Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 50 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- Seite 642 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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642 Rande an mit dein Rufe: „Lemanhaschem! (um Gotteswillen) ich Hab' den Brief verloren! Der Brief von meinem Rabbi Elieh Wilna ist weg!" Die guten Leute auf der R. »de zeigten dem bestürzten Mann die aufrichtigste Theilnahme und suchten ihn zu beruhigen. Sogleich aber inachten sie sich daran, den verloren gegangenen Brief aufzufuchen. Sie zerstreuten sich, der Eine hierhin, der Andere dorthin, während der erschreckte Schnorrer bleich und abgemattet, fast bewußtlos, auf eine Bank in der Schüntstube hingesunken war. Als sie auf den Hof kamen, sahen sic ganz oben bei der Scheuer den Branntweinbrenner stehen — in seiner Hand ein offenes Schreiben. Der Schnorrer hatte den Brief wirklich verloren, und Leb Branntweinbrenner hatte ihn gefunden. Leb sah den Brief auf der Erde liegen, er hob ihn auf und wollte denselben, wie sich von selbst versteht, seinem Herrn übergeben. Zufällig aber warf er einen Blick ans die Adresse und las zn seiner Ueberraschung seinen eigenen Namen. Freilich war er nicht in Jerusalem, sondern hier auf einer „Rande" in einem kleinen, unansehnlichen Dorf, aber das konnte ja der Rabbi Elieh Wilna nicht wissen, und daß dieser den Brief geschrieben, das sah Leb ans den ersten Blick, denn die Handschrift seines Freundes kannte er gar wohl. So wie er die Handschrift seines Freundes erblickte, hatte er aber auch das Schreiben schon geöffnet. Es war dies ganz natürlich; er folgte dabei nur der rein menschlichen Regung, ohne erst viel zn überlegen, ob er den Brief offnen dürfe oder nicht. Der Brief war unzweifelhaft an ihn gerichtet, und er hatte sich, indem er denselben geöffnet, von nichts Anderem, als von einer rein menschlichen Aufwallung, die für den Augenblick jede Reflexion in den Hintergrund drängte, leiten lassen. Er überflog mit Blitzesschnelle den Inhalt des Schreibens und fand ans demselben nur noch mehr die Bestätigung, daß er sich in seiner Annahme nicht gctänscht. Rabbi Elieh Wilna theilte dem Freunde mit, daß er nun auch gesonnen sei, nach Jeruschulaini zu kommen. Nachdem er das Schreiben gelesen hatte, fing er erst recht an, sich zu verwundern, wie dieses Schreiben des Rabbi Elieh Wilna daher komme. Und in diesem Staunen stand er mit dem geöffneten Brief in der Hand in demselben Moment, als die Söhne des Randars ihn erblickt und gleich darauf mit ihrem Vater aus ihn zukamen. „Leb," sprach der Randar, „was hast Du da in der Hand?" „Ein' Brief!" sagte Leb. „Von wem ist der Brief?" „Vom Rabbi Elieh!" „Woher hast Tn ihn?" „Gefunden!" „Und warum hast Tn ihn ausgemacht?" Leb schwieg er wußte keine Antwort zu geben. „Weißt Du denn nicht," fragte der Randar, „daß man einen fremden Brief nicht aufmachen darf?" „Ich weiß," sagte Leb. „Nu also! Warum hast Du ihn ansgemacht? Was ist das für eine Vermessenheit, einen fremden Brief aufzumachen? Was gehen Dich fremde Briefe an?" Leb schwieg, er stand da wie ei» Sünder. Er durfte nicht gestehen, daß der Brief an ihn gerichtet sei; denn mit diesem Geständnis; hätte er nvthwendiger Weise aus der Dunkelheit und Unbekannthcit, in der er lebte, heraustreten müsse», und das wäre ja gegen die Buße gewesen, die er sich selber aufgelegt. „Das heißt ein Beheme," sagte der Randar unwillig, „ein Mensch soll nicht so viel Verstand haben, um zu wissen, daß man einen frenrden Brief nicht aufbrechen darf." Leb mußte sich diesen und noch mehrere Vorwürfe gefallen lassen. Er konnte sich nicht helfen; er stand da, ohne ein Wort zu seiner Vertheidigung vorzubringen. Wie sehr bereute er seine Voreiligkeit, wie leid that es ihm, daß er den Brief geöffnet, allein das war nicht mehr zu ändern; sein natürliches Gefühl hatte ihn hingeriffen, den Brief des Freundes zu lesen, die Festigkeit seines im Laufe der Zeit gestählten Willens aber ließ es nicht zn, daß er seinen wahren Namen genannt hätte. Mittlerweile aber war Haschele in die Schünkstube gelaufen, um dem Schnorrer die Botschaft zu bringen, daß der Brief gefunden sei. „Aber offen ist er," sagte Haschele, „Leb Beheme hat ihn aufgeinacht." „Was?" riefen der Schnorrer und Rachele zugleich, und Beide liefen mit Haschele auf den Hof hinaus zu der Scheuer hin, dorthin zu der Stelle, wo der Vater dem Branntweinbrenner noch immer Vorwürfe machte. Als der Schnorrer das offene Schreiben in der Hand des Branntweinbrenners erblickte, wollte er seine Vorwürfe mit denen des Randars vereinigen; er faßte ihn aber näher in Augenschein und anstatt eines jeden Vorwurfs brach er in den Ruf aus: „Rabbi!" Alles verstumnlte und sah den Schnorrer an. „Rabbi." sprach der Schnorrer zum Branntweinbrenner, „ich hütt' Euch sollen den Brief nach Jeruschulaini bringen!" „Ich weiß," sagte der Branntweinbrenner. „Was soll ich jetzt, da ich Euch hier treff', dem Rabbi Elieh für eine Antwort bringen?" „Er soll nicht nach Jeruschulaim! ich werd' zu ihm zurückkommen." Alle Umstehenden sahen den Schnorrer und den Branntweinbrenner an und wußten sich den Vorgang nicht zri erklären. Der Schnorrer aber sprach zu ihnen gewendet: „Seht da den Rabbi Leb! Das ist der Rabbi Leb! Das ist der Rabbi Leb, an den der Rabbi Elieh mir den Brief mitgegeben hat!" Keiner der Umstehenden wagte ein Wort zu reden. Auf dem Gesicht des Mädchens strahlte die reine Freude. Wie sie da so standen, und nicht wußten, was sie zu dem merkwürdigen Vorgang sagen sollten, fuhr ein Wagen in den Hof, und der Vetter Joichene stieg ab. Da er sie Alle dastehen sah, so ging er gleich auf die Gruppe zu. „Was geht da vor?" fragte er. - Man erzählte ihm, was sich ereignet hatte, und nun wurde auf sein Geheiß der Rabbi Leb sogleich hineingeführt in die Paradestub' und mit allen erdenklichen Ehren und Auszeichnungen behandelt. Da sich nun der Schnorrer zum zweiten Male verabschiedete und gehen wollte, sagte Leb: „Wart', ich geh' mit Euch!" „Was?" rief der Vetter Joichene, „Ihr wollt' jetzt gehn, ,.j6i? jetzt, wo wir Euch erst recht zu schätzen wissen, und wo Ihr hier alle Ehre genießen sollt, die Euch gebührt?" „Just darum," sagte Rabbi Leb, „muß ich gehen. Ich Hab' es auf mich genommen, ungeehrt und unbekannt, demüthig und dienend durch die Welt zu gehn, Eure Ehren mit Auszeichnungen kann ich nicht annehmen." Leb sah nicht, daß bei diesen Worten ein Mädchen sich ihm zu Füßen hingeworfen hatte, welches seine Knie umfassen wollte. Der Vetter Joichene aber, der es sah, fragte den Rabbi: „Nun, könnt' Ihr auch diese da verlassen? Die da, die zu Euren Füßen liegt?" Erschreckt fuhr Rabbi Leb zusammen. Verschämt hob er das zu seinen Füßen liegende Mädchen von der Erde auf; sie umklammerte ihn mit ihren Armen, hing sich an seinen Hals und flüsterte halblaut: „Nein, Leb, das könnt' Ihr mir nicht anthun! nein, Leb, ich laß' Dich nicht fort!" Und sie ließ ihn wirklich nicht.