Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 50 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- Seite 639 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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639 . Ew. Majestät werden sich ohne Zweifel erinnern, daß die Juden das alte Volk Gottes sind, dem er Seine erste geschriebene Offenbarung übergeben hat, und daß Jesus Christus, unser großer christlicher Prophet, ebenfalls ein Jude war. Es würde deshalb sicherlich dem Gott, den Ew. Majestät anbetet, wohlgefällig sein, wenn Sein Volk in Ihrem Reiche ähnliche Privilegien erhielte, wie Ihre andern Unterthanen. In England pflegten wir, wie andere europäische Nationen, den Juden früher viele und schwere Beschränkungen aufzuerlegen, aber wir schämen uns jetzt dessen und haben ihnen dieselben Rechte gegeben, welche wir selbst haben. Ich hoffe daher aufrichtig, daß Ew. Majestät nach gehöriger Ueberlegung geruhen möge, dasselbe zu thun, denn ich erbitte dies nur aus Liebe zu dem Volke, unter welchem auch ich in England Freunde habe. Gestatten Ew. Majestät mir nochmals, meinen Dank für die reiche Gastfreundschaft auszusprechen, welche mir in Buchara zu Theil geworden ist, eine Gastfreundschaft, wie ich sie in keinem andern Lande der Welt kennen gelernt habe, und zu verbleiben Ew. Majestät gehorsamer Diener- Henry Lansdell. Welche Früchte dieser Brief getragen hat, habe ich leider nicht in Erfahrung bringen können; es drängte mich jedoch im Interesse der zerstreuten Ueberreste jener Rasse, bei der ich viel Interessantes gesehen, und die mich freundlich ausgenommen hat, wenigstens den Versuch zu einer Besserung ihrer Lage zu machen. „Dn bist wie eine Blume". Vv» Gustav Karpeles. Zu den zahlreichen Fehlem und Schwächen, die eine sehr liebenswürdige Klatschpublizistik Heinrich Heine angedichtet hat, gehört auch der der Hartherzigkeit! Sagte mir doch erst kürzlich noch eine deutsche Schriftstellerin von ganz ungewöhnlicher Sittengröße — und Klatschbaserei — ganz ungenirt: „Bis jetzt habe ich immer geglaubt, ein guter Dichter könne kein böser, hartherziger Mensch sein; seit ich indas Leben Heiners eingeweiht, bin ich von meinem Vornrtheil gründlich geheilt!" — Wieso dieser geradezu verleumderische Makel unserem kleinen Heine angedichtet wurde, ist mir freilich bis jetzt ein Rüthsel geblieben; es wäre denn, daß man jene großartig eigenthümliche Lyrik der Selbstironisirung mit Herz- und Gefühllosigkeit verwechseln wollte; eine Annahme, die freilich von einer entschiedenen Unkenntniß der dichterischen Eigenthümlichkeit Heine's zeugen würde. Im Gegentheil, selten hat in einer Menschenbrust ein so warmes und gefühlvolles Herz für die großen und kleinen Leiden der Menschheit geschlagen, als in der Heine's. Tausend und aber tausend Züge aus seinem Leben, und fast eben so viele Stellen aus seinen Gedichten und Prosawerken könnten diese Thatsache erhärten. Für heute genüge unser Geschichtchen, zu dem wir nun schon eilen müssen, gewissermaßen als Passepartout zu seinem Gemüthslazarethe! Im Jahre 1822 lebte Heine — damals noch Harry Heine — als lustiger und flotter Bruder Studio in Berlin. Das Leben in dieser Stadt scheint ihm behagt zu haben, namentlich aber waren es „die Linden", diese historisch berühmte Straße Berlins, mit ihren schönen Spaziergängen und ihren nicht minder schönen Frauen und Mädchen, die der junge „Dichterlehrling" damals sehr häufig frequentirte. Eines Tages schleuderte Heine, in gewohnter träumerisch sinnender Nachlässigkeit die „Linden" entlang. Als er an die für ein gewöhnliches Menschenkind mit geraden Beinen nicht ungefährliche Passage kam, wo die meinen Leserinnen gewiß, wenn auch nicht den berühmten Eisportionen, so doch dem Namen nach bekannte Kranzlersche Konditorei wie ein Gebild ans Himmelshöhen sich erhebt, sah er auf dem Ecksteine ein armes polnisches Judenmädchen von wundervoller Gestalt sitzen und bitterlich weinen. Heine, leicht empfänglich für jede Gemüthsregung, namentlich für die, welche rabenschwarze Augen auf ein weiches Studentenherz auszuüben pflegen, lief sofort herzu (vota baue, damals existirten noch keine Schutzleute) und fragte das Mädchen nach der Ursache ihres heftigen und anhaltenden Weinens. Unter Thrünenergüssen erzählte nun das liebliche Kind dem aufgeregten Jüngling seine Leidensgeschichte. Sie war mit ihrem Vater aus der „großen und frommen" Gemeinde zu Gnesen nach der nicht minder großen und frommen Gemeinde Berlin gekommen, um die werkthätige Liebe der Berliner Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. Kaum hier angelangt, seien sie sofort von zwei unbekannten Männern in Beschlag genommen und in einen sogenannten Gasthof geführt worden, der sich jedoch nachher als eine gemeine Dievesherberge entpuppte, freilich erst, als sie ihrer ohnedies spärlichen Habe bereits beraubt waren. Aus Schreck darüber sei ihr alter Vater gestorben. Und nun stehe sie ganz allein und hilflos da in der großen und wildfremden Stadt. — Heute wäre das Mädchen in das „Asyl für Obdachlose" gebracht worden — und wir wären um unsere Geschichte gekommen! Da jedoch dies heilsame Institut damals noch nicht bestand, nahm sich der „hartherzige" Heine der verlassenen Waise an und brachte sie seiner Freundin Rahel Levin zu. Nun, meinen geehrten Leserinnen wird die Innigkeit des Verhältnisses zwischen dem aufstrebenden Dichterjüngling und der auf der Mittagshöhe des Lebens stehenden Rahel wohl bekannt sein, und sie können sich in Folge dessen auch eine Vorstellung von dem liebevollen und freundlichen Empfang machen, den Heine und sein schönes Schntzkind in dem Hause Varnhagens fanden. Rahel nahm sich ihrer jungen Glaubensgenossin au, verschaffte ihr in kurzer Zeit wieder mehr, viel mehr, als sie nach Berlin gebracht hatte, und gewann inzwischen die Kleine — nun wollen wir sie einmal Mirjam nennen — also die kleine schwarzäugige Mirjam so lieb, das; sie ihr gewiffermaßen zur Tochter wurde, die sie liebevoll und gütig in die Schütze ihres eigenen Geistes und ihres angebeteten Goethe einführen konnte. Ja, das wäre Alles ganz hübsch gewesen, wenn nicht zum Unglück noch eine andere Menschenseele die Kleine fast ebenso sehr und noch mehr lieb gewonnen hätte, wenn nicht ihre schwarzen Augen gar so gefährliche Blitze auf ein schwaches Männerherz geschleudert hätten, das keinem Anderen angehörte — als dem Herrn stuck, pbil. Harry Heine! Rahel Levin, für ihre beiden Protektionskinder die Eventualitäten jener alten Geschichte, die doch ewig neu bleibt, befürchtend, mußte nun hemmend eintreten, so unlieb ihr dies auch gewesen sein mochte, und Mirjam selbst erinnerte sich nach einigen Monden süßen Liebesfrühlings, daß zu Hause in Gnesen ein liebevoll sehnender Bräutigam ihrer warte. Und so wurde denn Rückzug geblasen, natürlich nicht ohne die üblichen Seufzer, Abschiedsszenen und so weiter! Damals hat Heine kaum gesungen: Wir haben nicht geweinet, Wir seufzten nicht „Weh!" und „Ach!" Die Thränen und die Seufzer Die kamen hinten nach. Indessen das Menschenherz ist so stark, selbst solche Leiden zu ertragen imb noch — leben zu bleiben, und die Geschichte vom „gebrochenen Herzen" war schon damals mehr eine süße Mär oder eine langweilige historische Reminiscenz aus alten Tagen. Auch Heine tröstete sich! Das rauschende Leben in der Residenz mit ihren Festen und Freuden bot dem Dichter Ersatz für die Leere des Herzens.