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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-25 · Heft 50 (25.12.1890) · p. Seite 635

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 50 (25.12.1890)
Date
1890-12-25
Page
Seite 635 (sequence 3)
Language
German
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635 es dir bei allen Gaben, die dn deinem allgütigen Schöpfer verdankst, möglich gewesen wäre? Vielleicht bist dn in allem Guten hinter den Erwartungen, die man von dir hegen durfte, zurückgeblieben. Du verlangst, meinst du, nur was billig ist: Anerkennung deiner Leistungen; dies sei der Lohn deiner Mühe. Wer aber den Lohn zu früh einfordert, verliert die Zeit und lässt die Kraft rosten, mit der er seine Leistungen hätte erhöhen können. Befriedigend, kräftigend ist nur die Anerkennung, die uns zufällt, ohne das; wir sie suchten. Vergleiche nicht deine Leistungen mit denen Anderer, um dich über diese zu erheben; und vergleiche nicht die Fehler des Andern mit den deinen, um diesen immer noch unter dich zu stellen. Wenn du überhaupt über dich und deinen Nächsten »rtheile» willst, so beurtheile alle Ander» mild, rücksichtsvoll und nach durchschnittlichem Maßstab; dich selbst aber miß genau und streng an der Forderung des Ideals: denn du kannst nicht wissen, ivic sehr der Andere in seinem Streben durch mangelhafte Begabung und unglückliche Zufälle, die du nicht kennst, gehemmt war; du aber, suche nur, so tvirst dr> finden, wie viel dir eine glückliche Fügung geholfen hat und förderlich war. Frage dich, ob du jede sich dir darbietende richtige Weisung, lebhafte Anregung, wesentliche Stärkung ergriffen, benutzt, ausgcbeutct habest? ob nicht noch so manches vor dir liegt, was dir klar dargeboten ist, was dir zu deiner Vervollkommnung dienlich sein könnte, während du vielleicht nur zu träge, zu eingebildet bist, darnach zu greifen. Wissen, Bildung, Tugend, das sind ja Güter, die uns nur dann zugestanden werden können, wenn wir in dein Glauben, wir hätten sie noch nicht, unablässig darnach streben, sie zu erwerben. Das ist Weisheit, bis zum letzten Athemzuge durch gottgefällige:; Wandel sic zu erlangen suchen. Du sollst dir nie selbst als Bösewicht erscheinen, dich niemals öffentlich anklagen; aber aus deiner Lagerstätte sprich in deinem Herzen und sei still (Psalm 4, 5). Da wirst du cs dir sagen, und glaube es nur immer, daß du un; etwas besser sein könnest, als du bist. Du sollst dich nicht verkrieche»! Gewiß, wir sind herausgetretcu aus dem Ghetto. Hast du dir durch dein Benehmen und deine ganze Lebensweise das Vertrauen deiner Mitbürger und Genossen erworben, und haben dich diese mit einem Ehrenamt bedacht: so suche dieses so gut du kannst zu erfüllen, und erfülle es still und bescheiden; thue so, als hätten sie dich nur auf deine Pflicht verwiesen. Mehr als deine Pflicht kannst du doch niemals thun; also fordere dafür auch niemals besondere Anerkennung. Habe aber imtner den thatkräftigen Willen, Gutes zu fördern, Böses zu hindern, und werde nicht ungeduldig und ermatte nicht vor Mißmuth, wenn der Erfolg deines Wirkens nicht sogleich sichtbar wird, wenn die Hemmnisse, die dem von dir erstrebten Fortschritt entgcgenstehen, sich nicht so bald beseitigen lassen. Thue wie der Ackersmann, der sein Land pflügt und säet und dann wartet, ob er ernten wird; thue tote der, welcher einen Baum pflanzt, wie fraglich es auch sein mag, ob er dessen Früchte genießen, in dessen Schatten sitzen werde. „Wirf dein Brod auf's Waffer", sagt der Prediger (11, 1), „mit der Zeit wirst du schon fiyden, daß es zur Nahrung gedient hat", und — fordere keinen Dank, keine Anerkennung. So denke ich über das Gellen- und Glänzen-Wollen, wo etwas Wesenhaftes zu Grunde liegt, wo dir eine gelviffe Berechtigung als Entschuldigung zur Seite steht. Nun aber gar prahlen mit Nichtigkeiten, mit Dingen, welche käuflich sind, blos darum, weil sic theuer sind und nicht Jeder sie hat! sich um so werthvoller dünken, je kostbarer die Last, die man trägt — wie klein, wie thöricht, wie verspottenswerth! Durch solches Benehmen stichst du von Aridern ab, fällst du auf; und das willst du auch wohl, willst gerühmt, beneidet sein. Aber du sagst dir nicht, daß das Auge, das du auf dich lenkst, l dich richten muß; und das Auge, daß dich vielleicht lobcnswerth > fände, wenn es dich eben nur zufällig entdeckte, muß dich jetzt vernrtheileu, weil du cs herausgefordert hast. Bist du wirklich reich, so darfst du dich dessen freuen: mit Geld ist viel Lobenstverthes anszurichken. Es tau» aber wahrlich niemals an Gelegenheit fehlen, Geld vortrefflich zu verwerthen. Es aber zu verschwenden in gleißenden; Putz, in kostbaren Stoffen, in häufige»; Wechsel der Kleider erscheint de»; ruhige» Beobachter zu närrisch. Ich begreife wohl, daß es eine gewisse Befriedigung gewährt, überall und in alle» Stücke» Geschmack zu zeigen und denselben also auch in der Kleidung zu bekunden wie in der Zimmer- Einrichtung; ich wünschte nur, daß es inehr dein Geschmack wäre, als der des betreffende» Handtverkers; überhaupt ein Geschmack und nicht blos theuer bezahlt: und es müßte auch wirklich geschmackvoll sein, aber nicht blos neueste Mode; und endlich müßte es nicht nur an sich schön sein, sondern auch für dich passend und schicklich, deinem Alter und Geschäft, deiner Körperform anstehend, und besonders auch deiner Stellung angemessen. Unsre Eltern haben uns von Zeiten erzählt, wo der Jude gezwungen war, sich durch einen gelben Flecken am Kleide kenntlich zu machen. Die Kulturvölker haben gefühlt, wie schnmchvoll für sic und die Inden solches Abzeichen sei. Mir ist, verehrter Leser, als fühltest dn nicht die ganze Schmach, welche darin liegt, daß du durch deinen Luxus dich als Jude kennzeichnest; denn ob jenes schimpfliche Abzeichen ein elender gelber Lappen oder eine goldne Robe ist, kann doch keinen Unterschied inachen — die Wirkung des Kennzeichens bleibt dieselbe und wird um so schiinpslicher, weil sie freiwillig hervorgerufen ist. Auch ist es gleichgiltig, ob man sich durch einen gelben Lappen oder durch ein lautes, vielleicht vorlautes Benehinei; an öffentlichem Ort zu erkennen giebt. Dem; das Auge der Leute aufreißcn oder ihre Ohren - die Wirkung ist dieselbe. Es ist nicht Alles erlaubt,;vas nicht verboten ist. Es giebt auch j Gesetze der Sitte, des Anstandes, deren Uebertretung sich in der j Gesellschaft nicht minder stark rächt, als wirkliche Vergehe»; und wer! weise ist, hütet sich vor den; Einen wie vor den; Anderen. Ein Jude s zumal muß immer gegenwärtig haben, ivas sich für ihn schickt. Um s das Geziemende zu erfahren, werden wir von unserm großen Dichter! an die edlen Frauen gewiesen. Haben wir denn unter unseren; Jüdinnen nicht viele edle Frauen, die den Ton angeben mögen?; Du willst, du darfst deinen Bekannten nicht nachstehen. Nein,! du sollst ihnen sogar, wenn es dir möglich ist, vorangehen — in allein Guten und Gerechten und Schicklichen; und du mußt ihnen nicht nur dadurch vorangehen, daß dn ihnen ein Vorbild in allem Löblichen bist, in Mäßigkeit, Sittenreinheit, Sparsamkeit und Wohlthun, in Bescheidenheit und stiller Wirksamkeit für öffentliche! Zwecke, in tüchtigen; Streben nach Bildung und jeder Art der Ver-; vollkommnung, sondern zum mindesten auch dadurch, daß du ihnen nicht, in ihrer Thorheit folgst. Nun aber gar sich bemühen, die Affe» in ihrer Weise noch zu übertreffen!- Was schadet denn ein wenig Eitelkeit? ein wenig Glänzen? Dergleichen befriedigt und spornt an. So meint ihr. Wenn ich sehe, wie der Berechtigte nach äußerer Anerkennung und Geltung strebt, so lächle ich; wenn ich sehe, wie die Thorheit sich breit und laut inacht, so lache ich; oft aber muß ich weinen. Ihr habt es jetzt erfahren, wie das Auge unserer Gegner auf uns gerichtet ist. Sie würden eure Tugend erkennen, auch wenn ihr dieselbe verborgen hieltet, im Falle sie dieselben sehen wollten; aber sie werden sicherlich eure Eitelkeit nicht nur sehen, sondern mit dieser auch eure Tugend zu verdecken suchen. — Durch euer Schemen- Wollen könnt ihr immer nur erwarten, Spott zu ernten.

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