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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-25 · Heft 50 (25.12.1890) · p. Seite 636

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 50 (25.12.1890)
Date
1890-12-25
Page
Seite 636 (sequence 4)
Language
German
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636 Und dies ist am Ende nur Nebensache; vielleicht, daß der Spott euch gar nicht drückt. Hütet euch aber, daß nicht gar die Scheinsucht euch hindere, nach dem zu streben, was wahrhaften Werth hat; daß sie euch dazu führe, euch und die Andern in ganz falschem Lichte zu sehen. Ihr seht schließlich, so ist zu fürchten, nur Glanz und Schimmer und Flimmer und habt keinen ruhigen Blick mehr für das Gediegene, obwohl Glanzlose. Ihr seid in Gefahr, das Beste, was wir hatten, zu verlieren oder aufzugeben, und das Gute, das ihr euch aneignen könntet, solltet, zu übersehen imb liegen zu lassen. Die Prunksucht ist allerdings ein trauriges Erdtheil aus der orientalischen Vergangenheit Israels, wie sehr sie auch von den ernsten Männern Israels zu allen Zeiten gegeißelt und beklagt ward, in den Tagen Salomons, wie in denen Jesaja's; und die Edlen unter den spanischen Juden klagten die Prahlsucht als Grund der Vertreibung an. Jetzt wollen wir uns germanisiren! Das geschehe — aber in der rechten Weise. Indessen fürchte ich, eure Scheinsucht hat euer Auge getrübt, hat euch den rechten Werlhinesser entzöge)!. Wir können von unseren christlichen Mitbürgern viel lernen: so lernt und seid dafür dankbar, aber ohne die angestannnten Tugenden gering zu schätzen und auszugeben. Daun werdet ihr die Tugenden unserer Väter nicht nur bewahren und forterben, sondern auch bereichern, ausdehnen und entwickeln. Die berühmte jüdische Nüchternheit und Mäßigkeit soll sich nicht blos auf Speise und Trank beziehen, sondern sie soll ein Uebermaß jeder Art, den Luxus in jeder Form vermeiden. Man ist nicht bloß von Wein trunken und berauscht, sondern auch von Steinen, Metallen und Stoffen. Zur Schmach gereicht die eine Trunkenheit lvie die andere. Was die Scheinsucht schadet? wollt ihr wissen, Nun, ich null es sagen: sie führt schließlich dahin, daß man nicht gut, sondern schlecht scheine)! will, weil )nan gut und schlecht zu unterscheiden vergessen hat. Hier ist es, wo ich an) meisten weine. Der schöne Satz Noblesse oblige wird schon nach den) Muster der jenuosse (loröe des unc-ien rogime von einem Theil unserer Jünglinge derartig mißverstanden, daß sie lneinen, er bedeute die Lossagung von jeder Zucht und Züchtigkeit, die Verhöhnung des Anstandes und der Keuschheit; das fordere der Reichthum, um zu zeigen -- daß man nobel zu leben lvisse. Jüdische Eltern, ihr seid gewarnt. Daß sich nicht einst zu eurein Schmerz noch der Vorwurf füge! Die christliche Nächstenliebe und das gute jüdische Herz. Von Georg Min de». Wenn inan die Beitragslisten der verschiedene» Wohlthätigkeits- Anstalten »nd Wohlfahrts-Einrichtungen in Berlin betrachtet, so findet man, das; sich die Inden, sowohl ivas die Anzahl der Spender als was die Höhe der Spenden anbetrifst, in ganz besonders hohem Wtnbe dabei betheiligen. Nicht etiva an solchen, die ausschließlich für ihre ärmeren Glaubensgenossen bestimmt sind, — im Gegentheil: >ver Gelegenheit nimmt, für derartige Sammlungen zn wirken, weiß, wie oft man ans die widerwärtigsten und elendesten Ausflüchte stößt — sondern gerade an solchen, deren Wohlthaten fast ausschließlich den Nichtjuden zn Gute kommen. Auch an edlen Beispielen, lvo Christen Wohlthnn für Inden üben, fehlt es keineswegs; indessen sind solche Fälle doch verhältnißmäßig seltener. Und wie in Berlin, so ist es wohl in allen Städten »nd in allen Gegenden Deutschlands. Wir sind weil entfernt, dies Berhültniß zu beklagen - mit Ausnahme des Umstandes, daß wir auch wünschen, daß die Wohlkhätigkeit von Inden für Inden nicht unter der interkonfessionellen leiden niöge. Wir sind sogar stolz darauf, wenn wir hören, daß irgendwo ein Mann oder eine Frau jüdische» Bekenntnisses für ein Krankenhaus oder für Ferienkolonien oder für irgend etwas dergleichen eine namhafte Summe hingegeben oder Zeit »nd Arbeit dafür eingesetzt hat. Trotz dieser Thatsachen und trotzdem die „bekannte Mildthätigkeit unserer israelitischen Mitbürger" bei unzähligen Gelegenheiten rühmend erwähnt wird, ist es Sprachgebrauch, die Bestätigung des Wohlthätigkeitssinnes als den Ausfluß der „christlichen Nächstenliebe" zu bezeichnen. Es wirkt dies jedesmal auf fast alle Juden wie eine kalte Douche; man fühlt darin eine Zurücksetzung, eine ehrenrührige Kränkung, durch die man »ns aus der Gesannntheit der eivilisirten Menschheit Hinausstoßen möchte — wenn nicht gerade zu den Thieren des Waldes — so doch wenigstens z» den Fetischanbetern und Kannibalen. Und doch zeigt das Studinm der Bibel, daß das Gebot der Nächstenliebe ein jüdisches war, che cs ein christliches wurde, daß cs direkt vom Judenthum in das Christeuthum übergegangen ist. Alle Mühe, die von gelvissen Richtungen der Wissenschaft aufgewendet wird, um diesen Thatbestand zu verdunkeln, ist vergeblich; alle Sophismen, die mit großem Scharfsinn für die gegentheilige Meinung ins Feld geführt werden, zerflattcrn wie die Spreu im Winde. Es giebt allerdings hartherzige und übelwollende Inden, ivie es hartherzige und übeltvollende Christen giebt; cs giebt auch Zeiten, in denen Menschen von gutem und edlem Charakter durch die Hitze des Kampfes um das Dasein, oder durch die Geivalt der Umstünde gezwungen werden, streng »nd grausam zu Handel» - aber Milde, Barmherzigkeit, Bersöhnlichteit »nd allgemeine Menschenliebe tverden dem Juden von seiner Religion ebenso empfohlen, wie dem Christen von der seiuigen. Wenn wir nun dadurch beleidigt werden, daß wir eine Wvhlthat, an der wir mit aller Hingebung geholfen haben, als ein „Wert christlicher Nächstenliebe" preisen hören, sollen wir uns diesem Gefühl der Berstimmnug hingeben f Es wäre dies unrecht; denn wenn es auch Vorkommen mag, daß mit einer solchen Bezeichnung eine absichtliche Herabsetzung des Jndenthnms und seiner Bekenner ausgesprochen tverden soll, in den allermeisten Fällen tvird dies sich nicht so verhalten. Ter Christ, der sich so ausdrückt, wählt diese Bezeichnung nur, weil in ihr das Höchste und Edelste, was es für ihn giebt — feine Religion — erwähnt tvird, und tveil er eine gute That mit dem höchsten und edelsten Ausdruck, den ihm sei» Sprachgebrauch zur Berfügung stellt, verbinden will. Sollen wir aber vielleicht der christlichen trotzig den Begriff einer jüdischen Nächstenliebe entgegenstellen? Auch dies wäre unseres Erachtens ein falscher Weg. Ter Sprachgebrauch ist sehr feinfühlig und erträgt solche Nachahmungen nicht. Wir haben einen anderen Ausdruck, der ungefähr dasselbe meint und doch ettvas Anderes besagt: es ist „das gute jüdische Herz", von dem wir Alle oft gehört rmd dessen Edelmuth wir auch gelegentlich erfahren haben. Der Unterschied ist fein, aber charakteristisch: ivas der Christ als ein Erzeugnis; der Erziehung ansieht, als einen Erfolg seiner Uitterweisnng in derjenigen Religion, die ihm erst von Juden und durch Juden zugesührt worden ist — das bezeichnet der Jude als eine angeborene Rasseneigenthümlichkeit, als eine ererbte Anlage, die er unmittelbar von seinen Eltern erhalten hat, »nd deren er sich nicht entünßern kann. Dies gute jüdische Herz — es hat zweifellos seine Schwächen, und es wird vielleicht ein andermal Gelegenheit sein, darüber zn reden — aber es hat feine großen Vorzüge; es hat auch der Mensch-

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