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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-25 · Heft 50 (25.12.1890) · p. Seite 637

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 50 (25.12.1890)
Date
1890-12-25
Page
Seite 637 (sequence 5)
Language
German
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637 heit jene Lehre gegeben, die als „christliche Nächstenliebe" viel Gutes geschafse» hat, und es wird ansdauern, so lange noch ein Tropfen jüdischen Blutes in den Ader» der Menschheit roll!. Es wird nicht aushören zu schlagen, so lange es noch Gegensätze zu versöhnen und Elend zu lindern giebt. Es ivird weich, aber »nithvoll über alle Kränkung, die ihm beabsichtigter oder unbeabsichtigter Weise angethan wird, triumphiren bis ans Ende aller Tage. O Die Juden von Buchara. Von Henry Landsdell. Ich war auf's Aeußerste gespannt, Näheres über die Lage der Inden in Buchara zu erfahren, welche, wie ich schon in Europa von verschiedenen Seile» gehört hatte, sehr gedrückt sein sollte, so dasi ich mir vorgenvnnnen hatte, den Israeliten in jeder Weise behilflich zu sein, Ivo ich etwas zur Besserung ihres Schicksals beitragen tonnte. Daß das viel sei» würde, hoffte ich allerdings selbst nicht. Bei einigen Rabbis in Europa hatte ich auch Erkundigungen über die jüngste» Judenverfolgungen in Rusiland eingezogen, auch war ich bei der zu Anfang des Jahres 1882 unter dein Borsitze des Lord Mayors abgrhaltencn Bersannnlung im Londoner Mansion Hause zugegen gewesen, >vo über die Unterstützung der verfolgten Juden bcrathen worden war. Ich hatte den Empfehlungsbrief, welchen ich vom Lord Mayor als Borsitzendcn des jüdische» Unterstützungs-Fonds erhalten hatte, überall vorgezeigt, zum Zeichen, das; ich es wirklich gut mit den Juden meinte, doch muf; ich gestehen, das; die mündlichen Berichte der Rabbis weit weniger schlimm klangen, als die frühere» Schilderungen der Zeitungen. In Moskau erfuhr ich, wie die Schwierigkeiten mit der vom Minister Jgnaticw angcordneten Wiederinkraftsetzung geivisser alter Berardnungcn gegen die Juden, welche, obgleich sie nicht aufgehoben waren, lange Zeit mit Borwissen der Behörde» nicht beachtet wurde», augefangen hätten; das; die Inden auf höheren Befehl keine Gewaltthätigkeiten erlitten hätten, wenngleich die Polizei in einzelnen Fällen einige kranke Frauen, die nicht reise» konnten, aus der Stadt vertrieben hatte, bis dem Gouverneur, Fürsten Dolgvrucki, eine Petition überreicht worden war, worauf dieser sich bemüht hatte, die Ausführung des ministeriellen Dekrets so viel wie möglich zu milder». Bon da ab wurde die Lage der Juden weniger schlimm, wenngleich nicht z» leugnen ist, das; sie in gewissen Theilen Rußlands mit großen gesetzlichen Hindernissen zu kämpfen haben. Ein Jude beschrieb mir diese Hindernisse kurz wie folgt: „Der Jude darf nicht Handel nach dem Inner» treibe», ivenn er nicht Kaufmann der ersten Gilde oder fünf Jahre in den Provinzen Kaufmann gewesen ist. Jüdische Handiverker dürfen im Innern sich nicht als Bürger, sondern nur mit einem Fremdenpaffe aufhalten, auch gestattet die Polizei ihnen nur, ihr eigenes Handwerk zu betreiben. Ein Jude darf sich von seinem > erworbenen Bermögen kein Haus im Innern kaufen und dort leben. Seine 'Frau darf dort bleiben und als Schneiderin arbeiten; wenn er jedoch keine Beschäftigung besitzt, muß er fort." Mit dem „Innern" sind Petersburg, Moskau und gewisse andere Städte gemeint, wo die Gesetze nicht mit so großer Strenge durchgeführt wurden, viele Juden aus den Provinzen, ohne daß ihnen dies gewehrt worden war, sich niedergelassen hatten und die Bertreibung von 200 oder •WO ihrer Glaubensgenosse» und die Zurücksendung derselben nach ihren früheren Heimathsorten den jüdischen Gemeinden 10,000 bis 12,000 Mark gekostet hatte. „Wenn ein Jude" — fuhr mein Gewährsmann fort — „die Universität besucht hat, so kann er der Theorie nach in den Staatsdienst eintreten, in der Praxis nicht. Beispielsweise hat der KriegSminister erst vor Kurzem den Befehl erlassen, das; das jüdische Element unter den Militärärzten nicht fünf Prozent übersteigen darf. Ferner kann ein Jude nicht Börsenmakler werden, auch ist ihm, selbst wenn er der ersten Gilde angehört, der Handel mit Spirituosen und die Herstellung derselben im Innern verboten. Dann hat Jgnatiew kürzlich angeordnet, daß die Juden im Innern nicht Apotheker sein oder eine Apotheke verwalten dürfen, sowie den Juden im Westen verboten, Ländereien zu kaufen oder zu pachten. Sogar in Moskau scheinen sic kein Stück Land ihr eigen nennen z» können, mit eine Synagoge darauf zu bauen, obwohl dies Lutheranern und Mohammedanern gestattet ist. Nach russischem Oiesetz war es früher erlaubt, daß, sobald die Hochschulen eine gewisse Zahl jüdischer Kinder hatten, diese von einem Rabbi unterrichtet wurden; dies ist wenigstens in einer großen Stadt verboten worden, ja der Rabbi durfte sie nicht einmal in feinem eigenen Haufe belehren. Endlich haben die Juden kein Gemeinderecht." Die Juden im Westen betrachten die Russen als ihre Unterdrücker, wohingegen diejenigen im Osten, in Samarkand, sie als ihre Befreier begrüßten, so daß die Israeliten in Buchara keinen sehnticheren Wunsch hegten, als daß der Zar auch ihr Land in Besitz nehmen möge. Ich benutzte die erste sich mir bietende Gelegenheit, um eine geheime Unterredung mit einigen buchariotischen Juden, an welche ich Empfehlungsschreiben besaß, herbeizuführeu, doch schiene» dieselben in größter Augst zu schweben, daß Jemand sic mit mir sprechen sehe oder höre. Früher, sagten sic, wurde mit dem Tode bestraft, wer mit den Russen sprach; jetzt dürften sie mit Letzteren, soweit es sich um Oieschäfte handle, reden, allein trotzdem wagten sie, verachtet wie sie sind, nicht, meine Einladung zu einem Besuche in der Gesandtschaft anzunehmc». Bambsiry behauptet, die Juden seien vor lf>o Jahren von Kasim und Merw nach Buchara gekommen, während sie selbst mir erzählten, ihre Borfahren seien vor ooo oder 7oo Jahren zum größten Theil aus Persien, einige auch aus Tunis eingewanderi. Maiichc der buchariotischen Inden haben Reisen nach Europa gemacht; einer derselben sprach auch einige Worte Französisch, ivenn auch nicht so viel, daß wir uns in dieser Sprache unterhalten konnten. Ich zeigte den Juden meine Briefe und fragte sie, ob ich etwas für sie thim könne; anfänglich schienen sie mein Anerbieten gern annehmen zu wollen, indem sic mich baten, beim Emir die Freilassung irgend welcher jüdischer Gefangenen, die er noch haben möge, zu erwirke». Ihr Wunsch bezog sich namentlich auf einen früheren Ober-Rabbiner, welcher vor 10 Jahren verhaftet, nach Konfiszirnng seines Eigenthums gezwungen worden war, Mohammedaner zu werden, noch jetzt im Palastc gefangen gehalten wurde und die Festung nicht verlassen durfte. Nach weiterer Ueberlegung kamen sie jedoch zu der lieber zeugung, daß eine Bitte um seine Freilassung vielleicht zu seiner Ermordung führen könne, und meine Berwcndung für sie ihnen möglicherweise eher Nachtheile als Bortheile bringen werde, zur Strafe dafür, daß sic mit mir über ihre Berhältniffc gesprochen hätten. Sie flehten »sich daher an, ich möge nichts zu ihrem Gunsteu unternehmen. Die Synagoge der Juden soll Ooo Jahre alt sein und besteht aus einem einfachen Raum von 10 Meter im Ouadrat, der nicht die geringste Spur von architektonischer Schönheit besitzt und durch einen schmalen Gang betreten wird. An einem Ende stand ein Lesepult aus Marmor, auf dem sie mir ihre Bücher und Handschriften vorlegten, doch suchte ich vergeblich nach einem Manuskript des Propheten Daniel, welches sich nach Dr. Wolff hier in Buchara befinden sollte. Alsdann zeigten sie mir eine größere Anzahl alter „Thorahs", Kopien ihrer Gesetze, welche in einem wüsten Haufen auf einer Plattform in halber Höhe der Decke, dem Orte, welcher hier wahrschein-

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