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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-25 · Heft 50 (25.12.1890) · p. Seite 638

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 50 (25.12.1890)
Date
1890-12-25
Page
Seite 638 (sequence 6)
Language
German
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638 lich ihr „Genizah" vorstellte, lagen '). Da ich selbst davon überzeugen wollte, daß dieselben, wie der Rabbi behauptete, keinen alterthiimlichen Werth besäßen, so wurde eine Leiter gebracht, und ich stieg in Begleitung des bereits erwähnten, einige Worte Französisch sprechenden Juden hinauf, um die Manuskripte zu dnrchstöbern. Sobald meine Wächter dies sahen, verlangten sie, damit wir keine Geheimnisse mit eiueinder austauschen könnten, daß ich Alles, was ich zu sagen habe, durch den Dolmetscher übersetzen lassen solle; auch machten sie dem Juden begreiflich, daß sie es nicht gern sähen, daß er dort oben bei mir sei, allein er kümmerte sich nicht darum und blieb. Bei der näheren Untersuchung der Bücher fand ich, daß dieselben wirklich nichts anderes waren, als was man mir gesagt hatte, alte „Thorahs". von denen einige kaum beschmutzt waren. Wie es scheint, ist es in Buchara Sitte, daß die Juden nach ihrem Tode eine gewisse Summe Geldes aussetzen, um ein neues Manuskript für die Synagoge anznschaffen; infolgedessen befanden sich etwa 20 oder 80 alte „Thorahs" ans der Plattform, und da mehrere über und über mit Staub bedeckt waren, so stellte ich meine weiteren Untersuchungen bald ein. Ein ferneres Hindernis; für meine Nachforschungen war, daß die Juden sich, neugierig, was der Besuch der Fremden in der Synagoge zu bedeuten haben könne, um uns schaarten, und uns, als ich dem Rabbi meine Briefe in der „heiligen Sprache" zeigte, so dichtumstanden, daß wir kaum Luft zu schöpfen verniochten. Einige der jüngeren Leute mit ihre» kohlschwarzen Augen waren entschieden hübsch zu nennen. Ich erinnere mich nicht, je ein solches Gedränge gesehen zu haben, wie bei den Juden in Kokan, Samarkand und Buchara; sie waren nicht unehrerbietig und roh und machten sofort Platz, wenn ich mich weiterbegeben wollte, aber sie drängten sich dicht an uns heran, und die sich auf ihren Gesichtern wiederspiegelnde Neugier war geradezu überraschend. Zuin Theil hatte das wohl seinen Grund darin, daß wir die ersten Engländer waren, welche sie sahen; noch mehr reizte ihre Verwunderung aber wahrscheinlich die Thatsache, daß zwei in der besten Gesandtschaft der Stadt wohnende Gäste des Emirs ihnen einen in ihrer eigenen Sprache geschriebenen Brief gebracht hatten, nach ihrer Synagoge gekommen waren und anstatt sie, wie die hochmüthigen Mohammedaner, zu verachten, sich bereit erklärt hatten, ihre Wohnungen zu besuchen und ihre Kranken zu heilen, wie wir versprochen hatten. Die Leute kamen daher nicht vereinzelt, sondern in ganzen Schaaren, und als wir das Gotteshaus verließen, war nicht nur der schmale Eingang gedrängt voll, sondern sie hatten auch die Mauern und Dächer der Häuser erklettert, um uns zu sehen. Unfern muselmännischen Wächtern schien diese Aufregung keineswegs angenehm zu sei», vielmehr ärgerte es sie offenbar, daß ich mich um das Wohl der Kinder Israels bekümmerte. Als sie nun gar entdeckten, daß die Juden uns in ihre Wohnung eingeladen hatten, suchten sie uns davon abzuhalten, allein ich sagte ihnen mit größter Entschiedenheit, ich würde meine Absicht, zu de» Juden zu gehen, unter allen Ilmständeu ansführeu, einerlei ob ihnen das recht sei oder nicht, und bat den Mann, der unsere Hilfe wünschte, voraufzugehen und den Weg zu zeigen. Sevier und ich folgte», unbekümmert darum, ob die Leute des Emirs nachkamcn oder nicht. Die Menge drängte sich sofort wieder heran, zum großen Mißvergnügen unseres Tschiguitts Kölnisch, der, als die von ihm verachteten Juden seinen Worten kein Gehör schenkten, in seinem Jähzorn den Polizisten heraus- ') Die Juden bewahren an einem solchen Orte ihre alten Gesetzbücher auf, die beschmutzt oder unbrauchbar geworden sind; letzteres werden sie schon, wenn nur ein einsigeS Wvrl »erwischl ist. kehrte und mit seiner Reitpeitsche um sich zu schlagen begann, um die armen Teufel in respektvoller Entfernung zu halten. Traurigen Gesichts nahmen dieselben die Schläge hin, ein Beweis, daß sie an eine solche Behandlung gewöhnt waren. Mittlerweile waren wir bei dem Hause einer Kranken angelangt. Bor der Thür drängte sich die Menge, doch ginge» außer den Eltern des Mädchens nur Jakub und einige Andere mit hinein. Die Frauen waren unverschleiert. Nach englischer Sitte reichte ich der Mutter die Hand; sie nahm dieselbe auch, obgleich ich später erfahren habe, daß es gegen die Lehre der Rabbiner ist, daß eine Frau einem Manne die Hand drückt. Das Mädchen litt an einer Augenentzündung, für welche Sevier ihm ein Mittel zu senden versprach. Dann wurden wir gebeten, zu einem anderen Patienten in der Nähe zu gehen, einem alten, gelähmten Rabbi, der, als Sevier sich bei der Untersuchung über ihn beugte, bis zu Thränen gerührt war, die Hände auf den Kopf meines jungen Freundes legte und ihn segnete. Sevier würde Beine und Rücken des Kranken haben elektrisiren lassen, wenn Borkehrlmgen dazu in Buchara vorhanden gewesen wären; allein da dies nicht der Fall, so schrieb er ein Rezept aus, das in Samarkand angefertigt werden sollte. Ich weiß nicht, ob die Leute des Emirs mittlerweile zu der Ueberzeugung gekommen waren, daß sie zu weit gegangen seien; jedenfalls mußten sie aber bemerkt haben, daß ich ärgerlich war, denn sie begannen sich damit zu entschuldigen, sie Hütten befürchtet, daß ich in der Menge zu Schaden kommen könnte, und deshalb gewünscht, daß ich mich nicht in die Häuser hineinwagen möchte. Im Hause des Rabbi wurden uns Früchte angeboten, die wir aßen; bei dieser Gelegenheit erkundigte ich mich nochmals nach alten Handschriften, vermochte jedoch nichts darüber in Erfahrung zu bringen. Später sahen wir keine der hervorragenden Juden Bucharas mehr. Zwar kamen noch zwei Leute nach unserm Quartier, von denen der eine schlimnie Augen hatte, während der andere Jakub charakteristischer Weise mittheilte, er habe europäische Kleider zu verkaufen. Wir hatten jedoch keinen Bedarf an denselben, auch fehlte uns die Zeit zu einem Besuche bei dem spekulativen Geschäftsmanne, da am nächsten Tage noch weitere sechs Juden und zwei Jüdinnen um unsere Hilfe nachsuchtcu. Bon den Letzteren litt die eine an einem leichten Kropfausatz, die andere an Augenentzündung, von den ersteren einer an einer Verletzung der Hand. Bon da an kamen wir in Zentralasien nicht wieder mit Juden in Berührung. Um dieses Thema hier zu beendigen, will ich gleich hinzufügen, daß ich, als ich nach meiner Abreise von Buchara an den Emir einen Brief richtete, um mich bei ihm zu bedanken, die Gelegenheit benutzte, um meinem königlichen Wirthe das Wohl der Israeliten in folgenden Worten ans Herz zu legen: Petro-Alezandrowsk, Okt. 17,29. 1882. An Se. Majestät den Emir von Buchara. Sire! Meinem Versprechen gemäß beeile ich mich. Ew. Majestät meine glückliche Ankunft Hierselbst mitzutheilen und noch einmal meinen Dank anszusprechen für alle die Freundschaft, welche mir auf dem Wege durch Buchara zu Theil geworden ist. Ich will die Geduld Ew. Majestät nicht mit der Auszählung alles dessen erschöpfen, was mir gefallen und mich interessirt hat; wenn ich mir aber erlauben darf, eins z» erwähnen, was mir auf der Reise in Zentralasien Schmerz bereitet hat, so ist das die Lage der Inden. In Samarkand wurde mir schon gesagt, daß den Jude» in Buchara große Beschränkungen auferlegt seien, und als ich sie besuchte, fand ich zu meinem Bedauern alles bestätigt, sowie daß sie nur eine Synagoge besitzen. Darf ich nicht zu hoffen wage», daß Ew. Majestät ihnen gnädigst gestatten werden, nach andere Synagogen zu bauen, wenn sie solche wünschen?

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