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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-12-25 · Heft 50 (25.12.1890) · p. Seite 634

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 50 (25.12.1890)
Date
1890-12-25
Page
Seite 634 (sequence 2)
Language
German
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634 Leitartikel: Bescheidenbeit. Bon Professor Tr. H. Steintbal. — Tie christliche Nächstenliebe und das gute jüdische Herz. Von Georg Minden. — Wissenschaft nnd Litteratnr: Tie Juden von Buckara. Von Henry Land'bell. — ..Tu bist wie eine Blume." Von Gustav Karpeles. — Feuiueion: Ter unbekannte Gast. Von Eduard Kulte. (Schluß) — Der sterbende Musikant. Von E. Birnbaum. — Westöstliche Poesien. Von Samuel Kristeller. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin. Aus Westpreuße i, Hamburg. Breslau. Memel. Scunter. Pr. Staraard, Hannover. Göttingen. Stuttgart. Prag. Paris. London. Petersburg. New-Pork. — Von Rah nnd Fern. — MiSeellen. Lrscheidrnheit.! Von Prof. Dr. H. Steinthal. Der Erste, der eine Predigt hört oder liest, ist nicht der an- | dächtige Zuhörer oder Leser, sondern der Prediger selbst. Wenn also Jemand zur Bescheidenheit in unbescheidener Weise ermahnte, so wäre i das nicht blos ein logischer Widerspruch im Beiwort, sondern eine! thatsächliche Bernichtnng des eigenen Wortes — zumal wenn der Redner von Niemandem berufen ist, und er blos aus eigener Ermächtigung spricht. Es hilft auch nichts, wenn er Propheten zitirt, zumal allbekannte Verse; eher könnte man ihm rathen, die Schalksmaske vorzunehmen. Das weitz ich Alles recht wohl; und ich wurde auch gern die Maske vorbinden, wenn sie mir süße; aber sie will mir nicht zu Gesicht stehen. Wenn ich nun dennoch in gegenwärtigem Artikel dir, verehrter Leser, kurzweg Unbescheidenheit vorwerfe, so wirst du gewiß, je weniger dich der Vorwurf trifft, um so eher und uni so voller mir verzeihen; du aber, der du dich getroffen und verletzt fühlst, sollst wissen nnd sollst es bedenken, daß ich ans Liebe zu dir und zum ganzen Israel rede. Die Liebe bedeckt, gewiß; aber sie enthüllt auch: sie ist blind, aber auch scharfsichtig; sie ist nachsichtig lind geduldig, aber auch eifrig nnd nach Fehlern spähend, und legt das Wort nicht auf die Wagschale und scheut die Härte nicht. Warum so? weil sie ihr Geliebtes von allen Vorwürfen und jedein Tadel frei sehen inöchte. So erklärt sich ja die oft furchtbare Rede unserer Propheten; und machte? deine eigene Liebe nicht ebenso, ivie ich hier angedentet habe?— Ich möchte Israel frei wissen von jedem Fehler: es soll ein heiliges Volk sein. Von Niemanden werden die Juden härter beurlheilt, werden sie so verurtheilt, wie von den Juden selbst. Warum? Weil es jeder Jude fühlt und weiß, daß ihm der Fehler jedes Glaubensgenossen angerechnet und zugeschrieben wird. Die Verantwortlichkeit der Gesammtheit für den Einzelnen, welche in neuerer Zeit 'entdeckt worden ist und häufig so stark betont wird, sie ist bei den Juden seit Jahrtausenden anerkannt und getragen worden. Der Jude ist Idealist, er hat den Idealismus in die Welt gesetzt; und der Idealist urtheilt und straft hart. Der Jude will, daß der uralte Spruch zur Wirklichkeit werde (4. M. 23, 21): „Man schauet nichts Böses an Jakob, und sieht kein Unrecht an Israel." Der Jude ist übertrieben: fleckenlos soll er sein. Erhaltet euch diese Uebertriebenheit. Es ist ja wahr: die Fehler, die man uns vorwirfl, finden sich sämmtlich auch innerhalb anderer Gemeinschaften, wo man sie weniger hart beurlheilt und leicht übersieht. So wollen wir stolz sein, daß man gerade uns diese Fehler zu so schmählichem Vorwurf macht. Warum thut man dies? Weil gerade uns diese Fehler am wenigsten anstehen; weil man dieselben an uns am wenigsten erwarten sollte! Denn wir haben die Propheten gehabt; wir haben eine mehrtausendjahrige Leidensschule der Religion und Sittlichkeit durchgemacht, eine höchst strenge Hochschule der Gesinnung und des Herzens. Und durch diese Schule sollten wir gegangen sein ohne Erfolg? Haben wir immer noch nicht das Zcugniß der Reife? ES ist nicht so arg, nein! ich glaube es auch. Man wirft dem Juden Anmaßung vor; unsere Gegner können es sich gar nicht denken, daß ein Jude nicht-anmaßend sein könnte. Oft genug, und das heißt: viel zu oft, wird er es ja wirklich sein. Gar nicht selten aber liegt hier nur das jüdische Temperament vor: das ist im kalten Norden immer noch orientalisch lebhaft. Was der Jude zu wissen glaubt, kann er nicht in sich halten; er muß es schnell laut werden taffen, bevor er gefragt wird, bevor die Reihe des Redens an ihn kommt. Will er nn einem Orte stehen, um etwas genau zu sehen, so muß er sich vordrängen — sein Temperainent drängt ihn, und dabei versäumt er manches Mal schuldige Rücksicht. Das ist nicht schön und wird unliebsam gedeutet. Lernt euer Temperament beherrschen! Lassen wir uns vom Propheten ratheu (Jes. 42, 2): „Er schreit nicht und rufet nicht; er läßt auf der Gasse seine Stimme nicht hören." Das heißt also: bescheiden sein! und davon wollte ich ja reden. Am liebsten thüte ich es so, daß ich rein positiv darlegte, wie sich die Bescheidenheit zeigt. Diese Tugend aber ist so eigenartig, daß sie sich nur durch Zurückhaltung kund giebt, daß sie nur j verbietet und gar nichts weiter fordert, als das Verbotene zu unterlassen. Nun kann man tausendfach schreien! Man schreit ja auch durch Farben und Formen, durch Geben und Nehmen, durch Gang und That. Und überall ist Schreien verboten, überall ist die Gasse! Im Omnibus nnd iin Kasino, im Salon, im Schauspielhaus und im Gotteshause, in seinem Heim und in der Zeitung! Weisheit, Tugend, Schönheit — auch sie sollen nicht laut werden auf der Gasse. Wandelt still, sitzet still überall, wo ihr seid. Und mm weißt du, verehrter Leser, was ich hier meine. Prahlt nicht, sucht nicht zu glänzen, glänzet mit nichts! auch nicht mit Lobenswerthem, geschweige mit Tand! Suchet keinen Ruhm, gehöret zu dm Stillen im Laude! Kann mau sich denn einer edlen Liebe rühmen? Könnte das wohl Liebe sein, dessen man sich rühmt? Alles aber, Wissen, Bildung, Sittlichkeit, Mildthätigkeit, gemeinnützige Wirksamkeit, alles das ist doch nur Liebe zu Gott — und damit prahlen! das auf der Gasse ausschreien! Kein Schein, den man absichtlich zu verbreiten sucht, ändert an dem Wesen. Man erhöht dadurch seinen Werth um nichts, daß man nach dem Schein eines höheren Werthes hascht; und ebenso wenig verliert man dadurch, daß man nicht scheint und nach außen glänzt. Es findet sich immer ein Kenner, der den verlacht, welcher sich mit unechten Juwelen schmückt; und der echte Edelstein behauptet seinen Werth unverkürzt, auch wenn er nicht gezeigt wird. Du willst gar nicht scheinen; du inöchtest nur als das auch gelten, was du wirklich bist. Du möchtest für gebildet und wohlthätig gelte», weil du cs auch bist. Aber bedenke: Bildung, Geist und Herz offenbaren sich nur und machen sich geltend, wenn sie nicht die Absicht verfolgen, hervorzutreten. Wo man die Absicht, die beste, spürt, da wird man verstimmt. Und bist du deiner Bildung und Tugend so sicher, daß du »reinen dürftest, die müßten oder könnten sich zeigen und sich sehen lassen? Rühme dich nicht deiner Gottesfurcht, nicht deiner Sittenreinheit, nicht deines Wissens — schon deswegen nicht, weil du, wie der alte Hillel sagte, bis zu deinem Todestage nicht au dich glauben nmßt (Sprüche der Väter 2, 5); denn so lange du lebst, kannst du fallen. Aber auch deswegen nicht, weil, wie ein Schüler Hillel's sagte (das. 2, 9), mit Altem, was du leisten magst, du doch nur das erfüllst, wozu du geschaffen bist. Du kannst nie inehr leisten, als du nach Kräften schuldig bist. Und bist du nun sicher, daß du so viel Gutes geübt, dich so streng von allem Bösen fern gehalten hast, wie

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