee vor: je 2 Vertreter der Gemeinde, des Rabbinats, des Hildesheimer'schen Seminars und der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums, der jüdischen Fachpresse, endlich K. E. Franzos und ein Großindustrieller. Es müßte ferner dafür Sorge getragen werden, daß die einzelnen Aktionäre in regelmäßigen Zeitabschnitten über die Gebahrung der Gelder auf dem Laufenden erhalten werden. Dazu würde sich am besten die jüdische Fachpreffe eignen, und es wäre nur gerecht und billig, diese Gelegenheit zu benutzen, um in den jüdischen F-aniilien

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