Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- Seite 632 (sequence 12)
- Language
- German
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632 „Das wird aber viel Geld kosten."! „Wenigstens zehn Mark bis Berlin." „Aber ich habe das Geld nicht dazu." i In diesem Augenblick läutet es zum zweiten Mal.! Mann und Frau, die Besitzer der Kiste, ringen die Hände, die! Kinder derselben erheben ein lautes Weinen.! „Hier sind drei Mark," spricht ein christlicher Herr, der der ganzen j Verhandlung mit Aufmerksamkeit gefolgt war — „hier sind drei Mark — , wer trägt noch dazu bei, den Unglücklichen fortzuhelfen?" Die Umstehenden ließen diese Aufforderung nicht vergebens an sich ergehen. Es gab ein Jeder, wenn auch nicht so reichlich, und in zwei Minuten waren die zehn Mark zusammen. „Jetzt schnell zur Expedition!" rief der Schaffner und legte selbst Hand an die Kiste. Noch Andere betheiligten sich an der Fortbringung des Ungeheuers, doch jetzt läutet es zum dritten Mal. Aber der Zugführer hat Einsicht, er wartet einige Augenblicke. Die Kiste ist untergebracht. Keuchend komint der Besitzer derselben zu den Seinen zurück, die seiner ängstlich harren. Der schrillende Pfiff der Lokomotive ertönt - und der Zug setzt sich in Bewegung. Wohl giebt es viel Unglück und Elend in der Welt, aber es sind auch reich an Zahl edle Herzen unter allen Konfessionen vorhanden, die ihren Beruf darin finden, diesen traurigen Begleitern der Menschheit die Schürfe und Unerträglichkeit zu nehmen. Heil denen, die sich zu diesen Vertretern der göttlichen Liebe auf Erden zählen können! * Lttterarische Mittheitunge«. Noch einmal Horaz. Von Bezirksrabbiner Schlesinger in Breiten. Sicher kamen in Folge der blutigen Einmischung des diplomatischen und ruhmsüchtigen Feldherrn Pompejus, der den verhängnißvollen Bruderzwist von Aristobul und Hyrkan in seiner Art schlichtete, in den von ihm veranstalteten Triumphzuge viele jüdische Kriegsgefangene nach Italien und insbesondere in die Hauptstadt des römischen Reiches, woselbst schon früher aus dem Orient Steuerpächter. Großkaufleute rc. sich niedergelassen (aus den Zeiten Simon ben Schetachs wird eines hochgestellten Dl^TIf) Taddäus in Be'.ug aus den Pesachabend vom Talmud Erwähnung gethan) und dort jenseits der Tiber — nach Analogie anderer Provinzen und Epochen — eine Religionsgemeinde mit eigener Synagoge errichtet haben mochten. War ihnen der Schiedsrichter und Sieger Pomreius, der mehr aus Berechnung dem heiligen Tempel und seinen Schätzen Schonung angedeihen ließ, nicht gerade günstig gesinnt,! so scheint sein mächtiger Bundesgenosse und Rival im Triumvirat, i der kriegsgeübte, gelehrte und gerechte Julius Cäsar, wie er dies , namentlich in Alexandrien n. mehrfach den Juden gezeigt, den Juden! besonders gewogen. Darum finden wir bei ben in Rom ansässig werdenden j jüdischen libertini, die mehr Religionskenntnisse aus der Heimath mitj brachten, bei aller Anhänglichkeit an den väterlichen Glaubens-Stamm ■ bei Einzelnen hervorragende Kenntnisse der griechischen Lrtteratur und Geschichte. Wenn nun der bedeutende römische Schriftsteller und Redner- Cicero in seiner Vertheidigung des der Gewalt und Erpressung angeklagten kleinasiatischen Statthalters Flaccus (auch wegen Zurückhaltung der , Tempelsteuer au rum judaeorum!) beim Anblick mancher Juden, welche! sich zu dem Auditorium zählten, mit Pathos auf die Erregung der Volksleidenschaften der großstädtischen und ländlichen Römer, auf das Unbekanntsein mit dem jüdischen Leben, Lehrinhalt, Sitten und Ge- > brauche spekulirt zu Gunsten seines bisher allgewaltigen Klienten und; seinem Judenhaß bei allen Gelegenheiten Ausdruck verleihet, während er selbst von der Nemesis erreicht, bald das Brod der Verbannung essen muß: wie muß uns dagegen anheimeln und feierlich berühren das Bild einer fast gleichzeitigen andern Persönlichkeit! i Horatius Flaccus, nur wenige Jahrzehnte jünger, selbst der Sohn eines Freigelassenen aus Apulien, der berühmte Dichter und Protege j eines Mäcenas und Augustus — denen er viele seiner Gedichte geweiht --! unterhält mit dem Grammatiker und Kunstkritiker, dem Juden A ristius i Fuscus freundliche Beziehungen, widmet auch ihm ein ganzes Carmen! (L. I Ode 22), betitelt ihn (I. B. Sat. 9i mihi carus („mein Theurer!"), j und was die Hauptsache ist, er legt auf dessen Benrtheilung seiner poetij schen Schöpfungen großes Gewicht. Horaz hat demnach im Umgang mrt ihm von der Denk- und Handj lungsweise der durch Loskauf als Libertini aufgenommenen auswärtigen Juden mehr gehört, als die meisten vornehmen und gebildeten Römer, deren Kenntniß hierüber oft so Lückenhaft ist, daß noch Justinus (B. XXXVI) schreiben konnte: Es bestünde seit Mosis die Verordnung: nt 8abbaUuri in omne tenipus jejunio sacraretur (der Sabbath sei für alle Zeiten fastend zu begehen). In seiner 9. Satyre (I. B.) nun, in welcher er in Hellen Farben gewisse Zudringlichkeiten geißelt, wird er, während er in den Frühstunden. von seinem Diener begleitet einen Spaziergang auf der via sacra macht, von einem anmaßenden Dichterling vollkommen mit Beschlag belegt. Sein gerade des Wegs kommender Freund, A. Fuscus, soll als deus ex maehina rhn nach einem schnell ausgetauschten verständnißinnigen Blick von dem Quälgeist befreien dadurch, daß er vorgab, er selbst habe jetzt mit Horaz Wichtiges zu verhandeln, das keinen Aufschub erleide oder nicht die Gegenwart eines Dritten ertrage. Er aber erwiedert: Scherz bei Seite. Unsere Verhandlung sei auf einen Werktag verschoben. Hodie tricesimu 8ahhata. Heute sind die 80 Sabbathe. Hierunter verstehe ich den Jomkippur, den Sabbath aller Sabbathe. der selbst den weniger im Judenthum eingeweihten Römern aus verschiedenen Schilderungen der noch ca. 100 Jahre bestehenden Tempelkultur zu Jerusalem bekannt sein konnte, ein Tag, der sicher alle Glaubensgenossen frühzeitig ins Gotteshaus rief. Die Synagoge in Rom, die vom Paradeplatze des Horaz noch weit entfernt war, wollte wohl auch A. Fuscus besuchen, aber er mußte zum allermindesten, wäre das Eingehen auf den Plan des Dichters thunlich gewesen, wie es am Sabbath oder Versöhnungstag an und für sich unthunlich war, ein Zuspätkommen in der Andachtstätte befürchten. Da die Zahl 30, die von Fuscus in dem qu. Gedicht zu seiner Entschuldigung genannt, in ritueller und selbst juridischer Beziehung (man denke nur an den Grundsatz: ein Darleihen gilt stillschwei* gend für 30 Tage) n. eine bedeutende und wichtige ist, dürfte sie nicht als eine runde, oder willkürliche aufzufassen sein. Auch muß nicht gerade, wie von gesch. S. in Nr. 38 und Nr. 4.1 geschehen, anftatrtrieesinium: tricosum gelesen, oder von dem Wochenabschn111 JTÜfcOS ausgehend, der Sabbath bechukotai Vorlesung der Drohungen und Strafen deren es doch außerdem noch eine zweite im Deuteronomium giebt, unbedingt gemeint fein. Nehmen wir vielmehr an, daß die gegen Flaccus erhobenen Klage wegen unrechtmäßiger Einziehung der Tempel-Schekelsteuer den außerhalb Palästinas lebenden Israeliten itod) frisch im Gedächtniß sein mußte, wer hindert uns im Hinblick auf die ausdrückliche Verordnung der Mischna : bv "1*1X2 nnxr den riM?, das erste Frühlingswehn, das Haupt der sogenannten! 4 guten Sabbathe, der die Zusammengehörigkeit und Gleichheit Aller 1 vor dem Gesetz und die Opferwilligkeit zu allen Zeiten kündete, gegenüber dem Römer als einen Ausgangspunkt der Zählung und kalendarischen Bestimmung zu nehmen, der nicht mit dem der Verlesung der Sidras verwechselt zu werden braucht! (NB. Auch der Sabbath Bereschit ist ebensowenig wie Adar-Anfang in der Mischna zu unter die Jahresanfänge ausgenommen.) Vom Sabbath Schekalim bis zum Jomkippur sind aber unter Berücksichtigung, daß mindestens einmal Festtag und Sabbath zusammenfüllt und in Abrechnung kommt, genau 80 Wockiensabbathe. Erwägt man ferner, daß der Lateiner für Sabbath und auch Festtag durchweg den Singular sabbatum anwendet, so könnte hier in hodie tricesima sabbata der Plural möglicherweise ein Doppeltest — das Zusammenfallen des Jomkippur mit dem allwöchentlichen Ruhetag - bezeichnen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlm.