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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-25 · Heft 50 (25.12.1890) · p. Seite 643

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 50 (25.12.1890)
Date
1890-12-25
Page
Seite 643 (sequence 11)
Language
German
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643 Der ehemalige Branntweinbrenner ward der Eidam des Randars und wenn man will, selber ein Stück von einem Randar. Wie muß der Randar sich darüber gewundert haben! Haschele wollte behaupten, er habe das schon früher gewußt, und wenn wir uns an sein Lachen erinnnern, so können wir nicht anders, wir müssen ihm Glauben schenken. Die beiden älteren Brüder freuten sich, daß die Sache eine so erfreuliche Wendung genommen. Der Vetter Joichene behauptete, er sei die Ursache von Allem; denn wenn er im vorigen Jahr Chanukah nicht dagewesen wäre, so hätte sich der Randar nicht dazu entschlossen, den „Oirech" da zu behalten, Pawel aber stolzirte über seine Prophetie, er Hab' es schon vorher gesagt, daß unter dem Branntweinbrenner eine Art von Heiliger stecke. Der Schnorrer endlich übernahm die angenehme Pflicht, dem Rabbi Elieh Wilna die merkwürdige Begebenheit zu erzählen. Bei der Hochzeit hat der Rabbi Leb von seinem Schwiegervater zum Andenken an den ersten Chanukah-Abend eine schön gearbeitete silberne „Menohre" bekommen. Und als nun das Mädchen in dem Ueberschwung ihres Glückes den Vater mit leisein Vorwurf fragte: „Run, Vater? ist er ein Beheme?" Da antwortete der Randar in seiner besten Laune: „Nun was denn? Ist er nicht ein Beheme? Hätt' er das Alles gebraucht? Hätt' er nicht gleich können sagen, was er ist?" Das Mädchen aber wurde sogleich ernst und sagte dem Vater auf diese Bemerkung: „Nein, Vater-Leben! Weißt Du, was das Schönste ist in der ganzen Welt? Das ist ein Mann, der sich in seiner Kraft fühlt und es verschweigen kann."? Der sterbende Mustkant. > Von E. Birnbaum. In einem kleinen Zimmerchen liegt Machet im Sterben, der in der ganzen Gegend bekannte Geiger, der Führer der weit gepriesenen, ans seinen sechs Söhnen bestehenden Kapelle. Der Kranke liegt schon lange so und ist furchtbar abgemagert, kaum einem Skelet ähnlich. In tiefem Schweigen stehen an der mit musikalischen Instrumenten bedeckten Wand seine Söhne. Sie reden kein W"'t, sie wiflen ja Alles genau, denn der Arzt und sogar der Barbier hatten keine Hilfe für den Kranken mehr, und als auch der zur letzten Untersuchung berufene Ruwin vom Hekdesch dasselbe bestätigte, hegten auch sie keine Hoffnung mehr. Es ist also über nichts nachzudenken, denn der Kranke hinterläßt kein Vermögen, es bleibt nur die Mutter, welche sich kärglich wird er,.xtzren müssen. Die Chewra Kadischa wird dem Todten ein Sterbehenrd, einen Platz auf dem Friedhofe und sogar dem Todtengräber ein Trinkgeld geben. Die Todesstille wird nur von Zeit zu Zeit durch eine springende Saite, oder durch das Weinen Mirels, die Frau des sterbenden Musikanten, unterbrochen. Nur sie kann sich nicht mit dem Gedanken versöhnen, daß der liebe Gott sich nicht erbitten läßt. Es wird keine Hochzeit mehr in der Khille geben, wimmerte sie, zu Grunde werden die Tänze mit der Kalle (Braut) gehen, und Niemand wird beim El-mole-Rachamini (Gebet für die Todten) mehr die Leute zu Thränen rühren. Kein Mensch wird so tanzen, singen und weinen können. Und sie soll ihren Mann verlieren! So viel hat sie gelitten, so viel mal hat er sie verrathen, und nun er endlich zu ihr zurückgekomme», soll ihr der Tod ihn ') Aus der Sammlung jüdischer Novelle» i»> Jargon von Leon Peretz wegnehmen?! O Gott, Gott! Nein, sie giebt noch ihre Hoffnungen nicht auf! Zu groß und zu schwer sind zwar die Sünden ihrer Kinder; sie tragen keine Zizith (Schaufäden); wenn sie bei vornehmen Herrschaften zrun Tanze spielen, essen sie Fleisch mit Butter; allen Mädchen laufen sie nach; aber vielleicht läßt sich der barmherzige Gott doch noch versöhnen! Sie thut ja auch alles Mögliche. Um Mitternacht weckt ihr Weinen alle Leute auf, ihr Wehgeschrei verjagt die Todten ans dem Tempel, mit heißen Thränen begießt sie die Thora, und schlügt den Kopf an die Thür des Äron-Kodesch (heilige Lade). Beim Morgengrauen aber mißt sie die Schärpen, aus Baumwolle macht sie einen Docht zum Wachslicht, bei welchem die bezahlten Armen (Ratlonim) die Sterbegebete rezitiren. Sie hat ja auch Protektion! Abraham Schochet ist dort keine geringe Person; sie weiß, daß er oben im Hiinmel etwas zu bedeuten hat; er wird gewiß alles Mögliche für sie thun, weil er sie im Leben so lieb hatte, er hat sie ja immer so gehätschelt-und dieser heilige Mann war ihr Oheim. Aber was Hilst das, womit kann er vor den Allmächtigen hintreten, wenn noch jetzt ihre Söhne bei dem sterbenden Vater ohne Peies (Haarlöckchen) stehen. „Ich bitte Dich, Mirel," sagte der Kranke leise, „bleib still, ich habe genug gelebt, genug gespielt, jetzt kann ich ruhig sterben. Es kann mir nichts mehr helfen, Mirel, der Tod kommt immer näher. . . Die Füße sind schon abgestorben, und init dem letzten Schlag des Herzens geht alles kaput, dafür giebt's keinen Rath und auch keine Saite, die man iin Laden kaufen und frisch anfziehen kann. Erlaube mir, ruhig zu sterben," wiederholte er, „ich sehne mich nicht nach dem Leben." Mirels Augen blitzten vor Wuth. In ihrem Herzen öffnete sieb die alte ungeheilte Wunde, sogar im Anblicke des Todes erwachte in ihr die Eifersucht, die sie das ganze Leben durch geplagt hatte. „Ja," schrie sie, „ja, ich weiß es, daß Du sterben willst, wozu sollst Du denn auch noch leben? Die Kinder können sich ohne Dich behelfen, ich bin alt und häßlich, und die schwarze Pesse ist verreist, wozu also ohne die schwarze Pesse leben?" Das elende Gesicht des Kranken zuckte, die weißen Lippen zitterten und aus den halbgebrochenen Augen flammten die letzten Funken. Das dauerte aber nur einen Augenblick, dann öffnete sich wieder ruhig der blasse Mund und in flehendein Tone sagte der Kranke: „Glaube mir, Mirel, daß es nicht so ist, wie Du meinst." „Nie hast Du mich geliebt, immer war es die schwarze Pesse, die Du bevorzugt hast." „Nein, Mirel, glaube nicht, daß es nur die schwarze Pesse gewesen ist, es waren auch mehrere weiße . . . das liegt schon in der Geige ... in der Natur des Musikanten. Dich habe ich aber immer geliebt. Ein Mädchen, lockt, man kann ihren süßen Worten nicht widerstehen, aber nur eine kurze Zeit dauert der Zauber. Eine Frau ist ganz etwas Anderes, der bleibt man immer treu, sie ist die Einzige, die man ewig lieb hat. Ich bin nicht gebildet und kann Dir das nicht erklären, ich fühle es aber, daß Mann und Frau ganz etwas Anderes sind. Die Heirath knüpft ein anderes, heiligeres Band, das zwar sehr zart, aber doch so stark ist, daß nichts und Niemand außer dem lieben Gott es zerreißen kan». Mir thut es leid um Dich, Mirel, und glaube es mir, daß ich auch im Grabe Deiner gedenken und mich nach Dir sehnen werde." „Du bleibst nicht im Grabe, nein, Du kominst nach dem Paradiese," schluchzte die wieder mild gewordene Frau. „Das kann ich nicht wisse», Mirel, zu schwere itnb zu große Sünden belasten mich! Zwar ist Gott barmherzig, aber vielleicht werde ich bei Ihm keine Gnade finden und im Grabe liegen bleiben.

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