Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 50 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- Seite 640 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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640 Im Sommer deflelben Jahres unternahm Heine eine kleine ] Fericnreisc mit seinem Freunde Eugen von Breza, dem später bekannt! gewordenen Schriftsteller, auf dessen Güter hinter — Gnesen! Nun werden meine geehrten Leserinnen wohl glauben, das; er ' da sein kleines poetisches Judenmädcheu getroffen habe und so weiter... O nein, dort nicht, wohl aber in Gnesen selbst, >vo er sie wie eine Rebekka am Brunnen des Marktes traf! ' Und eben dieses arme Jndenmädchen war cs, dem Heine bei ihrem Abschied von Berlin sein vielleicht schönstes, jedenfalls aber innigstes Gedicht widmete: * Du bist wie eine Blume,; So hold und schön und rein, Ich schau Dich an, und Wemuth ' Schleicht mir ins Herz hinein.! Mir ist's, als ob ich die Hände j Aufs Haupt Dir tege» sollt', Betend, daß Gott Dich erhalte So rein und schön und hold. Wie schön, wie ausgezeichnet gut und schön muß das Mädchen gewesen sein, das Heine zu einer solchen Liederperle begeistern konnte, die ewig strahlen wird im Ruhmeskranze seiner unsterblichen Schöpfungen. * * Mit einer freundlichen Erinnerung, die uns noch einmal in : das Jugendleben des Dichters zurückführt, mögen unsere Mit-? theilungen ihren Abschluß finden. Mmlich mit einem Briefe rwn jenem Eugen ü. Brezn, den Heine in dem bekannten „Traumgesicht" verherrlicht hat. Der Brief dieses polnischen Edelmannes; an Heine dürfte um so interessanter sein, als es der einzige ist, den j wir bisher besitzen. Er lautet folgendermaßen: Gnesen, am 29. August 1855. Mein sehr lieber Heine, sollte es Dir in Deinem schrecklichen Leiden ein Trost sein, daß ich immer mit inniger Liebe an Dir hänge, daß Dein großer Geist immer noch in mir dieselbe Verehrung erweckt,! sv empfange ihn von Deinem älteften Freund. Sterben wirst Du doch ute, so lange noch ein Funke Poesie in dem Menschen glimmen wird: Gott erlindere nur Deine Schmerzen. Ein Freund von mir, Herr Joseph Russak, Gutsbesitzer im Poienschen, wird Dir diese Zeilen übergeben. Er ist mir in späteren Jahren ebenso gut, wie Du es in unserer Jugend warst. Nehme ihn freundlich auf. Er verdient es, denn edler uub theilnehmender ist wohl selten einer. Gönne ihm das Glück sagen 311 können: „Auch ich habe den größten Dichter Deutschlands gekannt." Danke Deiner Frau in meinem Namen für die liebevolle Güte, mit j welcher sie Dich pflegt. j Mit meiner Schwester sprechen wir oft oon Dir, lesen mit Entzückerl j jede Zeile von Dir, auch weillen wir über das Los unseres lieben j Heinrichs. Dein Eugen von Breza ' Ich verdanke diesen Brief der Güte des Herrn Joseph Russak j selbst, der leider mit dieser wirksamen Empfehlung zu spät nach Paris! kam und Heine llicht mehr an: Leben traf, und der mir auch einige! Jahre vor feinem Hinscheiden die obigen interessanten Mittheilungen! gemacht hat. Eugen v. Breza war der Sohn des polnisch-sächsischen j Staatsministers v. Breza. Während der Ferien besuchte Heine seinen! „köstlichsten Freund" ans dem Gute seines Schwagers, Graf Walwich, in Dzialin bei Gnesen. Bon dort aus machte er Ausflüge in die Umgegend, und diesem Aufenthalt haben wir das „Memoire über Polen", sowie unser schönes Gedicht zu verdankell. Herr Russak hat das Mädchen seihst gekannt, dem das Gedicht gewidmet war. Sie heirathete später einen in bescheidenen Verhältnissen lebenden Kaufmann, mit dem sie aber nicht glücklich lebte. Sie konnte Heine nicht vergessen. Breza unterstützte später die arme Frau.... „Sie hatte nicht Glück noch Stern." Beim Abschied von der gräflichen Familie schrieb Heine mit einem Demantring ein kleines Gedicht an die Dame des Hauses, die- Gräfin Walwich, in eine Fensterscheibe. Im Jahre 1855 wurde düL- Gllt verkauft und .kam in die Hände eines fremden Besitzers. Die Gräfin wollte das Gedicht ihrem Vormund, eben dem liebenswürdigen Herrn Russak, schenken; beim Herausnehmell des Glases jedoch zerbrach dieses, und die Demantsplitter seiner Poesie zerstäubten in alle Winde — ein Bild dieses armen Tichterlebens selbst, das auf demantenem Grunde reinen Empfindens imb tiefer Poesie ruhte und dennoch endlich, als es gebrochen wurde, so flüchtig wie ein Windhauch dahingegangeu ist! P Feuilleton. Der unbekannte Gast. Eine Geschichte von Eduard Knlke. (Schluß.) „Kein klein Thier das," sagte Haschele. „Ich mein's auch," sagte der Schnorrer. „Ist das der Rabbi von Jeruschulnim?" fragte der Rairdar. „Nein," belehrte der Schnorrer, „das ist ein großer Rabbi ans Wilna, cs kennt ihn bei uns daheim jedes Kind; es ist noch nicht zwei Jahr' her, daß er von daheim weg ist, um nach Jeruschalaim zu gehn. Und wollt Ihr wissen, wer den Brief da geschrieben hal?" „Wer?" fragten sie. „Rabbi Elieh Wilna." Bei diesen! Namen standen Alle von ihren Sitzen ans, um ihre Ehrfurcht anszudrücken. Des anderen Tages am Sabbath freuten sich schon Alle auf den Nachmittag, denn sie konnten voraussetzen, daß ihnen der Schnorrer ivieder etwas Schönes erzählen lverde. Der Nachmittag war da, und der Schnorrer ließ sich nicht lange bitten. „Ich will Euch erzählen eine schöne „Maiße"," sagte der Schnorrer, „welche geschrieben steht in dem „Sepher Jochßen,"') lliii» er begann wte folgt: „Einmal ist gewesen ein König, der hat geheißen Knfri, der »var ein großer „Lainden" (Gelehrter). In derselbigen Stadt, in welcher der König hat residirt, ist auch gewesen ein großer „Talmud-Chochem" lein weiser Mann), der hat geheißen Rabdi Juda, und der hat mit dem König Knfri gelernt und hat ihm den jüdischen Glauben erklärt. Er war ein sehr frommer Mann, und der König hat ihn sehr gern gehabt und hat sehr viel aus ihn gehalten. So war der Rabbi Juda stets bei dem König Knfri, und unterdessen gedachte der Rabbi Juda nicht daran, daß er sein' Tochter sollt ausgeben. Nun begab es sich einmal, daß sein Weib fangt mit ihin an zu zanken von wegen der Tochter und sie sagt zu ihm: Du hast nicht mehr als die einzige Tochter und wir sein alte Leut', und sie ist noch ledig! Da lvard der Rabbi Inda erzürnt über sein Weib, und so hat er geschworen einen Schwur, dem ersten „Bocher" (Jüngling), der ihni Morgen früh, wenn er in die Schul' geht, begegnen wird, dem will er seine Tochter geben," „Das heißt ein Einfall bon einem Menschen," sagte Haschele; der Schnorrer aber setzte fort: ') Ein sehr altes hebräisches Werk.