Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 50 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- Seite 644 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227876--47598-3269129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
644 <iuT wird im Himmel an den armen Musikanten denken? Das | wiederhole ich Dir aber, das; ich Dich nie vergessen lvcrdc — und! auch (Sud) nicht, meine Kinder," fügte Mache! tief erschüttert an! seine Söhne sich wendend hinzu. „Ha, ha, ha," lachte er plötzlich, „sieh, Mirel, wie sic da alle stehen, als ob sic die Sprache verlernt hätten, oder nicht bis drei! zählen könnten. Na Jungen, es thnt Euch doch leid, den Pater zu verlieren? Schade, nicht wahr? Hahaha!" Der jüngste Sohn erhob tief bewegt den Kopf, um seinen Mund : zuckte es, und nicht mächtig, sich zu beherrsche», fing er au krampfhaft zu weinen, die Anderen stimmten mit ein. In einem Nu füllte sich das kleine Zimmerchen mit Weinen und Schreien. Den Kranken schien eine Weile die Liebe seiner Söhne zu erfreuen, aber plötzlich raffte er sich auf, und mit den letzten Kräften rief er: „Genug, Kinder, genug, es ist mir so wie so schwer, mich von Euch zu trenne». Was" — fügte er ivic triuniphircnd hinzu — „es ist doch schade um den Pater, und wenn er auch ein Trunkenbold war? Und wie war es-, als er noch gesund war! Für nichts wurde der alte Pater gehalten, Ihr habt besser als er spielen könne», j nicht wahr? Und wenn cs einmal vorkam, daß der Alte das Maß; überstiegen hatte, wurde er ein Trunkenbold genannt. Pfui, Kinder! nie soll man seine» Pater beschimpfen und verlachen, und >ven» er auch einige Fehler hat — aber seid unbesorgt »nd ohne Angst, ich werde nach dem Tode nicht toinmcn, uni Euch zu würgen, ich ich verzeihe Euch Alles, denn auch das liegt in der Geige, in der N'atnr des Musikanten-- vielleicht habe ich auch einst so gehandelt." Der Kopf de-s Kranken fiel matt auf das Kissen zurück. „Mirel," sagte er erschöpft, „rufe nur jetzt einen Nachbar mit dein Gebetbuch herein." Krampfhaft weinend ging Mirel hinaus. „Ihr Kinder," sagte wieder der Kranke, „hört das letzte Mal auf den Rath Eures Vaters." Tic Söhne näherten sich tief erschüttert dein Bett des Sterbenden. „So, nun habe ich noch eine letzte Bitte an Euch uub wünsche, Ihr sollt dieselbe erfüllen, — weinet nur nicht, nehmt Eure Geigen und spielt mir zum letzten Mal etwas vor --- ich will hören, wie die Kapelle ohne mich spielen wird." Tic Söhne zögerte». „Ich befehle eS Euch," schrie er, „thnt schnell, waS ich gesagt habe. Verstanden?!" Als Mirel mit dein Nachbarn zurückkam, hörte sie die Probetöne der Instrumente. „Gott, was thnt Ihr!" schrie die erschrockene Fra». „Störe sie nicht, Mirel," unterbrach der Kranke, „sie haben nicht Schuld, ich habe cs ihnen befohlen, und sie sollen thun, was ich ivill. Höret, Kinder, mein letztes Wort," jagte er, sich an die Spielenden wendend, „ich gehe einen langen Weg, von dein ich nie zurückkommen >verde, Ihr sehet mich heute das letzte Mal, aber meine Worte sollen ewig in Euch leben. Treu sollt Ihr Eurem Gotte, der nur der einzige ist, bleiben, keine Schuld soll Euer Gewissen belasten. Daß Ihr keine Zizith trügt, Butter mit Fleisch esset - das thnt nichts, damit thnt Ihr >vedcr Euch, »och irgend einem Menschen was- Schlechtes, und an solche Dinge glaube ich nicht. Unser Gott ist zu hoch, daß er auf solche Kleinigkeiten achten sollte. Bleibt nur immer ehrlich - - Ihr sollt nicht durch Betrug, sonder» durch redliche Arbeit Euer tägliches Brod verdienen. Liebet den Nächsten, - stützet den Armen, — und sättigt den Hungrigen, ohne darauf zu achten, welcher Religion er angehört. Auf jedem Schritt und Tritt denket daran, daß Ihr einen guten , Namen erwerben sollt. Das sind die Werke, mit welchen man Gottes i Gnade erwerben kann. Nie sollt Ihr einen armen Mechuten inißhandeln, nie eine arme Kalle auslachcn, denn Armuth ist keine Schande. Die Mutter, die Euch mit Thränen »nd Kummer erzogen und gepflegt hat, sollt Ihr bis zum letzten Moment ihres Lebens verehren. Nie soll ihr Auge eine Thrünc des Schmerzes durch Eure Schuld fülle». Achtet darauf, daß ihr nie ctlvas fehlt, denn sie hat Eure Achtung und Liebe verdient, und Gott sagt cs: Ehre deine Eltern, damit du lange und glücklich leben sollst, — und jetzt spielt mir noch die Wicluj (das Sündenbekenntiiiß) in Moll vor-" Nach einer Weile erfüllten das kleine Zimmerchen die traurigen in Moll gespielte» Töne jener uralten Melodie, auf deren Schwinge» sich die Seele des armen Musikanten in eine bessere Welt ewiger Harmonie erhob. d Westöstliche Porsten. B 0 u e a rri u e 1 K r i st e l l e r. Man hört dich beten früh und spät, Und keuchend übst du fromme Thal Wozu so viel Geräusch und Hast, Ist Frömmigkeit dir 'Arbeitslast? Soiah <s. 71. O Mag Frömmlern Frömmigkeit der Zweck sein, Dir soll zur Tugend sie der 'Weg sein. Zu Gott empor, zum Duell der Liebe Soll deine Frömmigkeit der Steg sein, Das Tankgebet, das 'Andre sprechen, Mög' deiner Frömmigkeit Beleg sein. Willst du Gutes hier vollbringen, Nicht' nach oben Herz und Hände, Laß von! 'Allgeist dich durchdringen, Läut're dich und dann vollende. Sieh, es steigen von der Erden Nebel zu des Himmels Bogen, Daß sie gottgesegnet werden Und befruchtend niederwogen. ¥ Laßt ab von Streit uub wollt euch endlich einen. Daß ihr das Heil nur in der Liebe seht. Aus Herz und Welt erkennet den 'Alleinen, Allwo er flammend eingeschrieben steht. Und jede Stelle, wo Bedrängte weinen, Die achtet für geheiligt zum Gebet. Und Namen nicht, nicht Formeln sollt ihr nennen Nur liebet euch und wollet Gott erkennen. Dann wird die große Zeit herniedertehren, Die einst verheißen hat Gott Zebaoth: „Ich will in ihre Herzen meine Lehren, In ihre Sinne schreiben mein Gebot. Und Keiner wird den 'Andern fürder lehren, Und Keiner sagen mehr, erkenne Gott! Denn Mich erkennen werden alle Wesen, llnd alle soll sie gleiche Gnad' erlösen." Jeremias 6t, 36. 64. ZEv Druck und Berlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.