Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Zur Jahreswende. Bo» Georg Minden. In der letzten Ihiimiier dieser Zeitung ist das Anzündeii des Weihnachtsbaunies in einem jüdischen Hanse mit herben Worten gegeißelt worden. Uns sind zwar jüdische Familien bekannt, in denen diese Sitte, die vielmehr einen dentsch-volksthümlichen, als einen christlich-religiösen Charakter trägt, schon vor ungefähr 70 Jahren hier in Berlin geübt worden ist und die trotzdem der Bersuchrmg, hre Kinder dem Jndenthnm zu entziehen, obgleich sie von der 311 jener Zeit einflußreichsten Stelle ausging, charaktervoll widerstanden haben — wir kennen Männer, die noch jetzt tvarin am Jndenthnm hangen und den besten Theil ihrer Zeit jüdischen Angelegenheiten und dem Wohle jüdischer Gemeinden widmen, obgleich aus ihrem elterlichen »nd großelterlichen Tische der Weihnachtsbanin brannte — indessen wollen wir nicht verkennen, daß die jetzige Zeit vielleicht in dieser Hinsicht schwieriger ist und darum diejenigen nicht tadeln, die eine der unseligen entgegengesetzte Meinung darüber haben. Wir hoffen aber nicht auf den gleichen Widerspruch zu stoßen, wenn wir den 1.Januar — der für nns Juden ja nur das bürgerliche Neujahr bedeutet, obgleich er merkwürdiger Weise gerade eine spezifisch jüdische Sitte, die Darbringung Jesu's im Tempel, verherrlicht, zum Rückblick über die verflossene Zeit benutzen. Geht uns doch selbst der jüdische Kalender in der Beobachtung eines doppelten Neujahrs init einem klassischen Beispiel voran. Das Roschhaschanahfest fällt nicht auf den ersten Tag des ersten, sondern des siebenten Monats. Ter Erste des ersten Monats dagegen, der doch der eigentliche Jahresanfang ist, wird durch keine besondere Feier hervorgehoben. Eine solche Duplizität beherrscht auch unser ganzes Leben; wir sind voll und ganz Kinder unseres Zeitalters, denen Dampf und Elektrizität vertrante Dinge sind. Aber als Abkömmlinge unseres Stammes und als Bekenner unserer Religion knüpfen wir stets an das graueste Alterthnm an, an Zustände, die nns so lange märchenhaft erscheinen, bis wir plötzlich sehen, daß das, was man nns in der Kindheit ans den heiligen Büchern erzählt hat, im Wesentlichen noch heute passiren kann und passirt. Für die Jndenheit wird das Jahr 1891 als ein sehr unglückliches verzeichnet bleiben; es stand ganz unter der» Zeichen der großen Verfolgungen in demjenigen Reiche, in welchem wohl auch heut noch die größte Anzahl unserer Glaubensgenosse» lebt. Nicht wilde Volksnnrnhen, wie vor einem Jahrzehnt, sondern eine planvoll betriebene, von den höchsten Autoritäten des Landes ausgehende vollständige Unterdrückung der jüdischen Religion und des jüdischen Volksthnms spielte sich im Osten unserer Grenzen ab. Wie viel auch von allen Seiten — nicht nur von Inden, sondern auch von andern wohlgesinnten Personen — zur Rettung anfgebvten nmrde: cs war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie Biele der Vertriebenen mögen körperlich und moralisch zu Grunde gegangen sein? Wie viele Hoffnungen sind vernichtet, wie viele Familienbande gesprengt worden? Wieviel ungezählte Grausamkeiten, die nie an das Tageslicht kommen, mögen begangen worden sein? Wir lesen in der Bibel die dunkeln Berichte über den Auszug der Kinder Israel aus Aegypten, über die Plagen, die jenes Land damals heimgesucht, über die Verfolgungen und Behütungen. Wir wundern nns über die kopflose Politik des Pharao, der die Vermehrung Israels durch Gewaltthat verhindern will nird der doch die Auswanderung, die ihn von Israel befreien könnte, ebenso gewaltsam verhindert. Nun aber im Jahre 1891 verstehen wir das Alles mit einen! Schlage. Denn auch hier sehen wir, wie bald Tausende mit einem Federstriche vertrieben, bald die Auswanderer mit Flintenschüssen zurückgehalten wurden. Wir sehen den Aberglauben und die Verdnnnnnng frisch einporwnchern; wir sehen Hungersnoth und Epidemien, Landplagen aller Art. Wenn es heute einen Schriftsteller gäbe, dessen Feder dem Stile der Bibel gewachsen wäre, seine Darstellung der heutigen Zeit tvürde von dem Bericht des Exodus kaum zu unterscheiden sein. Bon den russischen Greueln waren die Judenexzesse auf Corfn nur ein Abklatsch; es ziemt uns an dieser Stelle, nicht mit Stillschweigen zu übergehen, daß eine Frau hier versucht hat, zu Gunsten der Juden einzugreifen, die vom Schicksal aus dem Dunkel auf den damals mächtigsten Thron der Welt emporgetragen und dann tviedcr ebenso tief herabgestürzt worden ist. Einst aufs Höchste gefeiert, bewundert, beneidet und angefeindet, und jetzt eine kranke Greisin, die mit der Krone auch Gemahl und Erben verloren hat. Was sich in Bezug ans Judenfeindlichleit im deutschen Reiche zngetragen hat, nimmt sich im Vergleich zu den vorhin erwähnten Ereignissen wie ein Satyrspiel zu einer Tragödie aus. Zwar auch hier hat sich Grausiges ereignet: Die uralte, so häufig widerlegte und doch immer mit frischer Kraft emporsprießende abergläubische Vorstellung von dem ermordeten Kinde ist wie auf Corfn, so auch in Xanten am Rhein, an einer der ältesten Kulturstätten Deutschlands Gegenstand einer gerichtlichen Untersuchung geworden. Hier wie dort natürlich mit demselben negativen Erfolg. Die letzten Tage des Jahres brachten die Nachricht, daß der unglückliche jüdische Schächter, den man mit seiner Fanrilie verdächtigt hatte, ein christliches Kind ermordet zu haben, aus der Haft entlassen worden ist. Der Gegensatz zeigt sich nur in der Umgebung, in welcher sich die beiden Ereignisse abgespielt haben. Wo eine feste Rechtsordnung in einem gesitteten Volke herrscht, giebt cs keine Grenclszenen. Was sonst a» Judenhaß in Deutschland, Oesterreich und Frankreich geleistet worden ist, ist leicht zu charakterisiren. Neid, Bosheit, Verleuindnngssncht erreichten einen noch nicht dagewcsenen Grad — wie uns scheint, ein gutes Zeichen dafür, daß der Stern des Antisemitismus immer tiefer sinkt. Je größer die Plakate gegen die Juden an den Littfaßsänlen waren, desto geringer tvaren die Erfolge der Antisemiten bei den Wahlen. Und dies — obgleich kurz vorher einige Bankbrüche jüdischer Bankiers erfolgt waren, die auf keine Weise zu beschönigen sind. Freilich standen ihnen gleiche Handlungen christlicher Bananiers entgegen; aber wann hat sich die Parterleidcnschaft und die religiöse Verfolgnngssucht von solchen Argumenten beeinflussen lassen? Wir hätten noch mancherlei Anderes zu erwähnen, was uns nicht gefällt; es ist ein »rerkwürdiges Schicksal, daß ein jüdischer Richter, der seine politisch-konservative Gesinnung und seine äußerst geringe Zuneigung zur Religion seiner Väter nie verhehlt hat, von der „Kreuzzeitnng" wegen eines inikroskopischen Fehlers bei einer Zeugenvernehmung angegriffen wurde und keine Verurtheilnng dieser Zeitung erlangen konnte, obgleich die Anklagebehörde warm für ihn cintrat. Es ist ungerecht, daß man andere Personen, die wegen strafbarer Handlungen belangt wurden, dem Jndenthnm an die Rockschöße zu hängen versucht, obgleich schon ihre Großeltern getauft waren. Es ist höchst kränkend, >ve»n man beobachtet, >vie Leute, die an Bildung und Geistesgaben Anderen voranstehen, entweder selbst zur herrschenden Religion übertreten oder doch ihre Kinder derselben zuführen, obgleich man die lleberzcngnng hat, daß sie an die christlichen Dogmen nicht glauben. Aber das Alles sind Dinge, die der Entwicklung unserer Religion nicht schaden. Aus jeder großen Verfolgung ist eine neue Glanzzeit des Judenthnms hervorgegangen. Auf die Vertreibung