Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 50 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- Seite 641 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227876--47595-3269126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
641 „Nun zu Morgen früh, wie Rabbi Juda au? dem Haus geht, so begegnet er einem Jung' und der ging sehr abgerissen, Rabbi Inda giebt ihm „Scholem" «den Friedensgrnß) und nimmt ihn mit sich heim. Er schickt stracks nach den Beglaubigten von der Gemeinde und legt unter dem Wunsche „Masel tow" (Biel Glück!) das Reugeld nieder. Aber die Frau war gar sehr erzürnt darüber und weint, daß sic ihre einzige Tochter soll so weg werfen und noch dazu an einen Bettler. „Und was hat die Tochter dazu gesagt?" fragte Haschele. „Schah!" sagte der Randar, „meinst Du denn, daß das vor Zeiten gewesen ist, wie in unserer Zeit? Damals hat inan die Tochter gar nicht gefragt; was der Vater gethan hat, das ist gethan gewesen und weiter „pater aus" (Punktum)." Es that ihm ordentlich wohl dem Randar, daß er hier einmal so gute Gelegenheit gefunden, seinem Unwillen ein wenig Luft zu machen und seine Meinung so grad' heraus von der Leber weg zu sagen. Der Schnorrer setzte fort: „Wer weiß," fragt das Weib von dem Rabbi Juda, „ob der Mensch ein einzig Wort von der ganzen Thora versteht?" „Sorg' Dich nicht," hat der „Chossid" (der fromme Mann) zu ihr gesprochen; „ich will mit ihm lernen, und er wird wohl ein „Talmid-Chochem werden." Nun, der Bräutigam war eine Zeitlang bei dem Rabbi Juda, und der Rabbi meint, daß der Bräutigam ein großer „Ainhorez" «sehr unwissend) sei. Ter Bräutigam hat geheißen Awrohm. Nun ivar er bald zivei Monate bei seinem Schwiegervater und Keiner lveiß, ob er lernen kann, und die Schwieger war traurig deswegen. Der Rabbi Juda hat zil der selbigen Zeit grad eine „Nichch" (ein Gebet in Form eines Gedichtes) gemacht von Mordechai und Esther, und zwar nach dem Aleph-Beth. Wie er nun an die „Resch" <de>: Bilchstaben R) könnnt, da kann er damit nicht zurecht kommen. Da ging er nicht heim, sondern er bleibt im „Beth-hamidrasch" (im Lehrhaus) und thut sich weh, um die Sach' herauszubringen; es geht aber nicht. Da er lang ausbleibt, so geht sein Weib zu ihm in das „Beth-hamidrasch", damit er heimkommen soll. Er will aber nicht. Sie dringt aber in ihm, so giebt er ihr nach und geht nach Haus. Wie sie daheim aiigekommen, fragt sic der Eidam, was das bedeutet, daß der Schwäher heut so lang' ausbleibt uud so spät hciinkommt. Darauf sagt sie: Was liegt Dir daran? Du kannst ihm — durch unsere Sünden — nicht helfen!" Da sagt der Bräutigam: Meine liebe Schwieger, ich bitt' Euch, geht einmal in das Beth-hamidrosch und gebt mir seine Schriften, was er heut geschrieben hat, und sagt dem „Schwäher" nichts davon. Ihr werdet keine Reue darüber haben." Da sagte sie: ,,Geh' fort, Du „Amhorez" (Unwissender)! Er selber kann mit der Sach' nicht zurechtkommcn, willst Du cs?" Aber er bittet sie so lange, bis sie geht in das „Beth-hamidrasch" rnrd holt die Schriften und giebt sic ihrem Eidam. Der Bräutigam geht damit in eine besondere Stube rmd setzt sich nieder über die Schriften, und Gott, gelobt ist er! hat ihm Vcrstand gegeben, und so kam es ihm in den Sinn, wie er den „Poßck" (die Strophe) von der „Resch" machen soll, und so hebt er die „Resch" an zu schreiben: „Roclisclioh Esther la-Melech etc." ') Run, wie er fertig war, so gab er ihr die Schriften wieder und sic brachte die Schriften zurück in das „Beth-hamidrasch". ') Die ganze Strophe wird immer nach der erste» Zeile, oft sogar nach bem ersten Worte benannt. Wie der „Chossid" früh aufstand, so ging er in das Bethhamidrasch hinein, und da er über seine Schriften kam, so sindt er die „Resch" geschrieben. Ta vcrtvundcrte er sich sehr und dacht', das hat gewiß einer von meinen Schülern gethan. Wie nun die Schüler in das „Beth-hamidrasch" kommen, fragt er sie, wer über seine Schriften gewesen ist. So war keiner da, der sich anmeldcn wollt. Nur Einer war unter de» Schülern, der sagt: „Rabbi, ich bin gestern spät noch im „Beth-hamidrasch" gewesen, nachdem daß der Rabbi war heimgegangen, so ist gekommen die „Rebbezin" (die Frau des Rabbi) lind hat die Schriften geholt und hat sic heimgetragen; ich Hab' gemeint, der Rabbi hat sic holen lasseil." So schickt der Rabbi gleich nach seinem Weib, so kam sie. Da fragt er sie, ivas sie mit den Schriften gethan hat, oder wein sie die Schriften gegeben hat? Ta sagt sie, lvie der Bräutigam ihr keine Ruh' gelasseil hat, bis daß sic die Schriften zu ihm gebracht hat. Da schickt der Rabbi gleich nach dein Bräutigaili und sprach zii ihm: „Ich befehle Dir, gieb Dich zu erkennen, wer Du bist!" Ta sprach der Bräutigam: „Ich bin Rabbi Abraham ibn Esra!" Ta sie das hörten, da war eine große Freude, da sprach Rabbi Juda unter dem Wunsche „Maseltow" den Segen, und nach deiii Segen waren sie lustig und vermehrten die Lehre in Israel! Ihr Verdienst soll uns beistehen!" Die Geschichte hatte auf die Zuhörerschaft eine» großen Eindruck gemacht; freilich war dieser Eindruck bei den verschiedenen Ailwesende» ein verschiedener. Fast Alle aber fühlen eine Bcziehling der erzählten Begebenheit zu der eigenen Situation in mehr oder minder lebhaftem Grade heraus. Die beiden altern Brüder blicken wie auf Verabredung : schweigend zur Erde, Haschele aber, der Jüngste, sah seiner Schwester so eindringlich ins Gesicht, als ob er nur grade sie hätte fragen wollen, ob sic sich unter dem Branntweinbrenner Leb nicht auch so eine Art verzauberte» Prinzen, will sagen einen großen Rabbi, wie Ebn Esra vorstelle. Und was Haschele mit mit den Augen sagte, und was er, weil er Vater und Schwester schonen wollte, mit den Lippen nicht auszusprechen wagte, das sagte Pavel, indem er einen guten Zug, that, nur grade heraus: „Das ist doch merkwürdig", sagte er, „wie man niemals wissen kann, was hinter einem Menschen steckt; wer weiß, ob hinter unserem „Leb Beheme" nicht auch so eine Art Heiliger steckt. Er hat mir ganz das Ansehen danach." „Was ist das für ein Leb, dieser Leb Beheme -- ich Hab' schon bei meinem vormaligen Hiersei» von ihm reden gehört?" fragte der Schnorrer. Der Randar aber — diese Frage außer Acht lassend antwortete auf Pawels Bemerkung: „Sei stat. Pawel, weißt Du nicht? Der Pfarrer predigt nur einmal! und auch: es ist nicht alle lag' im Himmel Jahrmarkt." Bei dem Mädchen aber, welches nachdenklich dasaß, steigerte sich das, was Pawel als eine weit entfernte bloße Möglichkeit so iwben- : hin ausgestellt hatte, zur überzeugenden Gewißheit; sic halte in dem fremden Man» von allem Anfang mehr als einen gewöhnlichen Mensche» gesehen, und was allen Anderen entgangen, das war ihr offenbar; denn alle Anderen sahen ihn mit den Augen, sic aber sah ihn mit dem Herzen. Des andern Morgens, Sonntag früh, nahm der sagenkundige Schnorrer, nachdem er sich noch an einem guten Frühstück erquickt, sein Abfertiggeld und machte sich auf den Weg nach - Jerusalem. Wenige Minuten, nachdem er sich verabschiedet und entfernt hatte, I eilte er in größter Bestürzung zurück. Athemlos kam er aus der