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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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5ö. Jahrgang. Ur. 1. Allgemeine Berlin, 1. Januar 1892. eitung des Zudmthums. Gin unparteiisches Organ für aües jüdische Interelfe. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahrs. 8 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Zudenthnins", Berlin SW., Jerusalemer Straße 4S/49 zu richten. Verlag von Nudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Ein Rath. — Zur Jahreswende. Von Georg Minden. — Eine russisch - jüdische Allleihe. Von I. Singer. — Der Segen Jsaks. Von Dr. M. Güdemann. — Wir Sprackverderber. Von Heinrich Simon. — Ludwig Philippsvn. Von Prof. Dr. Martill Philippson. — Feuilletonr Der tolle Awrom. Von Ferdinand Runkel. — Der heilige Herr. Von Ferdinand Dieffenbach. — 8ollsos8o ni88im. Von Rechtsanwalt Paul Lehmann. Der Oemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Coln, Ulm. Elsaß-Lothringen, Prag. St. Petersburg, Odessa, Konstantinopel. — Bon Rah und Kern. — Sprechsaal. — Miscellen. — Briefkasten. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Mn Math. Berlin, 30. Dezember. Wiederholt ist in letzter Zeit, namentlich nur Hessen und West- Millen, an nns die Frage gerichtet tvorden, wie sich unsere Glanbensgenvssen gegenüber den antisemitischen Versammlnngcn z» Verhalten haben, ob sie dieselben besuchen lind ob sic da das Wort ergreifen sollen. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Für Berlin allerdings hatten lvir nur eine Antwort: ein bestimmtes, entschiedenes „N e i 11"! Denn der Berliner Antisemitismiis unterscheidet sich sehr wesentlich von dem der Provinzen. Dort ist cs das (Geschäft und hier das Bergnügen, welches die Bewegung unterhält. In einer Weltstadt mit anderthalb Millionen Einwohnern findet sich natürlich allerlei bunte Masse zusaminen. Kein Wunder, daß da auch das „Ziihälterthnm des Rassenhasses" sich fest organisirt hat. Und ans diesen i Elementen setzt sich ein wesentlicher Bestandtheil der Berliner antisemitischen Persaininlnngcn zusaminen. Die Leute, die dahin gehen, j wollen nicht belehrt, sondern ainüsirt werden, sie wünschen keine j Ueberzeugiing, sondern den „Radau". Und für solche Versammlungen! gelte das alte Wort aus dem Segen Jacobs: „In ihren Rath! komme nicht meine Seele, in ihre Versammlung nicht meine Ehre!"! Anders liegen die Verhältnisse auf dem Lande und in den P r o 0 i n z stä d t e n. Dort ist der Antisemitismus kein heimisches, sondern ein importirtcs Gewächs. Man verschreibt sich einen antisemitischen Wanderredner ans der Hauptstadt, bringt ihn mit den ja überall sich befindenden nnzufriedenen Eleinenten, mit weggejagten t Pastoren, mit verschuldeten Bürgermeistern, mit disziplinarisch be- \ straften Lehrern, mit Dorfschulzen, die durch Faulheit oder Trunksucht in Wuchererhände gefallen, zusammen — und nun nimmt die Agitation ihren Anfang. Aber diese 'Elemente sind nicht stark genug, um einen Verein zu begründen, oder auch nur eine Vcrsammtung zu füllen. So erhalten sic meist aus den Kreisen der Eis harmlosen Neugierigen starken Zuzug. In solchen gemischten Versammlungen kann ein anfklärendes Wort hier und da wohl von Nutzen sein! Wir möchten darum den Rabbinern, Lehrern, Gemeindevorstehern solcher Städte den wohlgemeinten Rath geben, sich zunächst über die Znsammensetzimg derartiger Versammlungen genau zu orientiren, dann aber sich mit dem Rüstzeug der Polemik gehörig ansziirüsten und frei und offen dem Gegner cntgegciizntrcte». Dieses Rüstzeug darf allerdings kein allzu gelehrtes sein. Das religiöse Moment bleibt dabei am besten ans dem Spiele. Eine sachliche Aufklärung Über den Talnind, den Schiilchan-Ariiä), gegen die die Antisemiten gewöhnlich zuerst ihr Wurfgeschoß richten, dann aber kurze und schlagende Widerlegungen aller Angrissc, Handel und Wandel, Wucher und Börse, Kapital und Sozialdemokratie betreffend. Solche Widerlegung kann Keinem schwer fallen, der die Lage der Dinge kennt und mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut ist. Aber wir möchten doch hieran die Anregung knüpfen, daß von berufener Seite ein derartiges Handbuch, eine Art Philoseiniten-KatechiSmns, ausgearbcitet und verbreitet werde, in dein die landläufigen Vorwürfe der antisemitischen Wanderredner eine kurze und sachgemäße Widerlegung erfahren. Es kann am Ende doch nicht Jeder in jede Versammlung das ganze Material mitbrinqcn, das zu solcher Widerlegung ansreicht. Und die Kenntnis; dieses Materials ist durchaus und in erster Reihe nothwendig für Jeden, der es nnternehmeii will, den Gegnern in ihre Schlupfwinkel zu folgen. Dann aber auch gehören Math, Unerschrockenheit, Schlagfertigkeit, eine gewisse Rednergabe dazu, um Erfolg zu erzielen. Wer sich dieser Güter erfreut, der wage es immerhin, wenn er nur das alte Wort der Weisen: „Wisse, was du dem Epiknrüer zu antworten hast", sich vorher klar gemacht bat. Wer aber dieselben nicht besitzt, der bleibe jenen Versammlungen fern, da er dort nur Schaden für die gute Sache stiften kann. Für Alle aber, die den Kämpf mit dem Feinde anfnehme» wollen, gelte Eines als unwandelbare Forderung: „Mögen sic fluchen, du aber segne!" Nur auf die Bertheidigung haben wir nutz zu beschränken, nicht etwa selbst Angriffe z» machen, noch weniger aber irgend etwas preiszugeben, was uns heilig und lhcner. Höher als Alles steht für nns die Würde und Größe des Jndenthnms da; sie darf nicht angetastet, nicht durch unsere Schuld verkleinert-Mrden; sie muß bleiben unser Hort und Schutz, der Fels, den die' Brandung des Glaubenshasses, i» den Si)rertagen jo gut wie in den Antisemitenzeiten, wohl nmspülen kan», den sie aber nie »nd nimmer zu erschüttern vermag. U /

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